Von Mies bis Sobek – ein Nachruf auf den deutsch-amerikanischen Architekten Helmut Jahn

Falk Jaeger
11. Mai 2021
Helmut Jahn posiert für die deutsche Fotografin Ingrid von Kruse ausnahmsweise ohne seinen geliebten Hut. (Foto: Ingrid von Kruse)

Helmut Jahn verstand es, seine Person als Marke zu stilisieren, liess sich (fast) immer mit Hut ablichten und bediente nicht ungern das Klischee des von den Bauherrn geschätzten Star-Architekten. Der begeisterte Segler, Skifahrer und Radfahrer verunglückte mit dem Fahrrad am 8. Mai in Campton Hills bei Chicago tödlich.

Es ist die Bilderbuch-Erfolgsstory von einem, der auszog, in der Neuen Welt sein Glück zu machen. Der 1940 in Nürnberg geborene und im beschaulichen Zirndorf aufgewachsene Lehrersohn war 1966 nach dem Diplom an der TU München nach Chicago gegangen, um sich am MIT (Massachusetts Institute of Technology) zum Postgraduate-Studium einzuschreiben. Dort studierte er unter anderem bei Myron Goldsmith und Fazlur Khan, den Hochhausideologen und Wolkenkratzer-Ingenieuren des Architekturbüros Skidmore, Owings and Merrill SOM. Und er erlebte dort Ludwig Mies van der Rohe, was ihn derart beeindruckte, dass er zunächst zum Miesianer wurde und sich an dessen Gestaltungskanon orientierte. Er blieb am Michigansee, trat 1967 in das Architekturbüro C. F. Murphy Associates ein und stieg rasch in die Chefetage auf. Nach sechs Jahren war er bereits als Vizedirektor verantwortlich für Planung und Entwurf. 1982 übernahm er die Geschäftsführung des Büros Murphy/Jahn, das ab 2012 nur noch Jahn firmierte.

Mit Bibliotheken, Sporthallen und Schulen begann er, um dann immer grössere Bauaufgaben zu übernehmen. Bekannt wurde er mit dem Xerox Center, einem eleganten Hochhaus in Chicago (1980); berühmt aber machte ihn das State of Illinois Center (1985), konzeptionell vielleicht sein stärkstes Werk. Mitten im Strassenraster ragt es als schräg angeschnittener Kegelstumpf aus Glas empor. Im Inneren liegt eine haushohe öffentliche Halle, wie er sie später auch in Berlin realisierte. Der Bau sollte die offene, transparente Verwaltung des Bundesstaats zum Ausdruck bringen und die zukunftsgewandte Technik feiern. Der Bautypus machte vielfach Schule, das Gebäude selbst ist inzwischen leider schadhaft und vom Abriss bedroht.

Atrium des James R. Thompson Center (Foto: Kenneth C. Zirkel, via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Jahn setzte die Technik dekorativ ein und wurde zum High-Tech-Architekten, moderat freilich, nicht wie Rogers und Foster, die damals die Konstruktion zum Designobjekt erhoben, und auch nicht wie Calatrava, der Konstruktion im Grenzbereich zur Bionik dramatisierte.

Mitte der 1980er-Jahre kann man Jahn dann durchaus als postmodernen Architekten bezeichnen. Seine grossmassstäblichen Bauten wurden zunehmend dekorativer. Er entwickelte einen Individualstil, das Vexierspiel mit Glasflächen, transparent oder als Farbtafeln, wurde zu seinem Markenzeichen. Putz oder Stein kamen nicht infrage, allenfalls Aluminium, das zu seinem bevorzugten Farbkanon aus Blau, Grau und Silber passte. Hochhäuser gestaltete er in seiner postmodernen Phase gern in der von Sullivan geprägten Tradition Chicagos – mit klassischer Dreiteilung aus Sockel, Schaft und Krone. Er hatte erkannt, dass Erinnerungen an die glamourösen Art-Deco-Türme der 1930er-Jahre bei den Investoren noch immer Beifall fanden. Eines dieser gefälligen Hochhäuser konnte er in den Jahren zwischen 1985 und 1991 in Frankfurt bauen, den 265 Meter hohen Messeturm, der von der deutschen Fachpresse und Architektenszene allerdings sehr reserviert aufgenommen wurde.

Das Sony Center in Berlin (Foto: Membeth, via Wikimedia Commons, PD)

Helmut Jahn selbst residierte in Chicago in einem opulenten Hochhaus am Wacker Drive, einem dramatischen Turmbau aus dem Jahr 1926. Wenn er im Tempietto auf dessen Spitze Gäste zum Lunch empfing, erklärte er in seiner an Henry Kissingers Deutsch erinnernden Diktion die Aussicht und wies hinüber zum berühmten Chicago Tribune Tower. Dort unterhielt Josef Paul Kleihues «auf Augenhöhe» ein Büro, als er von 1994 bis 1996 das Museum of Contemporary Art in der Stadt baute. Jahn hatte ihm 1990 als Juryvorsitzender den Auftrag verschafft. Es traf sich ganz gut, dass Kleihues 1992 der Jury für das Sony Center in Berlin vorsass und ihn seinerseits ins Spiel bringen konnte.

Jahns Sony Center (Berlin, 1993–1999) steht nach dem Messeturm in Frankfurt und dem München Airport Center in der inzwischen stattlichen Reihe von Projekten, die der gebürtige Nürnberger in Deutschland realisieren konnte. Zu seinen zahlreichen Flughafenbauten in aller Welt gehört auch das Terminal in Köln/Bonn. Allein am Kurfürstendamm in Berlin hat er drei Marken gesetzt: am Anfang den gläsernen Keil des neuen Kranzler-Ecks, in der Mitte das extrem schmale «Handtuchhaus» und am Halensee das Athena-Haus KU 119.

Testturm von ThyssenKrupp in Rottweil (Foto: Rainer Viertlböck)

Hochhäuser hat «Turmvater Jahn» auch in München gebaut: den Skyline Tower in Schwabing und die beiden Highlight Towers – nicht ganz unumstritten, weil sie am Ende der Ludwigstraße die Silhouette bestimmen – sowie in Bonn den Post Tower, auch er wegen seiner Dominanz über Egon Eiermanns Abgeordnetenhochhaus «Langer Eugen» kritisiert. Seit besagtem Projekt in Bonn arbeitete er eng mit dem Ingenieur Werner Sobek zusammen und kehrte damit der Postmoderne den Rücken – zuletzt 2014 beim mehrfach preisgekrönten, spektakulären Aufzug-Testturm der deutschen Traditionsfirma ThyssenKrupp in Rottweil.

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