Im Auge des Sturms

wild bär heule Architekten
20. August 2020
Vom Strassenraum abgewandt, ist der Grünraum auf der Rückseite des Hauses ein ruhiger Ort. Der Baukörper schirmt ihn vom Lärm der vielbefahrenen Kreuzung nebenan ab. (Foto: Roger Frei)

Thomas Wild, Sabine Bär und Ivar Heule haben ein Wohnhaus an einem der meistbefahrenen Verkehrsknotenpunkte Zürichs gestaltet. Wie haben sie es geschafft, trotz hoher Lärmbelastung und begrenztem Budget qualitätsvolle Wohnungen zu verwirklichen?

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Die Lage des Grundstücks an der stark befahrenen Kreuzung von Bucheggstrasse und Wehntalerstrasse führt zu einer starken Lärmbelastung. Dennoch wendet sich unser Gebäude nicht ab. Die Bebauung arrondiert das Quartier, fasst und definiert den Strassenraum und misst ihm als öffentlichem Raum eine adäquate Bedeutung zu.

Die ausgedrehten Segmente des Gebäudes verzahnen sich im Bereich der Auskragungen und schaffen gedeckte Hauszugänge. Am Gebäudekopf entsteht eine kleine Platzsituation. Entlang der Bucheggstrasse beleben die überhohen Atelierräume den Strassenraum dank ihrer Kastenfenster. (Foto: Roger Frei)
Das Gebäude steht an einem der frequentiertesten Verkehrsknotenpunkte der Limmatstadt. (Foto: Roger Frei)
Durch Erkerzimmer fällt der Blick der Bewohner*innen auch auf die Fassade des Gebäudes, in dem sie wohnen. (Foto: Roger Frei)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Für die Erstellung von günstigen Mietwohnungen wurden die verschiedenen Bauteile auf ihre Verwendung, Notwendigkeit und Nachhaltigkeit hin geprüft. Ausbauschichten und Verkleidungen wurden weggelassen, sodass sich die Struktur in Konstruktion und Materialisierung offenbart und der Prozess des Bauens für die Nutzer*innen ablesbar bleibt. Der Gebäudeausdruck reflektiert diesen undogmatisch und direkt, eine Haltung, die Ausdruck der heutigen Zeit ist und Identität schafft, ohne tradierten Bildern zu folgen.

Diagonale Blickverbindung vom Wohnbereich via Loggia zum Schlafraum erzeugen ein Gefühl der Weite. Die Wohnungen wirken geräumig. (Foto: Roger Frei)
Blick ins roh belassene Treppenhaus mit natürlichem Zenitallicht (Foto: Roger Frei)
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Unser Projekt reagiert darauf, dass der öffentliche Raum heute bisweilen stark lärmbelastet ist und schafft Wohnqualität im introvertierten Hof. Die weiche Metallfassade erlaubt die Aktivierung eines übergrossen Reduits als weiteres Zimmer, sobald neue Formen der Mobilität die Lärmbelastung reduzieren und der öffentliche Raum seine ursprüngliche Qualität und Wichtigkeit zurückerhält. Die loftähnlichen Einheiten im Kopfbau sind mit Raumhöhen von drei Metern ebenfalls auf eine vielfältige und veränderliche Nutzung ausgelegt. 

Das leicht abfallende Gelände entlang der Wehntalerstrasse führt zu einer Höhenstaffelung, die im Grundriss durch eine Ausdrehung der Bauabschnitte ihre Entsprechung findet. Auskragende, barrierefreie Zugangssituationen und Dachaufbauten verbinden sich baukörperlich mit den Hauptvolumen und rhythmisieren die Strassenfassade.

Geschosshohe Fenster in den Raumecken führen zu einem Streiflicht auf den grossen, zusammenhängenden Wandscheiben. Jene werden zu Reflektoren und sorgen für helle Wohnräume. (Foto: Roger Frei)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Der enge wirtschaftliche Rahmen erforderte eine sorgfältige planerische Durchdringung der konstruktiven Ausführungen und Detailausbildung zu einem frühen Zeitpunkt. 

Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?


Es bestand eine gewisse Rechtsunsicherheit, weil einerseits die alte Bauordnung noch gültig war, andererseits jedoch eine Voranwendung der in Revision befindlichen neuen Bau- und Zonenordnung angestrebt wurde. Dies hatte Grundrissanpassungen zur Folge, die unsere Projektidee aber nicht wesentlich beeinflussten.

Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?


Eine besondere Rolle spielte bei diesem Projekt, wie schon erwähnt, der Lärmschutz. Grundrissausbildung, Konstruktion sowie Gestalt und Grösse der Befensterung wurden darauf abgestimmt.

In der Küche der überhohen Wohnateliers (Foto: Roger Frei)
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Unbeschichtetes, rohes Aluminium; wir haben das Material für die hinterlüftete Fassade und für die Fensterprofile eingesetzt. Es sorgt für eine hohe Durabilität und eine lebhafte Erscheinung durch Reflexionen der unterschiedlichen Lichtverhältnisse. Natürlich mag man berechtigt einwenden, dass Aluminium gerade in der Herstellung aus ökologischer Sicht problematisch ist, doch kann es andererseits am Ende des Lebenszyklus vollständig recycelt werden.

Situation
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss Regelgeschoss
Schnitt
Name des Bauwerks
«Wohnen an einem Verkehrsknoten»
 
Standort
Ecke Bucheggstrasse / Wehntalerstrasse, 8057 Zürich
 
Nutzung
Ersatzneubau mit  44 Mietwohnungen
 
Auftragsart
Projektentwicklung
 
Bauherrschaft
privat
 
Architektur
wild bär heule Architekten, Zürich
 
Fachplaner 
Landschaftsarchitektur: vetschpartner Landschaftsarchitekten Zürich
 
Bauleitung
m.y. concept, Feldmeilen, Fuchs Baumanagement GmbH, Uster
 
Jahr der Fertigstellung
2019
 
Gesamtkosten BKP 1–9
CHF 15,1 Mio.
 
Gebäudekosten BKP 2 
CHF 13,7 Mio.
 
Gebäudevolumen
18'290 m3
 
Kubikmeterpreis 
CHF 754 
 
Energiestandard
Minergie ohne Zertifikat
 
Fotos
Roger Frei, Zürich

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