Vergessener Meister: Wie Chen Kuen Lee seine Bauten als Fortsetzung der Landschaft dachte

Eduard Kögel
6. Mai 2022
Als Homosexueller hatte es Chen Kuen Lee im Deutschland der Nachkriegszeit sehr schwer, öffentliche Aufträge blieben ihm versagt. Trotzdem schuf er ein beeindruckendes Œuvre. Mit seiner Haltung zur Natur war er seiner Zeit weit voraus. (Foto: privat)

Chen Kuen Lee arbeitete lange bei Hans Scharoun, den er als seinen Meister ansah. Doch Scharoun lernte auch von Lee: Durch ihn kam er mit der traditionellen chinesischen Philosophie in Berührung, die den Menschen als Teil der Umwelt sieht.

Vor fünfzig Jahren starb Hans Scharoun (1893–1972), der in seiner Genialität immer auch etwas eigenbrötlerisch blieb. Nach dem Zweiten Weltkrieg unterrichtete er an der TU Berlin die Nachkriegsgeneration in seinem besonderen Architekturverständnis des Neuen Bauens, das von Frank Lloyd Wright inspiriert war. Daneben betrieb er sein eigenes Büro, in dem viele junge Architekten arbeiteten. In einer Artikelserie stellt Eduard Kögel, ein Experte für deutsche und chinesische Architektur, einige seiner ehemaligen Mitarbeiter und Studenten vor, die aus unterschiedlichen Gründen in seinem grossen Schatten blieben.
 
Eine Auswahl aus den über sechzig Bauten, die Chen Kuen Lee realisieren konnte.
 
  • Haus Scharf, Obersdorf, 1953–1954
  • Haus Ketterer, Stuttgart, 1954–1955
  • Haus Straub Senior, Süddeutschland, 1955–1956
  • Haus Kiekert, Heiligenhaus, 1960
  • Kettenhäuser Adolf Haag, Stuttgart, 1961–1962
  • Apartmenthaus Bense, Stuttgart, 1961–1962
  • Sozialer Wohnungsbau Märkisches Viertel, Berlin, 1965–1970
  • Haus Gilliar, Nabburg, 1966–1968
  • Haus Audry, Steinfort, Luxemburg, 1967–1969
  • Haus Straub Junior, Süddeutschland, 1975–1978
  • Haus Gärtner, Bretten, 1979–1981

 

Bis heute bleiben homosexuelle Architekt*innen mit einer Menge Tabus behaftet, und mit Verspätung werden die eigentlich privaten Aspekte im Kontext ihrer Werke angesprochen. Bei Politikern und Künstlern wird dies bereits seit Jahren als identitätsstiftender Aspekt ihrer Arbeit diskutiert, denn aus ihrer sexuellen Orientierung resultierten Benachteiligungen. – Und im Nachkriegsdeutschland der 1950er-Jahre drohte Schwulen und Lesben sogar Haft. Ähnlich tabuisiert wie bei Architekten ist das Thema wohl nur bei Fussballern: Als ich vor einigen Jahren in einem Beitrag über Chen Kuen Lee (1914–2003) für eine renommierte deutsche Fachzeitschrift auf dessen sexuelle Orientierung hinwies, wurde dieser Absatz aus dem gedruckten Text ersatzlos gestrichen. Aber wie sonst soll man sein Werk verstehen? Deshalb ist es wichtig, darüber zu schreiben und die damit verbundene Benachteiligung beim Namen zu nennen.

Chen Kuen Lee kam 1930 als Jugendlicher aus China nach Deutschland und studierte Architektur. Kurz war er in der Meisterklasse des 1936 verstorbenen Hans Poelzig; im darauffolgenden Jahr erhielt Lee sein Diplom an der TU Charlottenburg, der heutigen TU Berlin. 1937 überfielen die Japaner seine Heimatstadt Shanghai, und sein Vater riet ihm, erst einmal in Deutschland zu bleiben. Von dort waren die für ihn interessanten Architekten allerdings bereits emigriert oder sie sassen auf gepackten Koffern. Einer der wenigen, die trotz der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten noch in Berlin arbeiteten, war Hans Scharoun. Bei ihm fand Lee Unterschlupf. 

 

Die Gartenfassade des Hauses Straub Senior (Foto: Eduard Kögel)
Elegante Treppe aus Aluminium und Ulmenholz (Foto: Eduard Kögel)
Im mit Glaskunst geschmückten Gartenpavillon (Foto: Eduard Kögel)
Grundriss: Chen Kuen Lee und Hermann Mattern, Foto: Eduard Kögel
Das Wohnhaus von Carlheinz Jonny Straub – ein Schlüsselprojekt Lees

Nach dem Krieg traf Lee durch die Vermittlung von Scharoun auf den Möbelfabrikanten Carlheinz Jonny Straub, der für seine Familie ein Haus ausserhalb einer süddeutschen Kleinstadt bauen wollte. Für Lee war es eines der ersten Projekte seiner Selbständigkeit. Das Grundstück lag in einem Landschaftsschutzgebiet, und für die Baugenehmigung brauchte es einige Gutachten. Beim Haus Straub Senior (1955–1956) musste aus diesen Gründen mit unterschiedlichen Behörden verhandelt werden, und erst bei einem Termin vor Ort konnte Lee mit einem Model überzeugen. Wie man Eindruck macht, wusste er. In einem Brief nach einem der Treffen auf dem Grundstück schrieb ein Beteiligter an ihn: «Wir haben immer noch vor Augen (besonders Annemarie), wie Du, in todschickem Mantel, lässig-elegant mit der Zeichenrolle winkend, den Stratocruiser bestiegst.» Da er selbst keinen Führerschein hatte, reüssierte sein Lebenspartner als Fahrer.

Das komplexe Raumgefüge des Hauses erforderte auch einen kreativen Bauingenieur, den Lee in Christian Sättele fand, der in den folgenden Jahren bei den meisten seiner Bauten die Statik berechnete und ohne dessen Beitrag Lees Architektur so nicht möglich gewesen wäre. Für den Außenraum arbeitete Lee mit dem renommierten Landschaftsarchitekten Hermann Mattern zusammen, der dazu beitrug, dass Landschaft und Architektur zu einer Einheit zusammenkamen. Lee kannte Mattern aus Scharouns Büro, der mit ihm seit den 1930er-Jahren zusammenarbeitete. Der Clou beim Haus Straub Senior war ein sichelförmiger Teich, der unter der Wohnzimmerverglasung hindurch aus dem Garten bis in den Innenraum ging. Es ist nicht schwer vorzustellen, dass diese Idee aus bauphysikalischen Gründen durchaus problematisch war, wie mir die Bauherrin bei einem Gespräch vor zwanzig Jahren berichtete.

Für das Haus entwickelte Günter Ssymmank, der von 1955 bis 1957 als Assistent bei Scharoun an der TU Berlin arbeitete, eine elegante frei stehende Treppe aus Aluminium mit Trittflächen aus Ulmenholz. Der Künstler Christian Oehler trug ein dekoratives Betonglasfenster bei, das durch ein stark vergrössertes traditionelles chinesisches Muster, das gesprungenes Eis symbolisiert, strukturiert ist. Mit den ersten spektakulären Projekten im Portfolio konnte Lee weitere Bauherren gewinnen, die entweder der alternativen Szene oder aber der liberalen kulturellen Boheme zuzuordnen waren. Seine Auftraggeber blieben aber privat, da er mit seiner sexuellen Orientierung bei öffentlichen Aufträgen bis Anfang der 1970er-Jahre aufgrund des Paragrafen 175 mit Schwierigkeiten zu rechnen gehabt hätte. Dazu kam, dass er ab den 1950-Jahren staatenlos war. – In Kombination mit seiner Homosexualität war das ganz sicher kein Karrierebeschleuniger.

 

Das Haus Gilliar ist eingebettet in die Topografie der Umgebung (Foto: Eduard Kögel)
Im Haus Gilliar (Foto: Eduard Kögel)
Eingebettet in die Topografie – das Haus Gilliar

In der bayerischen Provinz entstand das Haus Gilliar (1966–1968) ebenfalls in einem Landschaftsschutzgebiet. Die Widerstände gegen den Standort wurden zum einen durch den Einfluss des Bauherrn eliminiert, andererseits aber auch, weil Lee sich mehrere Tage auf dem Gelände aufhielt und das Bauvolumen anschliessend so gruppierte, dass es in der Topografie geradezu verschwindet. Bei diesem Projekt arbeitete er für die Innenräume mit Günter Ssymmank und bei der Aussenraumgestaltung mit dem Landschaftsarchitekten Hannes Haag zusammen. Ssymmank entwickelte neben einer individuellen Treppe, Leuchten und weiteren Einrichtungsgegenständen auch ein Dachfenster, das sich über einen Motor wie eine Blüte öffnen lässt.

 

Im Märkischen Viertel in Berlin konnte Lee einen sozialen Wohnbau verwirklichen. (Foto: Eduard Kögel)
Grosswohnbau und gescheiterter Städtebau

Seinen grössten Auftrag im Märkischen Viertel in Berlin mit über 1700 Wohneinheiten verdankte Lee dem damals für den Städtebau verantwortlichen Georg Heinrichs, der die Architekten auswählte. Heinrichs beauftragte vor allem Gestalter, die ganz sicher nicht in die NS-Diktatur verstrickt waren und keinerlei nationalsozialistisches Gedankengut in sich trugen. Denn als Kind hatte er selbst einige Zeit in einem Arbeitslager verbringen müssen. Aber das Märkische Viertel wurde noch vor seiner Fertigstellung zum Synonym für einen verfehlten Städtebau.

Auch die Energiekrise Ende der 1970er-Jahre wirkte sich negativ auf Lees Auftragslage aus. Deshalb ging er von 1981 bis 1996 mit seinem Partner nach Taiwan, wo er an der Tunghai-Universität unterrichtete. Danach kehrten beide nach Berlin zurück, wo sie bis zu seinem Tod in einer der von ihm geplanten Sozialwohnungen im Märkischen Viertel lebten. 

 

Die ungebrochene Relevanz traditioneller chinesischer Architektur

Während der Kriegsjahre hatte Lee zusammen mit Scharoun und Hugo Häring in informellen Zusammentreffen die traditionelle chinesische Architektur studiert und daraus Aspekte destilliert, die nach dem Krieg ihre architektonische Haltung eines fliessenden Raumes definierten. Die Idee, geneigte Dächer als Fortsetzung der Landschaft zu sehen und die Natur mit der Architektur zu verschmelzen, setzte ein Grundthema, das sich bei den Architekten aus dem Umfeld Scharouns nach dem Krieg wiederfindet. 

Chen Kuen Lee baute fast nur für private Bauherrn Ein- und Mehrfamilienhäuser. Dass er trotz seiner Fähigkeiten keine öffentlichen Aufträge bekam, hing gewiss auch mit seiner Homosexualität zusammen, denn dadurch wäre er für missgünstige Konkurrenten leicht zu einer öffentlichen Zielscheibe geworden. Viele seiner Häuser stehen heute unter Denkmalschutz, denn seine ungewöhnlichen Wohnlandschaften, seine besonderen Verbindungen zwischen innen und aussen sowie seine Begeisterung für interdisziplinäre Zusammenarbeit führten zu einer aussergewöhnlichen Architektur, die bis heute beeindruckt.

Verwandte Artikel

Andere Artikel in dieser Kategorie