Milano calling

Susanna Koeberle
10. april 2019
Installation «Shelter» von Qwstion bei «Alcova». Bild: Susanna Koeberle

Am Start dieses Monsterevents ist man noch voller Tatendrang und Energie. Das hat den Vorteil, dass man noch voll aufnahmefähig ist. Nach drei Tagen mit je 15 km Fussmärschen kann Design allerdings auch toxisch wirken. Oder weit nach hinten in die Agenda rücken. Aber eben, jedes Jahr geht das Ganze von vorne los, man stürzt sich ins Getümmel und lässt sich begeistern. Ein Highlight von letztem Jahr war «Alcova», eine ehemalige Panettonefabrik, die am Zerfallen ist. Bereits hat die Natur die Räume infiltriert: ein etwas apokalyptischer Mix zwischen Natur und Kultur. Doch die marode Produktionsstätte hat ihren eigenen Charme und bietet eine aparte Bühne für Installationen. Zum zweiten Mal findet während des Salones dieses experimentelle Ausstellungsformat statt, das von den beiden Designstudios «Space Caviar» und «Studio Vedet» ins Leben gerufen wurde. Die beiden Kuratoren Valentina Ciuffi und Joseph Grima haben für die zweite Ausgabe des Events mehrere Aussteller*innen ausgesucht. Ein zweiter Standort in einer früheren Kaschmirfabrik ist dieses Jahr «Alcova Sassetti». Angesichts des Zustands der Bausubstanz wäre eine solche Präsentation in der Schweiz wohl kaum denkbar. Ein Grossteil des Daches fehlt, was bei Regen nicht gerade ein Vorteil ist. 

Unter der ausgewählten Ausstellern in der ehemaligen Panettonefabrik befinden sich auch zwei Schweizer: Das Taschenlabel Qwstion und das junge Lausanner Designstudio Panter & Tourron. Sie zeigen beide neue Produkte. Qwstion hat die Installation «Shelter» kreiert, welche das vom Label entwickelte Material Banatex vorstellt. Das wasserdichte und langlebige Gewebe besteht aus nachhaltig angebauten Bananenpflanzenfasern, ist vollständig biologisch abbaubar und kann die technischen Kunststoffe ersetzen, die heute den Markt für Outdoor-Anwendungen dominieren. Vier Jahre dauerte die Entwicklung dieses neuen Materials. Der Schnitt der drei Modelle wurde aufs Maximum reduziert, das vereinfacht die Produktionsprozesse. 250 Leute seien jeweils in den Produktionsprozess involviert, erklärt Christian Kägi, Gründer von Qwstion vor Ort. Solche zukunftsweisenden Ideen in der Welt des Designs würde man sich mehr wünschen. Denn sie sind gerade heute notwendig.

Panter & Tourron haben sich Gedanken gemacht über die Zukunft des Wohnens. Zum ersten Mal haben die beiden jungen Designer eine ganze Kollektion entworfen. Es sind allerdings mehr ist als nur Designobjekte, dahinter steckt auch eine Auseinandersetzung mit soziologischen Themen. Alle Stücke werden nur durch Spannung zusammengehalten, daher auch der Name «Tense». Sie sind einfach auseinanderzunehmen und entsprechen heutigen Anforderungen an Mobilität und Flexibilität.

Beide Aussteller zeigen beispielhaft, dass Design Themen von hoher Aktualität reflektieren kann. Was leider bei den wenigsten Präsentationen in Milano der Fall ist. Dennoch werden wir an dieser Stelle von weiteren inspirierenden Milano-Glanzlichtern berichten.

Die Kollektion «Tense» von Panter & Tourron. Bild: Susanna Koeberle

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