Der Lohn für Beharrlichkeit und Mut: Erstlingswerk von Saikal Zhunushova wird Bau des Jahres

Juho Nyberg, Manuel Pestalozzi, Susanna Koeberle, Elias Baumgarten
3. February 2022
Illustration: world-architects.com, basierend auf einem Foto von Philipp Stäheli

Mit dem Umbau eines alten Flarzhauses im Zürcher Oberland bringt die junge Architektin aus Kirgistan ihre Haltung zum Ausdruck: Geheizt wird nur mit der Sonne und einem Ofen, für Behaglichkeit sorgen Naturbaustoffe wie Holz und Lehm.

«Ich war die junge Frau mit dem Lowtech-Ansatz, der man wenig zutraute. Doch meine Argumente haben überzeugt.»

Saikal Zhunushova

In der Pandemie unterrichtete Saikal Zhunushova junge kirgisische Architekt*innen online und erklärte ihnen ihre Projekte in der Schweiz. (Foto: Sebastian Seiler)
Foto: Sebastian Seiler
Auch einen Mantel hat Saikal Zhunushova schon entworfen. Aktuell beschäftigt sie sich intensiv mit dem Potenzial von Textilien für zukunftsfähige Bauten. (Foto: Andreas Scheidegger)

Ihr Weg war steinig, er zeugt von Wissensdurst, Idealismus und Ausdauer: Fasziniert von den konstruktivistischen Projekten der Sowjetzeit und beeindruckt von der Arbeit ihres früh verstorbenen Vaters, einem Architekten und Stadtbaumeister, studierte Saikal Zhunushova Architektur. Doch die Ausbildung in ihrer Heimat war unzureichend, es fehlte am Praxisbezug. Die junge Architektin beschloss, noch einmal von vorn zu beginnen. Sie lernte Deutsch und kam in die Schweiz, um an der ZHAW in Winterthur ein zweites Mal zu studieren – ein Schritt, der ihr viel Mut und grosse Entschlossenheit abverlangte. Nach dem Abschluss sammelte sie in Schweizer Büros praktische Erfahrung, machte sich mit der hiesigen Bürokultur vertraut und gründete schliesslich 2017 ihr eigenes Büro OEKOFACTA. Ausserdem begann sie, zwischen Kirgistan und der Schweiz zu pendeln und Nachwuchsarchitekt*innen in ihrer «ersten Heimat» das in der Schweiz Erlernte beizubringen – eine zeitaufwendige Arbeit, die viel Fingerspitzengefühl erfordert, um nicht als arrogant oder belehrend wahrgenommen zu werden. Und allmählich begann die Schweizer Szene auf sie aufmerksam zu werden: 2021 erreichte sie Rang drei beim Nachwuchswettbewerb Foundation Award. Doch was sich nach einer schönen Erfolgsgeschichte anhört, war für die Architektin nicht immer einfach. Rückschläge wie die Absage eines Umbauprojekts kurz vor Baubeginn, aber auch die enorme Arbeitsbelastung liessen sie bisweilen an ihrem Weg zweifeln. Allein aufgegeben hat die Idealistin nie.

«Mein Studium in Kirgistan war total praxisfremd! Wir haben uns in sechs Jahren nicht einmal mit praktischen Problemen auseinandergesetzt. Es ging immer nur um konzeptionelles Arbeiten, Bauaufgaben und Bauplätze waren rein fiktiv. Wir haben nicht wirklich gelernt, wie man konstruiert und Details entwickelt. Diese Art der Ausbildung schafft Probleme: Viele Gebäude in Kirgistan sind schlecht konstruiert und gestaltet.»

Saikal Zhunushova

«Ich organisiere in Kirgistan verschiedene Workshops mit starkem Praxisbezug. Zum Beispiel habe ich das Wohnhaus mit Nähatelier, das ich für meine Familie in Bischkek baue, zum Unterrichtsgegenstand gemacht. Es gibt theoretische Lektionen und Baustellenbegehungen. In meinem neusten Kurs unterrichte ich je zur Hälfte praktizierende Architekt*innen und interessierte Bauwillige. Die Teilnehmenden haben zueinandergefunden, und im Rahmen der Lehrveranstaltung entstehen gleich drei nachhaltige Gebäude. Ich bin sehr stolz!»

Saikal Zhunushova

OEKOFACTA, Umbau eines Flarzhauses, Bauma (Foto: Philipp Stäheli)
Foto: Philipp Stähli
Foto: Philipp Stähli 
Foto: Philipp Stähli 
«Mein Sieg sorgt für Furore in Kirgistan. Diese Anerkennung hilft mir, mich dort zu positionieren, um gute Bauten und Nachhaltigkeit in der Architektur zu fördern. Ich habe bereits Anrufe von bekannten kirgisischen Persönlichkeiten erhalten, und zwei Ministerien haben Interesse an meiner Beratung.»

Saikal Zhunushova

Umso wertvoller, aber auch verdienter ist die Anerkennung, die sie durch ihre Ausdauer jetzt erfährt. Der Umbau eines historischen Flarzhauses in Bauma im Zürcher Oberland ist nicht nur Zhunushovas Erstlingswerk, sondern bringt auch ihre Haltung auf den Punkt. Er verdeutlicht nicht allein ihr architektonisches Talent, sondern auch ihren Glauben an eine bessere Zukunft und ihren Einsatz für den Klimaschutz. Ökologische Nachhaltigkeit erreicht sie mit einfachen Mitteln: Geheizt wird der Bau nur mit der Sonne und einem zentralen Ofen, der mit Naturstein verkleidet ist. Der Boden und eine Fensterbank aus dunklem Schiefer (3 Zentimeter stark) dienen als Speichermasse und passiver Kollektor. Die Holzkonstruktion und Lehmputze sorgen für ein wohliges und gesundes Raumklima. Ein Konzept übrigens, das sich auch bei anderen Entwürfen der Kirgisin findet, zum Beispiel bei einem später realisierten Tiny House, das eine 22-jährige Psychologiestudentin im Rahmen des Projekts «Bauen mit Frauen» nach ihren Plänen und mit Anleitung vor Ort baute. Dort dienen eine Brüstung aus Stampflehm hinter der Südverglasung und die Fensterbankabdeckung aus schwarzem Granit als passiver Kollektor. Der Umbau in Bauma zeigt Zhunushovas Flair für einfache Lösungen ohne grossen technischen Aufwand, die sich auch in Kirgistan umsetzen lassen, ihr Vertrauen in die bauphysikalischen Eigenschaften von Naturbaustoffen und ihre Vorliebe für unbearbeitete, rohe Materialien. Zu ihrem Glück teilt die Bauherrschaft, eine junge Familie, ihre Werte. Sie ist mit Recht stolz auf ihr Haus. Und auch die Nachbarn und der Heimatschutz liessen sich von den ökologischen Vorzügen des ungewohnten Lowtech-Ansatzes überzeugen.

Rang zwei: Schmidlin Architekten, Dorfschüür Würenlingen (Foto: Rasmus Norlander)
Foto: Rasmus Norlander
Foto: Roland Bernath
«Das oberste Ziel war, respektvoll mit der wertvollen Bausubstanz umzugehen und den eindrücklichen Bestand sinnvoll zu ergänzen. Im Anbau wurden alle neuen technischen und funktionalen Anforderungen untergebracht, sodass der Bestand nur mit gezielten Eingriffen angepasst werden musste.»

Lisa Mäder, Schmidlin Architekten

Rang zwei: Vom historischen Bau in prekärem Zustand zum Kulturzentrum

Dicht hinter Saikal Zhunushovas Projekt haben Sie den Umbau eines Bauernhauses aus dem Jahr 1783 zum Kulturzentrum mit Dorfbibliothek und Ausstellungsräumen von Schmidlin Architekten auf den zweiten Rang gewählt. Erarbeitet wurde das Projekt im Zentrum von Würenlingen mit einer kommunalen Baukommission, die monatlich zusammentrat. Zu dieser gehörten neben Bürger*innen auch Vertreter*innen der Vereine und der Kulturkommission sowie die Bibliothekarinnen. Architektonisch war das Projekt eine grosse Herausforderung, denn die alte Bausubstanz hielt immer wieder Überraschungen bereit, auf die die Gestalter*innen reagieren mussten.

«Als wir das Gebäude zum ersten Mal sahen, war es in einem desolaten Zustand. Um keinen Einsturz der Mauern zu riskieren, konnten wir das Mauerwerk erst relativ spät im Planungsprozess freilegen und neu ausmessen. Die Lage der Mauern war bis dahin eine Unbekannte, wir mussten sämtliche Pläne an die neue Ausmessung anpassen. Die gesamte Bauausführung war sehr aufwendig und komplex.»

Lisa Mäder

Rang drei: Beat Nievergelt, Umbau und Aufstockung eines Mehrfamilienhauses mit Gewerbe, Zürich (Foto: Andrea Diglas)
Foto: Vera Hartmann
«Die grösste Besonderheit liegt darin, dass wir den Umbau nicht nur im Kontext der Blockrandbebauung, sondern auch im Zusammenhang mit den bereits realisierten Gebäuden des Tellhof-Ensembles gedacht haben.»

Beat Nievergelt

Umgebaut und aufgestockt: Rang drei für Zürcher Wohnhaus

Komplettiert wird das Podium von einer klugen und gestalterisch gelungenen Nachverdichtungsmassnahme: Beat Nievergelt und sein Team haben ein Wohnhaus in Zürich um zwei zusätzliche Geschosse in Holzelementbauweise aufgestockt. Um den Blockrand aufzuwerten, haben die Architekten ausserdem neu Gewerberäume im Erdgeschoss untergebracht. Alte Bauteile wurden im Zuge des Umbaus wiederverwendet. Etwa die gestemmten Türblätter: Sie wurden vor den Abbrucharbeiten ausgebaut und anschliessend in neuen Futter- und Verkleidungszagen wieder eingesetzt. 

Insgesamt war die Abstimmung für den Bau des Jahres 2021 extrem knapp: Obwohl wir einen neuen Rekord bei der Wahlbeteiligung verzeichnen durften, waren die Abstände zwischen den Projekten so eng wie noch nie. Oft trennen sie nur eine Handvoll Stimmen. Die folgenden sieben Projekte haben es auch unter die Top Ten geschafft. Die projektverantwortlichen Architekt*innen dürfen sie am 13. Oktober dieses Jahres an unserem Kurzvortragsabend «Eure Besten», den wir gemeinsam mit dem Departement Architektur, Gestaltung, Bauingenieurwesen der ZHAW organisieren, vorstellen.

Züst Gübeli Gambetti, Nachverdichtung der Siedlung «Im Grund», Embach (Foto: Roger Frei)
raumfindung architekten, Kultur- und Kongresszentrum Verrucano, Mels (Foto: bienz:photography)
Iseppi, Casa Malussi, Bondo (Foto: Studio Gataric)
Niedermann Sigg Schwendener Architekten, Instandsetzung Alterszentrum Wolfswinkel, Zürich (Foto: Beat Bühler)
IttenBrechbühl, Haus im Hof, Basel (Foto: Yohan Zerdoun)
horisberger wagen und stehrenberger architektur, Landenberghaus Greifensee (Foto: Beat Bühler)
Schoch-Tavli Architekten, Doppelkindergarten Brotegg, Frauenfeld (Foto: Heinz Unger)

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