Wieder Vorreiter

Manuel Pestalozzi
24. Oktober 2023
Die Installation «Gelbes Herz» gehört zu den bekanntesten Arbeiten von Haus-Rucker-Co. (Foto: © Archiv Günter Zamp Kelp)

Die Gruppe Haus-Rucker-Co, 1967 von Laurids Ortner, Günter Zamp Kelp und dem Maler Klaus Pinter gegründet, gehört zu Österreichs famoser Nachkriegsavantgarde und damit zu einem einzigartigen Phänomen der jüngeren Architekturgeschichte. Gerade Arbeiten wie das «Gelbe Herz» (1968), «Ballon für zwei» (1969) oder «Environment Transformer» (1968) sind ikonisch – und noch heute aktuell. Als Werke im Schnittbereich von Kunst und Architektur fordern sie zur Verknüpfung von Kunst und Lebenspraxis auf. Doch das ist nur die bekannteste Deutung. Aus den oft pneumatischen Konstruktionen spricht beispielsweise auch die Faszination jener Zeit für die Raumfahrt – man denke hier zum Vergleich etwa an den Prototyp «Villa Rosa» und die zugehörigen Helme von Coop Himmelb(l)au. Und auch die sexuelle Revolution der späten 1960er-Jahre scheint im Werk von Haus-Rucker-Co zuweilen ihren Niederschlag zu finden. Besonders interessant ist aus heutiger Sicht auch, dass die Avantgardisten der 1960er- und 1970er-Jahre bereits über die voranschreitende Umweltzerstörung nachdachten. Im Frühjahr 1971 waren Arbeiten von Haus-Rucker-Co in der Ausstellung «Cover. Überleben in verschmutzter Umwelt» zu sehen. Zu erwähnen bleibt, dass sich pneumatische Installationen, die Schutz vor einer lebensfeindlichen Umgebung bieten, auch im Werk anderer österreichischer Avantgardisten jener Zeit finden – man denke nur an Hans Holleins Arbeit «Mobiles Büro».

Noch bis Ende Februar kommenden Jahres läuft im Linzer Kunstmuseum Lentos die Schau «Atemzonen» zum Werk von Haus-Rucker-Co. Der Ausstellungstitel ist dabei zu verstehen als Anspielung auf das Element Luft, das in der Arbeit der Avantgardisten eine zentrale Rolle spielte – bei den vielen pneumatischen Konstruktionen etwa, die Schutz in einer bald schon unbewohnbaren Atmosphäre bieten. Zu sehen sind Werke aus dem Archiv Günter Zamp Kelp, das die Stadt Linz ankaufte und auf das das Kunstmuseum Lentos seit 2020 Zugriff hat. Es ist übrigens das erste Mal, das wesentliche Teile des Konvoluts gezeigt werden.

Die pneumatische Konstruktion «Ballon für zwei» (Foto: © Lentos Kunstmuseum Linz)
Haus-Rucker-Co bestand offiziell bis 1992. In der Ausstellung «Atemzonen» sind aber auch Arbeiten zu sehen, die wesentlich später entstanden, so zum Beispiel «Gelbes Herz, Zero Gravity Heart» von Günter Zamp Kelp aus dem Jahr 2012. (Collage: © Lentos Kunstmuseum Linz)

Günter Zamp Kelp, der die Schau selbst architektonisch gestaltet hat, unterteilte den 800 Quadratmeter grossen Ausstellungsraum durch sieben szenische Paravents in sechs thematische Bereiche. Sie heissen «Klimakontrolle», «Progressives Wohnen», «Stadtnatur», «Kosmos Vanilla», «Geschichten vom Raum» und «Orte der Kommunikation». Zu der sehenswerten Ausstellung gehören auch besonders bekannte Arbeiten, etwa der eingangs erwähnte «Ballon für zwei». 

Umfangreich und kreativ gestaltet ist das Begleitprogramm: Besucher*innen können beispielsweise eine Führung mit einer Atemmeditation kombinieren, an einer Diskussionsrunde zu Architektur und Stadtklima teilnehmen oder sich von Günter Zamp Kelp und Zukunftsforscher Ludwig Engel die Exponate erklären lassen. Ein Besuch in Linz lohnt sich also. Die Schau ist eine Einladung, das «Austrian Phenomenon», Österreichs Architektur-Avantgarde der Nachkriegszeit, neu zu entdecken und sich zu fragen: Haben die Arbeiten aus den 1960er- und 1970er-Jahren gerade heute in einer Zeit der Destabilisierung und der Klimakrise eine neue Relevanz? Können sie uns inspirieren? Gibt es etwas aus ihnen zu lernen?

Das Plakat «Vanille Zukunft» von Günter Zamp Kelp aus den späten 1960er-Jahren (Plakat: © Lentos Kunstmuseum Linz)

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