Eine urbane Villa Kunterbunt

Brechbuehler Walser Architekten
24. Dezember 2020
Foto: Andreas Buschmann

Viele Menschen müssen im Alter ihre Wohnungen verlassen. Kann man so gestalten, dass sie trotz Pflegebedürftigkeit in ihrer vertrauten Umgebung bleiben können? Welche Antworten Brechbuehler Walser Architekten bei ihrem Wohn- und Geschäftshaus im Zentrum von Flawil gefunden haben, erklärt uns Patrick Walser. 

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Neben dem exponierten Standort direkt am Bahnhof liegt die Besonderheit sicher in der Neuartigkeit des Wohnkonzepts. Bisher kennen wir das Programm vom Alterswohnen. Die Vision der Bauherrschaft war aber, durch die Integration von verschiedenen Dienstleistungen und die entsprechende Abstimmung der Grundrisse diese Idee weiterzuentwickeln. Mieter*innen können so auch im Falle einer Pflegebedürftigkeit in den eigenen vier Wänden bleiben – was sicher etwas Neues ist.

Die Ergänzung des Angebots durch die Integration des Spitex-Stützpunkts Flawil und des öffentlichen Restaurants 5egg an dieser zentralen Lage am Bahnhofsplatz macht das Projekt zu einer Art urbanen «Villa Kunterbunt» und einem wichtigen sozialen Baustein des Dorfes.

Ausschnitt der Fassade (Foto: Andreas Buschmann)
Das Eingangsfoyer (Foto: Andreas Buschmann)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Der Name unseres Wettbewerbsbeitrags «Mr. Bojangles» war für uns Programm. Wir wollten vor allem das Wohnliche der Aufgabe hervorheben, das Noble und Elegante unterstreichen und das Alters- und Pflegetaugliche ganz beiläufig integrieren.

Das Innere des Hauses wird durch zwei grosszügige Atrien gegliedert, die in ihrer Ausgestaltung mit den weitläufigen Treppen an eine Hotellobby erinnern und als Herzstücke zum Wandeln, Verweilen und Austauschen einladen. Die ringsherum angeordneten Wohnungen sind wenn immer möglich an den Gebäudeecken organisiert, sodass möglichst verschiedene Ausrichtungen und jeweils unterschiedliche Grundrisse entstehen. Beinahe wie an einer Perlenkette sind Entrée, Wohnraum und Erkerküche aufgereiht, sodass trotz der knapp bemessenen Flächen eine unerwartete Grosszügigkeit entsteht. Durch die zurückhaltende, doch edle Materialisierung und die wohnliche Ausstattung sieht man den Wohnungen die Pflegetauglichkeit schlussendlich so gar nicht an. 

Eines der beiden Atrien; sie sind die Herzstücke des Hauses und laden zum Verweilen ein. (Foto: Andreas Buschmann)
Foto: Andreas Buschmann
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Als die Stiftung für Wohnungen mit Pflegeangebot das Grundstück am Bahnhofplatz erworben hat, bestand bereits ein provisorischer Gestaltungsplan und es war ein Bürobau vorgesehen. Die zentrale Lage und die schiere Grösse des Volumens verlangten von dem Projekt beziehungsweise dessen Fassade eine «städtebauliche Vorzüglichkeit». Daher wurde ein geladener Wettbewerb ausgeschrieben.

Die Fassadengestaltung unseres Vorschlags ermöglicht es, mit den feingliedrigen Profilierungen auf die unterschiedlichen Themen der umliegenden Bauten zu reagieren. Zum Beispiel wird die Trauflinie der Bauten entlang der Bahnhofstrasse in dem Gurtgesims des obersten Geschosses weitergeführt und das Textile der Schindelfassaden des angrenzenden Stickerquartiers findet eine Entsprechung im fein miteinander verwobenen Ausdruck von Tektonik, Geländern und der von Hand behauenen Oberfläche der Fassade.

Neben dem angemessen repräsentativen Auftritt unterstreicht die zum Platz hin orientierte Arkade mit dem dahinterliegenden Restaurant die Öffentlichkeit des Erdgeschosses und die Verankerung unseres Gebäudes am Platz.

Die Erkerküche einer der Wohnungen (Foto: Andreas Buschmann)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Die Umsetzung der zunächst einfach klingenden Idee des Wohnens mit Dienstleistungen war aufgrund der Beteiligung von unterschiedlichen Nutzer*innen beziehungsweise Kooperationspartnern sehr anspruchsvoll. Das Betriebskonzept wurde rollend mit der Planung erarbeitet und weiterentwickelt. Als Katalysator für den gesamten Prozess kam hinzu, dass die Platzverhältnisse für die Diensträume knapp waren und so Räume und Abläufe unter den Nutzer*innen geteilt und aufeinander abgestimmt werden mussten. Dies führte nicht selten dazu, dass unterschiedliche Unternehmenskulturen und Bedürfnisse aufeinanderprallten. Von allen Seiten war eine hohe Kompromissbereitschaft verlangt.

Angesichts der schieren Menge an Bedürfnissen, Vorgaben und Notwendigkeiten der Betriebsabläufe mussten wir Architekten auch immer wieder daran erinnern, die ursprüngliche Vision der Bauherrschaft nicht aus den Augen zu verlieren: ein Haus, das individuelles und unabhängiges Wohnen ohne Altersheim-Charakter verspricht und die nötigen Dienstleistungen diskret anbietet.

Im Haus befindet sich das Restaurant 5egg mit Bar. (Foto: Andreas Buschmann)
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Zur Erlangung der geforderten «städtebaulichen Vorzüglichkeit» war für uns die Gestaltung einer repräsentativen und gleichzeitig wohnlichen Fassade schon im Wettbewerb zentral. Neben der feinen Abstimmung von Rhythmus, Tektonik, Geländern und Sonnenschutz war die Materialisierung aus Kalksteinbeton fester Bestandteil unseres Vorschlags.

Der Weg zur Umsetzung in Bezug auf Planung und Ausführung der gestockten, selbsttragenden Kalksteinbetonfassade war lang und aufwendig: Für den Bau konnte nur teilweise auf bekannte Konstruktionsmethoden zurückgegriffen werden. Um die vielfältige Reliefierung überhaupt ausführen zu können, musste erst ein Mischsystem entwickelt werden, bei dem vorgefertigte Teile auf der Baustelle in die Schalung gestellt und mit dem Rest vor Ort vergossen wurden.

Schlussendlich wurde die gesamte Konstruktion von Hand gestockt, um die Farb- und Texturunterschiede der vorgefertigten und der vor Ort gegossenen Teile zu verwischen und den gewünschten monolithischen Eindruck zu erhalten. Diese Veredelung macht die Kalksteineinschlüsse erst sicht- und spürbar und verleiht dem Gebäude seinen eigenständigen, warmen Ausdruck.

Arkade am Bahnhofplatz (Foto: Andreas Buschmann)
Foto: Andreas Buschmann
Situation
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss 2. bis 4. Obergeschoss
Schnitt
Bauwerk
5egg Flawil
 
Standort
Bahnhofstrasse 33 / Oberdorfstrasse 1, 9230 Flawil
 
Nutzung
Alterswohnungen mit Pflegedienstleistungen und öffentlichem Restaurant
 
Auftragsart
Wettbewerb mit Präqualifikation
 
Bauherrschaft
Stiftung für Wohnungen mit Pflegeangebot, Flawil
 
Architektur
Brechbuehler Walser Architekten GmbH, Zürich
Barbara Menti-Brechbuehler (Projektleiterin), Patrick Walser, Hanae Pfändler, Eliane Cernay, José Martinez
 
Bauleitung 
BGW Architektur GmbH und Peter Wittenwiler AG, beide Flawil
Roger Fitzi, Peter Wittenwiler
 
Jahr der Fertigstellung
2019
 
Gebäudekosten BKP 2
CHF 14,0 Mio.
 
Gebäudevolumen
16'844 m3 (gemäss SIA 416)
 
Massgeblich beteiligte Unternehmer 
Baumeister: Stutz AG, Flawil
Fenster: Fenster Keller AG, Bütschwil
Sonnenschutz: Kästli & Co. AG, Belp
Oberlichter in den Atrien: HP Gasser AG, Lungern
Gipser: Loser Gipsergeschäft GmbH, Flawil
Elektriker: Bosshard & Kuhn AG, Flawil 
Sanitär: ARGE Osterwalder Haustechnik AG und Roger Niederer, beide Flawil
Schreiner, Türen: Bühler – Winteler AG, Flawil 
Küchen: 2 Freunde AG, Flawil 
Kunststein: Külling AG, Wilchingen 
Maler: Werner Abegg AG, Flawil 
 
Fotos
Andreas Buschmann

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