Z-Initiative: Philip Ursprung ist dafür

Manuel Pestalozzi
4. Februar 2019
ETH Hönggerberg im Winter 2019. Bild: Manuel Pestalozzi

Die Onlinepublikation Republik fragte den Professor und Vorsteher des Departements Architektur der ETH Zürich nach seiner Position bei der Zersiedelungsinitiative. Er hält ihre Spielregeln aus der Perspektive der Planenden für fruchtbar. 

Am 10. Februar 2019 steht die Zersiedelungsinitiative der Jungen Grünen zur Abstimmung. Durch die hiesige Architekturszene geht offenbar ein Riss. Die Planerverbände sind dagegen, wobei der BSA Bern mit einer Ja-Empfehlung ausschert. Mario Botta ist dafür, denn er hasst die hässliche Agglomeration, die bereits besteht. Und der Chefredaktor der Zeitschrift Hochparterre, Köbi Gantenbein, hoffte in einem Editorial auf einen möglichst hohen Ja-Anteil – offenbar in der Gewissheit, dass die Initiative beim Volk nicht durchkommen wird.

Und nun meldet sich also auch Philip Ursprung zu Wort. Befragt von Daniel Binswanger für Republik, erklärt der Professor für Kunst- und Architekturgeschichte seine Zustimmung mit einer Betrachtungsweise «aus der Sicht der Entwerfer». Die Spielregel, dass nur dort gebaut werden darf, wo bereits etwas gebaut wurde, halte er aus dieser Perspektive für «sehr fruchtbar». Er denkt, dass das Regelkorsett erfinderisch macht und insbesondere zu neuen Formen des Zusammenlebens führt, wenn «die Wiese tabu ist».

Diese Gedanken wurden und werden allerdings bereits im revidierten Raumplanungsgesetz verarbeitet – ganz im Sinne der inneren Verdichtung. Auf das «bizarre Timing» der Initiative angesprochen, argumentiert der Professor eigentlich auf der Linie des Hochparterre-Chefredaktors und sieht die Volksinitiativen-Abstimmung (offenbar mit einer eindrücklichen Ja-Minderheit als Zielgrösse) «als ein positiv zu bewertendes, emotionales Zeichen». Vor diesem Hintergrund geht er nun kritisch auf den Inhalt des Initiativtextes ein: «Die Idee eines völligen Einfrierens, eines völligen Stopps der Bauzonenausdehnung beruht auf einer essenzialistischen Ideologie, also der Vorstellung, dass Begrenzung ein Naturgesetz sei.» Und er setzt noch einen drauf: «Im Kern steht die populistische Losung: Jetzt ist genug!» Allerdings ist es hier guter Populismus, der am Werk ist.

Anschliessend kommt das Gespräch auf ein Thema, welches auch jenseits dieser Volksinitiative noch zu wenig diskutiert wird: Was ist «Landschaft»? Die ganze Diskussion um die Vorlage zeigt, und das ist jetzt die Meinung dieses Verfassers, dass zwischen weiten Teilen der Bevölkerung und dieser Landschaft eine zunehmende Entfremdung stattfindet, was Philip Ursprung im Interview indirekt bestätigt. Man bedenke: Irgendwann machten in unseren Breiten Siedler aus dem Urwald Kulturland. Und Kultur heisst in diesem Kontext Boden, der etwas Verwertbares abwirft und eine nachhaltige Existenzgrundlage bietet. Heute sind wir in einer Epoche, in der Teile dieses Kulturlandes in Golfplätze umgewandelt werden – eine Transformation, die noch bis in die 1980er-Jahre in der Schweiz beinahe absolut undenkbar war. In Debatten fehlt der Hinweis, dass aus dem Boden für einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung ein Nutzen gezogen werden muss (nicht zuletzt in den hässlichen Gewerbegebieten der Agglomeration) – ausgedehnte Spielwiesen oder Standorte für ökonomisch kritische Landwirtschaftskonzepte werden diesem Fragekomplex, der heute noch das nationale Selbstverständnis tangiert, nicht gerecht. Und die Zersiedelungsinitiative bietet zu solchen Fragen keine Antworten.

Singapur mit Naturpark oder weiterwursteln wie bisher? Zwischen diesen Extremen muss das Land seit ca. zwanzig Jahren entscheiden. Das Interview vermittelt dazu Ideen und Positionen und erinnert bei dieser Gelegenheit verdienstvollerweise an das «Städtebauliche Porträt der Schweiz», die 2005 publizierte Studie des ETH-Studios Basel – eine andere nicht-föderalistische Top down-Skizze einer möglichen Zukunft des Territoriums. Ob es dadurch zur Empfehlung für ein Ja oder ein Nein am 10. Februar wird? Wohl eher nicht.

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