Wie viel Veränderung verträgt ein Haus?

Ruumfabrigg
14. October 2021
Bereits an der Wand im Entrée sind viele Geschichten ablesbar. (Foto: Douglas Mandry)

Pascal Marx erklärt, warum sich das Büro Ruumfabrigg beim Umbau eines Bauernhauses in Amden auf Eingriffe im Gebäudeinneren beschränkt hat.

Pascal, worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Historische Blockbauten wie dieser sind häufig geprägt durch Eingriffe aus verschiedenen Epochen. Anhand der Veränderung, der Art des Eingriffs und der verwendeten Materialien können die Etappen einer Zeit zugeordnet werden. Das Haus erzählt uns eine Geschichte, die nirgends niedergeschrieben, aber an der Bausubstanz ablesbar ist. In unseren Augen liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe darin, die verschiedenen Eingriffe zu verstehen, ihre Potenziale zu erkennen und sie für den eigenen Entwurf zu nutzen. Die baulichen Veränderungen und verschiedenen Nutzungen über die Zeit interessierten uns dabei genauso sehr wie der barockzeitliche Kernbau. 

Die dunkle Lasur beeinflusst die Raumwahrnehmung. Die Holzstruktur tritt zurück, die Raumecken verschwimmen. Dunkle Wände kombiniert mit hellen Böden und Decken lassen den Raum höher und grosszügiger erscheinen, als er tatsächlich ist (der Raum ist 4,3 Meter lang, 2,4 breit und 2 hoch). (Foto: Douglas Mandry)
Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?


Unsere Bauten verbindet die Idee, etwas zu erzeugen, das unser Verständnis vom Ort oder vom Bau ausdrückt. Wir versuchen, die vorgefundenen Potenziale zu nutzen und etwas Authentisches, Einzigartiges zu schaffen. Unsere Eingriffe sollen sich eingliedern und gleichzeitig den Ort mit einer Deutungsebene bereichern. Im Haus «Geren» ist dies eine weitere Zeitschicht, die wir hinzugefügt haben – in dem Bewusstsein, dass sie eine von vielen ist. Wir finden es vermessen, heute eine abschliessende Haltung einzunehmen. In einer Generation, spätestens aber in zwei wird sowieso wieder eingegriffen. Das Haus, der Ort, soll auch dann Veränderungen zulassen.

In der ehemaligen Schlafkammer über der Stube wird nun gegessen. Nuten an der Wand lassen die frühere Raumhöhe erkennen. (Foto: Douglas Mandry)
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?


Auf Anfrage der Bauherrschaft übernahmen wir das Projekt von einem anderen Architekturbüro. Die Baubewilligung war bereits erteilt, die Ausschreibung lief. Das bewilligte Projekt sah vor, zusätzliche Fenster in die Fassade zu schneiden, Innenwände zu entfernen, Räume zusammenzuschliessen und das Esszimmer zu überhöhen. Wir haben unter der Bedingung zugesagt, das Projekt überarbeiten zu dürfen, und haben dann eigentlich noch einmal beim Vorprojekt angefangen. 

Die Treppenrückseiten greifen als Einbaumöbel in die Räume aus. (Foto: Douglas Mandry)
Welche Inspiration liegt diesem Projekt zugrunde?


Einerseits die eben bereits besprochenen konzeptionellen Überlegungen, andererseits aber auch die Vorstellungen der Eigentümerschaft. Die Bauherren sind beruflich viel unter Menschen und haben das Haus in dieser Lage erworben, um sich einen Rückzugsort zu schaffen. Anhand eines Bildes des Architekten Hans Leuzinger (1887–1971) haben wir mit ihnen über die sinnliche Raumwahrnehmung diskutiert. Es war dann bald klar, dass das Vorgängerprojekt weder den Anforderungen des Baus noch den Bedürfnissen der Eigentümerschaft entsprach.

Auf der Suche nach Gestaltungselementen des Schutzes und Rückzugs stiessen wir auf schwarze Anstriche mittelalterlicher Wohnräume, die sich bis ins 19. Jahrhundert verfolgen lassen. Farbtests im Modell und an den Blockwänden vor Ort überzeugten schlussendlich auch die Eigentümerschaft. Die dunklen Räume erzeugen kein Unbehagen, sondern unterstützen die Idee des Ruheorts zusätzlich. 

Die bauzeitliche Decke der Stube war unverändert vorhanden. Sie wurde oberhalb mit Fischbauchträgern verstärkt und ihr Durchhang statisch aktiviert. (Foto: Pascal Marx, Bearbeitung: Douglas Mandry)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Das räumliche Konzept ist stark von ihnen beeinflusst. Sie hatten die klare Vorstellung, dass Küche und Esszimmer ins Obergeschoss kommen sollten, die Stube aber im Erdgeschoss bleiben würde. Einerseits sprach das für eine räumliche Trennung der Nutzungen und somit für die Kammerung, anderseits verlangte es nach einer möglichst direkten, geschossübergreifenden Verbindung der drei Wohnräume. Die gewendelte Treppe erzeugt strukturelle Veränderungen im Grundriss und ein – für diese Haustypologie – unerwartetes Raumerlebnis. Räume wurden in einem Kontinuum zusammengebunden, was das Haus nun weiträumig und grosszügig erscheinen lässt.

Die neue Treppe steht im Zentrum der Veränderungen im Haus. Gleichzeitig stärkt sie das statische System und dient als Orientierungspunkt im Raumkontinuum. (Foto: Douglas Mandry)
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Das Holz des bestehenden Blockbaus trägt einen wesentlichen Teil zur Atmosphäre bei. Die vom Alter gebräunten Balken prägen die Innenräume. Raumproportionen, Materialien und Lichtführung sind authentisch und erwecken bestimmte Assoziationen. Die Wände sollten nicht erneut mit Täfer oder Tapete verkleidet werden, trotzdem wollten wir die Haupträume – also die Stube im Erdgeschoss und das Esszimmer im Obergeschoss – etwas hervorheben. Durch den Auftrag der Lasur in den Nebenräumen tritt die Holzstruktur dort zurück. Das Holz wird leicht verfremdet, die Räume werden homogener, ruhiger. Gleichzeitig werden Präsenz und Wirkung des Einfachen, Rohen in den Haupträumen gestärkt, und die um 1750 von Hand gehauenen Balken avancierten zum Schmuck.

Das Haus steht auf der Hügelkuppe zwischen der Fallenbach- und der Rombachschlucht. Man blickt auf den Walensee hinunter. (Foto: Douglas Mandry)
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss Obergeschoss
Schnitt
Bauwerk
Umbau Haus «Geren»
 
Standort
Gerenstrasse 880, 8873 Amden
 
Nutzung
Einfamilienhaus
 
Auftragsart
Direktauftrag
 
Bauherrschaft
privat
 
Architektur
Ruumfabrigg Architekten GmbH, Obstalden
Pascal Marx (Projektleitung) und Nina Cattaneo
 
Jahr der Fertigstellung
2019
 
Massgeblich beteiligte Unternehmer
Zimmermann: Noser Holzbau AG, Mitlödi, und ruwa holzbau, Küblis
Maler: Fontana & Fontana AG, Rapperswil-Jona
Elektriker: Elektro B Koni Bischofberger, Amden
Heizung: Sauter Wärmetechnik GmbH, Netstal
 
Fotos
Douglas Mandry und Pascal Marx

Nina Cattaneo und Pascal Marx haben mit uns über ihre Haltung und ihr Engagement für die Baukultur im Glarnerland gesprochen. 

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