Origen - Theaterarchitektur bei der Wasserscheide

Manuel Pestalozzi
9. August 2017
Links geht's zum Atlantik, rechts zum Schwarzen Meer. Der Theaterturm auf dem Julier steht. Bild: Bowie Verschuuren

Der vollendete Zentralbau auf dem Julierpass fokussiert auf eine vertikal verschiebbare abgehängte Bühne und erlaubt gleichzeitig einen Rundblick in die Bergwelt. Architektinnen und Architekten fehlen in den Credits.

Im Hochgebirge ist die Schweiz eine Wildnis. Die lebensfeindliche, extremen Wind und Wetterereignissen ausgesetzte Landschaft ist dennoch weitgehend domestiziert und wird wo immer möglich nutzbar gemacht. Eine Nutzungsverdichtung gibt es seit Jahrhunderten entlang den wichtigen Alpentransversalen. Seit einigen Jahren gesellt sich auf der Route über den historischen Julierpass mit der Organisation Origen auch der Kulturgenuss – gewissermassen en passant – hinzu.
 
Zentrale Person bei Origen ist Giovanni Netzer. Der Theologe, Kunsthistoriker und Theaterwissenschaftler bespielt seit 2006 die Burg Riom, im gleichnamigen Dorf bei der nördlichen Anfahrt des Passes. 2010 inszenierte man auf der Passhöhe das Freilichtspiel «La Regina da Saba» inmitten einem dreidimensionalen Bühnenbild. Auf die Staumauer des Marmorerasees wurde für Aufführungen 2013 eine kompakte kubische Skulptur gesetzt.

Nicht in Pisa, Weitwinkelobjektiv. Der Eröffnungstag des Theaterturms von Origen lockte viele Besucher an. Bild: Bowie Verschuuren
Die Bühne ist beweglich in der Vertikalen. Bild: Bowie Verschuuren

Giovanni Netzer gilt auch als Urheber dieses Theaterturms, der im Gegensatz zu den genannten Installationen mehrere Winter überstehen und erst 2020 wieder abgebaut werden soll. Der perfekte Zentralbau gemahnt an eine sakrale Nutzung. Mit der A-cappella-Oper «Grosse Apocalypse» des Churer Komponisten Gion Antoni Derungs (1935-2012) und dem Libretto von Goivanni Netzer nach der Johannes-Apokalypse hat die Inszenierung tatsächlich einen biblischen Bezug.
 
Ursprünglich schwebte dem Schöpfer für die Passhöhe eine Variante des Castel del Monte, der mittelalterlichen Schlossanlage in einem öden Streifen Apuliens, vor. Deren Seitentürme verschmolzen allerdings im Entwicklungsprozess mit dem Zentralbaukörper zu einem überdimensionierten Säulenfragment. Es erinnert an die «Colonne», einer als romantische Ruine getarnten Villa aus dem 18. Jahrhundert im Désert de Retz, einem Landschaftspark in Chambourcy im französischen Departement Yvelines.

Noch nicht alle Logen sind fertig gebaut. Auch fehlen noch sanitäre Einrichtungen, die in einer zweiten Etappe erstellt werden. Bild: Bowie Verschuuren

Die fünfgeschossige, innen und aussen ochsenblutrot gestrichene, 30 Meter hohe Struktur besteht eigentlich aus zehn massiven Einzeltürmen mit fünfeckigen Grundrissen. Zwischen ihnen befinden sich «bediente» Quadrate: Nischen und in den oberen Etagen Logen, die mit hohen Bogenfenstern versehen sind und sich nach innen öffnen. Der Fünfeck-Quadrat-Kranz, dessen Sternform die ebene Fundamentplatte nachzeichnet, umringt einen offenen Zentralraum, der sich bis zum Dachgebälk und dem grossen runden Oblicht erstreckt. In diesem Raum schwebt über einem Eingangsfoyer, auf dem Niveau des ersten Logengeschosses, die kreisrunde Bühne. Der Abstand zwischen ihr und den Logen ist so gross, dass vertikale Blickbezüge trotzdem möglich bleiben. Die Bühne ist von der Dachstruktur abgehängt und lässt sich in der Vertikalen verschieben, die Darstellenden werden wohl eine gewisse Seekrankheits-Resistenz mitbringen müssen.

Der Turm tritt als Massivstruktur in Erscheinung und ist in der Tat ein Holzplattenbau. Massgeblich an der Konzeption beteiligt war das Team des bekannten Holzbauingenieurs Walter Bieler aus dem bündnerischen Bonaduz. Erstellt hat man ihn gemäss Lignum Holzwirtschaft Schweiz aus Fichten, die im Alpenraum gewachsen sind – in der Schweiz und darüber hinaus. Insgesamt wurden 6500 Quadratmeter Massivholzplatten auf die Passhöhe transportiert und dort zusammengebaut. Von aussen wirkt das Gebäude robust, keine Fugen sind zu erkennen. Man glaubt gerne, dass das stark exponierte, signalartige Wayside Theatre einige Saisons Schneestürmen, Staublawinen und Windstärken von bis zu 200 km/h standzuhalten vermag.

Nicht nur die Kulisse, auch die Performances waren am Eröffnungstag sehr eindrücklich. Bild: Bowie Verschuuren

Der Turm ist tagsüber betret- und besteigbar, die Aufführungen der «Grossen Apocalypse» dauern bis am 15. August. Näheres siehe http://www.origen.ch/Apocalypse.1175.0.html?&L=0

Bild: Bowie Verschuuren
Bild: Bowie Verschuuren

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