Schwerer Verlust für Literatur und Architekturkritik

Elias Baumgarten
28. März 2019
Friedrich Achleitner. Bild: Lukas Beck © Paul Zsolnay Verlag

Friedrich Achleitner ist gestorben. Der Österreicher war nicht nur für seine leise doch humorvolle Art und sein heiteres Wesen bekannt, sondern auch als herausragender Literat und scharfsinniger Architekturkritiker. Sein Tod ist ein grosser Verlust für die Architektur- und Literaturszene seines Heimatlandes und des ganzen deutschen Sprachraumes. 

Friedrich Achleitner, den seine Freund*innen liebevoll «Fritz» nannten, studierte Architektur, doch gebaut hat er nie. Schon nach kurzer Zeit im Architekturbüro legte er den Zeichenstift nieder. Berühmt wurde er stattdessen als überaus talentierter Schriftsteller und scharfsinniger Kritiker, der sich höchst ungern ein Blatt vor den Mund nahm. 1957 trat er der avantgardistischen Wiener Gruppe bei, einer losen Künstlervereinigung. Deren Mitglieder um die Schriftsteller H. C. Artmann, Konrad Bayer, Gerhard Rühm und Oswald Wiener orientierten sich an Surrealismus und Dadaismus. Sie fielen durch Sprachexperimente und bisweilen provozierende politische Stellungnahmen auf. Kritisch standen sie insbesondere der konservativen österreichischen Nachkriegsgesellschaft gegenüber. Achleitner interessierte sich besonders für Dialekte. Dies war eine Geste des Aufbruchs, denn in der Schule war er dazu angehalten worden, «schön» – also Hochdeutsch – zu sprechen. 1959 veröffentlichte er gemeinsam mit Artmann und Rühm den Roman «hosn rosn baa» in Mundart. 

«Der Innsbrucker Bürgermeister hat alle Inserate gecancelt, weil ich kritisch über das Olympische Dorf geschrieben habe.»

Friedrich Achleitner

Als sich ihr Mitstreiter und Freund Konrad Bayer 1964 das Leben nahm, begann die Gruppe zu zerfallen. Achleitner wandte sich der Architekturkritik zu: Er begann anonym für die Abendzeitung zu schreiben. Bald darauf, in 1962, wechselte er zur Zeitung Die Presse. Dort mischte er die Szene auf, weil er sich erlaubte, auch die Platzhirsche zu attackieren. Chefredakteur Otto Schulmeister musste sich Beschwerden erboster Architekt*innen am Laufmeter anhören, stellte sich aber stets vor seinen Autor. Rasch wurde dieser für seine Kritiken berühmt und erhielt 1968 eine Professur für Geschichte der Baukonstruktion an der Akademie der bildenden Künste in Wien. 1983 bis 1998 stand er dann der Lehrkanzel für Geschichte und Theorie der Architektur an der Wiener Hochschule für angewandte Wissenschaft vor.

1980 erschien sein Opus magnum, das Buch «Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert», an dem er seit 1968 gearbeitet hatte. Die Dokumentation umfasst Bauten aus den Kantonen Oberösterreich, Salzburg, Tirol und Vorarlberg. Bis 2010 folgten zwei weitere Bände zu den übrigen Bundesländern – Niederösterreich allerdings blieb ausgespart. «Da müsste ich 100 werden», so Achleitners augenzwinkernder Kommentar. Er erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen. 2009 wurde Achleitner das siebte Ehrenmitglied der Wiener Secession.

Mit seinem Tod verliert Österreich, verliert der ganze deutsche Sprachraum, einen herausragenden Autor und Kritiker – und eine grossartige Persönlichkeit.

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