Culinarium Alpinum – historische Anlage, neue Nutzung

Rothen Architektur GmbH
22. Juli 2021
Blick auf die Hoffassade (Foto © Daniel Ammann)

Birgit und Beat Rothen haben mit ihrem Team das ehemalige Kapuzinerkloster Stans saniert und umgebaut. Wie sind sie mit der geschichtsträchtigen Substanz umgegangen?

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Im Herbst 2014 beauftragte die Senn Values AG ihren Projektleiter Dominik Flammer mit der Erarbeitung eines Konzeptes für die Umnutzung des Kapuzinerklosters Stans. Klare Vorgabe dabei war, die historische Anlage als einen Begegnungsort des kulinarischen Erbes der Alpen zu positionieren. Für eine solche Idee ist Nidwalden ein geradezu idealer Ort. Stans liegt im Herzen der Alpen und an einer der geschichtlich wichtigsten Verkehrsachsen durch das Gebirge. Darum war es stets ein Ort des Austausches. Ausserdem ist es ein Zentrum der traditionellen wie auch der aufstrebenden Kulinarik des gesamten Raumes rund um den Vierwaldstättersee. Nachhaltigkeit, Glaubwürdigkeit und insbesondere die wiederentdeckte Vielseitigkeit der alpinen Ernährungstraditionen sind die Grundlage für eine lebendige und erfolgsversprechende Neukonzeption des Klosters. Mit dem Eingriff werden zwei Ziele verfolgt: einmal die Steigerung der touristischen Attraktivität von ganz Nidwalden und von Stans insbesondere und zweitens der Aufbau einer wichtigen lokalen und regionalen Begegnungsstätte mit starker kultureller Ausstrahlung.

Das Kloster, wie wir es heute kennen, ist wesentlich geprägt von einem grossen Umbau in den Jahren 1907 und 1908 sowie einer Erweiterung, die 1924 fertig wurde. Es steht samt seiner Gartenanlage unter Bundesschutz. Einige gestaltprägende Elemente aus der Zeit vor 1907 waren erhalten und gut rückführbar. Umbauten aus den 1960er- und 1990er-Jahren hatten starke Überformungen mit sich gebracht. Grundsätzlich ist leider zu sagen, dass die Räumlichkeiten, die Fenster und die ganze Fassade in einem sehr schlechten Zustand waren und dringend saniert werden mussten, als wir uns an die Arbeit machten. Der Garten der Klosteranlage ist als gestalteter Aussenraum wichtig, bedurfte aber ebenfalls einer klärenden Neugestaltung. Rückblickend liessen sich der vorgefundene Zustand des Klosters und die denkmalpflegerisch wichtigen Bauteile gut mit dem neuen Nutzungskonzept in Einklang bringen.

Der Innenhof nach der Sanierung (Foto © Daniel Ammann)
Im ehemaligen Refektorium ist neu ein Restaurant eingerichtet. (Foto © Daniel Ammann)
In der einstigen Bibliothek befindet sich ein Festsaal. (Foto © Daniel Ammann)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Grundsätzlich sollte der ursprüngliche Charakter des Klosters erhalten bleiben. Die Sanierung war daher durch sehr gezielte Massnahmen geprägt. Aus dem denkmalpflegerischen Gutachten zum Bestand, dem vorhandenen Budget und dem neuen Nutzungskonzept haben wir die entsprechende Eingriffstiefe und die notwendigen Interventionen gemeinsam mit den Beteiligten definiert. Je nach Nutzung und Repräsentativität der Räume erfolgte eine unterschiedliche Sanierungstiefe: Räume, die die neue Geschäftsidee repräsentieren, wurden gestärkt, ihr Charakter wurde durch die Verwendung von stimmungsvollen, haptischen Materialien herausgearbeitet. Die gestaltprägenden, strukturell erhaltenswerten Räume – die Treppenhäuser, die Erschliessungsgänge, die Fassade und einige Zellen – wurden teils mit wenig Mitteln instand gesetzt. Sie sind für die Wirkung der Räume, die eine neue Nutzung erhalten haben, wesentlich. Bereiche, die ohnehin bereits stark überformt waren, konnten weiterverwendet und gut in das neue Konzept integriert werden.

Neuer Bürobereich (Foto © Daniel Ammann)
Eine der früheren Mönchszellen nach der Sanierung (Foto © Daniel Ammann)
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Die ehemalige klösterliche Nutzung hat die Haptik und Ausgestaltung des Gebäudes stark geprägt. Die alten Oberflächen wurden zurückhaltend aufgewertet und durch haptische und kontrastierende Materialien ergänzt. Zum Beispiel erhielten die Kellergewölbe ihren rohen, ja archaischen Ausdruck zurück. Die neuen Bauteile – Türen und Erschliessungselemente wie Treppen, Rampen und Handläufe etwa sowie die sichtbaren Elektro- und Heizleitungen – ermöglichen den aus unserer Sicht notwendigen Kontrast zur bestehenden Substanz. 

Die Ausstellungs- und Büroräume sowie einige andere mehr haben wir architektonisch aufgewertet, ihre Lichtführung optimiert und ein Multimedia-Angebot ergänzt. In Räumen wie den Ateliers, den Verkehrsflächen und den gut erhaltenen Mönchszellen um den Innenhof herum fiel die Sanierung sehr sanft aus, die ursprünglichen Gebrauchsspuren blieben ablesbar. Denn jene sind denkmalpflegerisch wertvoll. Selbstredend sind allfällige Ergänzungen dort sehr zurückhaltend.

Neues Herbergszimmer (Foto © Daniel Ammann)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Die Idee eines Culinarium Alpinum hat die Eingriffe ins Gebäude stark geprägt, und wir haben das gestalterische Konzept entsprechend dieser Nutzung erarbeitet. Es wurde Wert darauf gelegt, dass die Nutzung der Räume flexibel anpassbar ist. Änderungen lassen sich leicht vornehmen, wenn sich das Kompetenzzentrum zukünftig weiterentwickelt.

Einblick ins Treppenhaus (Foto © Daniel Ammann)
Über diesen langen Korridor erfolgt der Zugang zu den Herbergszimmern. (Foto © Daniel Ammann)
Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?


Seit geraumer Zeit beschäftigen wir uns mit der Sanierung und Umnutzung denkmalgeschützer Bauten. Unsere Eingriffe sollen deutlich ablesbar sein, die verwendeten Materialien roh und direkt in Erscheinung treten.

Der Gewölbekeller nach der Sanierung (Foto © Daniel Ammann)
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Alle Eingriffe sind mit rohen Materialien ausgeführt. Ziel war, die neuen Elemente sichtbar vom Bestand abzuheben. Wir haben bewusst nicht versucht, unsere Eingriffe dem Vorhandenen anzugleichen. Die Materialien unterstützen das Ambiente in den Räumen. Alle Eingriffe sind durch den Kontrast und die erhaltenen Spuren an bestehenden Bauteilen deutlich ablesbar. So können auch Laien ohne weiteres die chronologische Abfolge der Baumassnahmen nachvollziehen.

Situation
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss 1. Obergeschoss
Grundriss 2. Obergeschoss
Längsschnitt
Bauwerk
Culinarium Alpinum im ehemaligen Kapuzinerkloster Stans 
 
Standort
Mürgstrasse 18, 6370 Stans
 
Nutzung
Alpinum Culinarium – Mehrfachnutzung – Herberge / Gastronomie / Schulung / Kompetenzzentrum für verschiedene Nutzergruppen:
  • Schulung und Weiterbildung in allen Belangen der regionalen Kulinarik
  • Kursräume
  • Herberge mit 19 Schlafplätzen
  • Ateliers
  • Restaurant
  • Festsaal
  • Schulküche
  • Vorbereitungs- und Gastroküche
  • Hofladen
  • Sbrinzkeller
 
Auftragsart
Investorenwettbewerb, 2014
 
Bauherrschaft
SENN Resources AG, St. Gallen
Gesamtprojektleiter: Lukas Aeberhard
 
Architektur
Rothen Architektur GmbH, Winterthur
Birgit und Beat Rothen
Projektleitung: Ralph Oswald
Mitarbeiter*innen: Franziska Kienberger und Denise Meier
 
Fachplaner 
Landschaftsarchitekt: Balliana Schubert Landschaftsarchitekten AG, Zürich
Bauingenieur: Dr. Lüchinger+Meyer Bauingenieure AG, Luzern
Haustechnik- und Elektroplaner: 3-Plan Haustechnik AG , Winterthur
Bauphysik: BWS Bauphysik AG, Winterthur
Brandschutz: Conti Swiss AG, Zürich
Brandschutz Holzbau: holzprojekt gmbh, Luzern 
 
Bauleitung 
[ da-ni.ch ] architektur gmbh, Stans
 
Betreiber
KEDA, Stiftung kulinarisches Erbe der Alpen
 
Jahr der Fertigstellung
2020
 
Gesamtkosten BKP 1–9
CHF 11 Mio.
 
Fotos
Daniel Ammann, Herisau

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