Zum Tod von Vittorio Gregotti

Elias Baumgarten
19. marzo 2020
Vittorio Gregotti am Festival dell’Economia in Trento, 2016 (Foto: Niccolò Caranti via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Vittorio Gregotti ist gestorben. Der berühmte Architekt erlag dem neuen Coronavirus. Gregotti war nicht nur ein grossartiger Gestalter, sondern auch einer der einflussreichsten Theoretiker und Autoren Italiens.

In Italien, insbesondere in der Provinz Bergamo, ereignet sich gerade eine Katastrophe. 2'978 Personen sind am neuen Coronavirus verstorben, 475 allein am gestrigen 18. März. Die Nachrichten aus unserem südlichen Nachbarland sind schrecklich und kaum vorstellbar. Jeder einzelne Tote bedeutet einen schweren Verlust und grosses Leid für Freunde und Angehörige. Am 15. März ist Vittorio Gregotti der Lungenkrankheit COVID-19 erlegen. Der 1927 geborene Architekt gilt als einer der herausragendsten Gestalter und Theoretiker Italiens. Besonders betroffen wurde die Nachricht von Gregottis Tod in Mailand aufgenommen, das momentan schwere Zeiten durchlebt. Gregotti war in der Stadt Professor für Architekturtheorie. Mit seinen Bauten und städtebaulichen Gestaltungen trug er ausserdem wesentlich zu Mailands heutigem Gesicht bei.

1952 schloss Vittorio Gregotti sein Architekturstudium ab. 1974 gründete er sein Büro Gregotti Associati in Mailand. International bekannt wurde Gregotti wohl vor allem durch Bauten wie den ikonischen Hauptsitz von Pirelli in Mailand oder das Olympiastadion der spanischen Stadt Barcelona. Auch das Opernhaus von Aix-en-Provence ist Architekturbegeisterten weltweit ein Begriff, ebenso das Kulturzentrum Belém in Portugal. 2017 hatte er verkündet, sein Büro schliessen zu wollen – nicht aufgrund seines Alters, sondern aus Unzufriedenheit. «Niemand interessiert sich mehr wirklich für Architektur», meinte er.

Gregotti Associati: Belém Cultural Centre (mit Risco SA / Salgado), Lisabon (Foto via EU Mies Prize)
Gregotti Associati: Belém Cultural Centre (Foto: João Carvalho via Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Der Italiener war nicht nur ein grossartiger Gestalter, sondern auch ein wichtiger Theoretiker. Für 15 Jahre war er Teil der Redaktion der berühmten Architekturzeitschrift Casabella. 1991 erschien sein Buch «Dentro l’architettura» – der Architekturhistoriker Kenneth Frampton zum Beispiel sprach vom «most important book by the most important architect, critic, and intellectual writing today». 1975 verantwortete Gregotti als Kurator ausserdem die inhaltliche Setzung der Biennale von Venedig, der Vorläuferin der heutigen Architekturbiennale. 2012 wurde er mit der Goldmedaille der Triennale di Milano für seinen Beitrag zur italienischen Architektur geehrt. 2016 widmete ihm das Centre Pompidou in Paris die Ausstellung «Vittorio Gregotti – The Invention of Territory».

Nicht nur für Mailand und Italien ist Vittorio Gregottis Tod eine traurige Nachricht, sondern für die internationale Architekturszene als ganze. Wir haben einen grossen Gestalter und wichtigen Denker verloren.

Gregotti Associati: Stadio Luigi Ferraris, Genua (Foto: Gabriel Rinaldi via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

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