Schwierige Arbeit am Denkmal: Umbau auf dem Reichsparteitagsgelände

Elias Baumgarten
25. Mai 2022
Dieses Foto eines Teilnehmers zeigt das Zeppelinfeld während des Reichsparteitags im Jahr 1933. Die Parteitage der NSDAP fanden meist im Spätsommer statt und wurden nach der sogenannten «Machtergreifung» als riesige Propagandaveranstaltungen in Nürnberg abgehalten. (Foto © Museen der Stadt Nürnberg, Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände)

 

Nürnberg, wo 1935 mit den sogenannten «Nürnberger Gesetzen» die juristische Grundlage für die Diskriminierung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung geschaffen wurde, ist einer der wichtigsten Erinnerungsorte, möchte man verstehen, wie die nationalsozialistische Gewaltherrschaft in Deutschland funktionierte. Ein Besuch des nie vollendeten Reichsparteitagsgeländes lehrt in beklemmender Weise, mit welchen Mitteln der Propaganda, aber auch der Einschüchterung und der Unterdrückung Hitler und die NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) ihre Macht festigten und versuchten, umfassenden Zugriff auf die Menschen zu bekommen – auch auf ihr Denken und ihre Emotionen. Zudem wird dort spürbar, wie im «Dritten Reich» Architektur mit viel Bedacht als Machtinstrument eingesetzt wurde und als Medium, um ideologische Botschaften, etwa die Herabwürdigung des Individuums bis zur Bedeutungslosigkeit bei gleichzeitiger Überhöhung der «Volksgemeinschaft», zu vermitteln.

 

Modell des Reichsparteitagsgeländes an der Pariser Weltausstellung 1937 (Foto © Deutsches Bundesarchiv)

Mitte der 1990er-Jahre fassten die Verantwortlichen der Stadt Nürnberg den Entschluss, auf dem Gelände ein Dokumentationszentrum einzurichten. Platz finden sollte das Museum im nördlichen Kopfbau der unvollendeten Kongresshalle. 1998 waren die Vorbereitungen so weit gediehen, dass ein internationaler Architekturwettbewerb ausgelobt wurde. Diesen gewann Günther Domenig (1934–2012), einer der wichtigsten Protagonisten und Impulsgeber der jüngeren österreichischen Architektur. Domenig, der unter anderem mit seinem Opus magnum, dem Steinhaus in Steindorf (1980), viele österreichische Architekturschaffende bis heute inspiriert, wird oft der Strömung des Dekonstruktivismus zugeordnet (sein Werk ist allerdings sehr vielschichtig und weist Bezüge zu verschiedenen Stilrichtungen auf). Deren Vertreter wurden inspiriert durch die Philosophie des Franzosen Jacques Derrida (1930–2004) und versuchten, seine Methodik des Denkens in die Architektur zu überführen. 

Domenigs Entwurf für das Dokumentationszentrum ist seine Nähe zum Dekonstruktivismus sowohl formal als auch konzeptionell anzumerken: Neben dem Foyer hängte er einen Kinosaal in den denkmalgeschützten Bestand. Auf das Dach des Monumentalbaus setzte er das Studienforum. Dazu trieb er einen 130 Meter langen gläsernen «Pfahl» diagonal durch den Kopfbau, durch den die Besucher*innen aus der Ausstellung zurück zum Ausgang gelangen. Durch diesen Eingriff brach Domenig die strenge Axialität der Kongresshalle und ermöglichte neue Perspektiven auf die einschüchternde Herrschaftsarchitektur. Seine Auseinandersetzung mit dem NS-Bau wurde in den Folgejahren mehrfach ausgezeichnet.

Eröffnet wurde das Museum im Jahr 2001 durch Deutschlands damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau (1931–2006). Die Ausstellung im Dokumentationszentrum entwickelte sich rasch zum Publikumsmagnet. Hatte man für 100000 Besucher*innen geplant, kam bald die dreifache Menge. Im Herbst 2020 wurde darum mit dem Ausbau des Museums begonnen, wobei das einheimische Büro Fritsch Knodt Klug + Partner die knifflige Aufgabe erhielt, sensibel an dem Konglomerat aus historischer Substanz und Domenigs Eingriff weiterzubauen.

 

Adolf Hitler und die Architekten Albert Speer (links) sowie Franz Ruff (rechts) besprechen Pläne und Modelle des Deutschen Stadions auf dem Reichsparteitagsgelände. (Foto © Deutsches Bundesarchiv)

Die Arbeiten am Museum sollen 2024 abgeschlossen sein. Am 3. Mai nun konnte das Ende der Rohbauarbeiten im Beisein von Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König, Bürgermeisterin Julia Lehner und Planungs- und Baureferent Daniel F. Ulrich gefeiert werden. Nun folgt der Innenausbau.

Doch wie wird sich das Dokumentationszentrum im Zuge der Umgestaltung baulich verändern? Die Besucherführung wird so umgebaut, dass sie künftig barrierefrei ist. Dazu wird unter anderem ein neuer Haupteingang auf Strassenebene geschaffen und der bisherige mit einer Stahltreppe zum reinen Ausgang umfunktioniert. Zudem wird das Foyer grosszügiger, und die Gastronomie erhält einen neuen Standort mit Aussenflächen, die zum Dutzendteich orientiert sind. Im Sockelgeschoss entsteht ein weiterer Veranstaltungssaal. Die Ausstellungsflächen werden vergrössert, sodass die Dauerausstellung wachsen kann. Und schliesslich wird auch für Forschende mehr Platz geschaffen: Neue Büros, Lagerflächen und eine Fachbibliothek werden eingebaut.

 

Diese Aufnahme zeigt Günther Domenigs Studienforum auf dem Dach der denkmalgeschützten Kongresshalle und den Eingang zum Dokumentationszentrum. Deutlich wird, wie der Eingriff des Österreichers die Axialität, Symmetrie und Strenge des NS-Baus aufbricht. Der Bauzaun wurde zwischenzeitlich zur Ausstellungsfläche umfunktioniert. (Foto: Martina Christmeier © Museen der Stadt Nürnberg, Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände)

Insgesamt wird das Projekt nach heutigem Stand 25,7 Millionen Euro kosten. Ein beträchtlicher Anteil dieser Summer wird aus Fördermitteln bezahlt, die vom Bund und vom Freistaat Bayern kommen. Während der Bauarbeiten wird eine Interimsausstellung in der grossen Ausstellungshalle gezeigt. 

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