Eine gemeinsame Sprache, viele Dialekte

Scheibler & Villard
27. May 2021
Foto: Rasmus Norlander

Wie macht man Raum für Menschen erfahrbar, die weder sehen noch hören können? Eine extrem schwierige, aber auch ungemein spannende architektonische Frage. Sylvain Villard erklärt, welche Antworten sein Team und er bei der Erweiterung einer Wohn- und Betreuungseinrichtung der Schweizerischen Stiftung für Taubblinde in Langnau am Albis gefunden haben.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Die Kernaufgabe bestand darin, verschiedene Lebensfelder zu definieren und diese in Form von Gebäuden abzubilden. Die zwei neuen Baukörper sind in ihrer Grundfläche und Geometrie sehr ähnlich, unterscheiden sich aber in ihrer Nutzung, ihrem Ausdruck, ihrer Ausrichtung und der Schnittfigur. Die Nutzungsgruppen wurden entflochten und die Betriebsabläufe optimiert. Durch die Setzung von zwei Gebäuden findet der Wechsel vom einen in das andere Lebensfeld über den Aussenraum statt und wird somit für die Klientinnen und Klienten erlebbar gemacht. Gleichzeitig werden dadurch die Aussenräume aktiviert und es entsteht eine lebendige Welt.

Ausserdem stand das Zusammenspiel der Materialien und die kontrastreiche Wahrnehmung bei den Neubauten im Vordergrund. Sowohl die Haptik als auch der Geruch der verschiedenen Materialien spielen für die Wahrnehmung und Orientierung der Klienten mit kombinierter Hör- und Sehbehinderung eine grosse Rolle. 

Foto: Rasmus Norlander
Foto: Rasmus Norlander
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Die Neubauten vermitteln zwischen der Dorfstruktur und dem grossen Bestandsgebäude und binden dieses dadurch in seine Umgebung ein. Dabei ist kein unvermittelter Massstabssprung zwischen Umgebung und Anlage entstanden, sondern eine lokale Vergrösserung der städtebaulichen Körnung.

Das öffentlichere Schul- und Betriebsgebäude liegt näher an der Strasse, während sich das privatere Wohnhaus zurückversetzt und näher beim bestehenden Rundbau befindet, welcher 1990 von Max Baumann gebaut wurde. 

Durch die Setzung von zwei Gebäuden entsteht eine offene und durchlässige Situation. Die Neubauten stehen so zueinander, dass der Bestand im Hintergrund ersichtlich bleibt. Ein mittig angelegter Fussweg ist sanft ins Terrain eingebettet und führt über flache Neigungen durch die Anlage. Eine breite Treppe entlang des Schul- und Betriebsgebäudes markiert als klar wahrnehmbare Geste den Hauptzugang von der Dorfstrasse her. Über diesen Weg gelangt man geradewegs ins Herz der Anlage.

Foto: Rasmus Norlander
Foto: Rasmus Norlander
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Die Klientinnen und Klienten standen beim Entwurf und der Planung stets im Zentrum. Der Neubau sollte sich auf ihre Bedürfnisse und ihre Lebenswelten ausrichten. Vieles, was auf taubblinde Menschen zugeschnitten ist, bietet aber auch den Mitarbeitenden ein gutes Arbeitsklima – zum Beispiel die akustische Beruhigung, die der Neubau gegenüber dem Altbau bietet. Zusammen mit der Bauherrschaft wurde der grundsätzliche Umgang mit Hell-Dunkel-Kontrasten, Material-Kontrasten und mit haptischen Informationen definiert. Je nach Ort wird dann etwas stärker akzentuiert – ähnlich wie bei einem Dialekt.

Foto: Rasmus Norlander
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?


Während dem Studienauftrag war zum Zeitpunkt der Zwischenabgabe der Erweiterungsneubau als ein Gebäude mit zwei Flügel konzipiert. Der Weg vom Wohn- zum Schulteil, der durch das Gebäude hindurch führte, war noch zu wenig konsequent. In der Überarbeitungsphase entschieden wir uns daher, das Wohn- vom Schulgebäude zu trennen. Die Klientinnen und Klienten gehen somit, wie bereits erwähnt, über den Aussenraum von einem Haus ins andere, ihr Weg ist nicht überdacht und ganz bewusst der Witterung ausgesetzt. Einen Schul- oder Arbeitsweg im Freien zurückzulegen, durch Regen oder Sonnenschein zu gehen, ist ein elementares Erlebnis, welches zu einer ganzheitlichen Erfahrung in der uns umgebenden Welt beiträgt. Es ist sinnesanregend – und das steht im Vordergrund. Diese Erkenntnis war für uns einer der Schlüsselmomente im Entwurfsprozess. 

Foto: Rasmus Norlander
Foto: Rasmus Norlander
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Holz war von Beginn an sehr willkommen. Es ist ein sinnliches Material, das die Klientinnen und Klienten anspricht. Holzbauten können sehr sinnlich erfahren und erkundet werden: taktil, mit den Händen und mit dem Körper, aber auch mit der Nase, der Zunge und akustisch. Die Idee zum Hybridbau hat aus heilpädagogischer Sicht sofort überzeugt, weil diese Bauweise eine klare räumliche Orientierung und Differenzierung möglich macht. Beton riecht anders als Holz, man erlebt mit dem ganzen Körper den Unterschied, wenn man vom Beton-Kern zur Aussenschicht aus Holz gelangt. Man kann den Wechsel aber auch über die Nase, die Augen oder den Mundraum wahrnehmen.

Ausserdem spielt eine kontrastreiche Umgebung eine grosse Rolle: Ohne oder mit nur ganz geringen Kontrasten wäre die Welt für die Tanne-Klienten nur sehr schwer und teilweise auch gar nicht wahrnehmbar. Es gibt verschiedene Kontraste und auch die kann man bewusst einsetzen. Ob Material-Kontrast, Farbton-Kontrast, Hell-Dunkel-Kontrast, Temperatur-Kontrast oder Schwingungs-Kontrast – alle haben Potenziale für sich allein oder in Kombination.

Foto: Rasmus Norlander
Situation
Schnitte
Grundrisse und Ansichten
Bauwerk
Erweiterungsneubau Tanne, Schweizerische Stiftung für Taubblinde 
 
Standort
Alte Dorfstrasse 3d, 8135 Langnau am Albis
 
Nutzung
Wohnen & Fürsorge für Hörsehbehinderte
 
Auftragsart
Studienauftrag im selektiven Verfahren, 1. Preis, 1. Rang
 
Bauherrschaft
Schweizerische Stiftung für Taubblinde
 
Architektur
Scheibler & Villard GmbH, Basel
Projektleiter: Thomas Richter
Mitarbeiter*innen: Maya Scheibler, Sylvain Villard, Pascale Jermann, Martin Caduff, Roberto Roncoroni, Jonas Häne, Charlotte Kämpf, Paul Schreijäg, Simon Raaflaub, Jan Bommelaer, Sindusan Balasingam, Michael Pöckl und Selin Schneider
 
Fachplaner 
Bauingenieur: Conzett Bronzini Partner AG, Chur
Gebäudetechnik: Waldhauser & Hermann AG, Münchenstein
Sanitär-Planung: Gemperle Kussmann GmbH, Basel
EL-Planung: Pro Engineering AG, Basel
Landschaftsarchitektur: Hoffmann & Müller Landschaftsarchitektur GmbH, Zürich Fassadenplanung: PPEngineering GmbH, Basel
Bauphysik/Akustik: mühlebach partner ag, Winterthur
Brandschutz- und Sicherheitsplanung: Hollinger Consult GmbH, Epsach
Lichtplaner: Mettler + Partner Licht AG, Zürich
Signaletik: Howald Fosco Kommunikation und Design, Basel
Gastroplanung: Axet GmbH, Embrach
 
Bauleitung
Steiner Hutmacher Bauleitung, Zürich
 
Jahr der Fertigstellung
2019
 
Gesamtkosten BKP 1–9
CHF 31 393 000
 
Gebäudekosten BKP 2
CHF 27 555 000
 
Gebäudevolumen
23 793 m3 (gemäss SIA 416)
 
Kubikmeterpreis
1158 CHF/m3
 
Massgeblich beteiligte Unternehmer 
Baumeister: Anliker AG Bauunternehmung, Thalwil
Holzbau: Blumer Lehmann AG, Gossau
Bedachungsarbeiten: Burkhardt Gebäudehülle AG, Zürich
Elektroinstallationen: Elektro Rhyner AG, Glarus
Leuchten und Lampen: Zumtobel Licht AG, Zürich
Contracting: Energie 360° AG, Zürich
Wärmeverteilung: Karl Waechter AG, Zürich
Lüftungsanlagen: Clima-Nova AG, Zürich
Sanitärinstallationen: Inag-Nievergelt AG, Zürich
Kücheneinrichtungen: Creatop AG, Uznach
Aufzüge: AS Aufzüge AG, Wettswil
Gipserarbeiten: Estermann Gipserunternehmen AG, Zofingen
Innentüren aus Holz: Creatop AG, Uznach
Schreinerabeiten: A. Bründler AG, Auw
Sicht-Anhydritböden: Amendola AG, Wollerau
Fugenlose Bodenbeläge: Repoxit AG, Illnau-Effretikon
Bodenbeläge Linoleum: Pfister Professional AG, Dübendorf
Keramische Beläge: Di Muccio GmbH Dübendorf
Bodenbeläge Holz: Peter von Rotz Bodenwelten GmbH, Glarus
Malerarbeiten: Schaub Maler AG, Zürich
 
Fotos
Rasmus Norlander, Zürich

Other articles in this category