Laubengang mit Gartentunnel

W2H Architekten
18. Juni 2020
Gartenseite mit Balkontürmen (Foto: Rolf Siegenthaler Fotografie)

W2H Architekten haben in Berns Stadtteil Bümpliz zusammen mit dem Generalunternehmer Ramseier Integral leistbaren Wohnraum geschaffen. Wie Architekt Andreas Herzog uns erklärt, waren dabei viele Herausforderungen zu meistern.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Der Wettbewerb für den Neubau von kostengünstigen Wohnungen wurde als Gesamtleistungswettbewerb ausgeschrieben. Es mussten also durch eine Generalunternehmung, in unserem Fall Ramseier Integral aus Bern, zusammen mit dem Wettbewerbsprojekt bereits die Erstellungskosten verbindlich angegeben und ein vorgegebener maximaler Mietzins pro Quadratmeter Wohnfläche eingehalten werden. 

Die baurechtlichen Rahmenbedingungen waren für kostengünstiges Bauen ungünstig: Die Bauzone liess nur zweigeschossige Objekte zuzüglich einem Attikageschoss zu, die Bautiefe war begrenzt auf zehn Meter. Eine solch geringe Bautiefe ist ein Luxus, welcher sehr helle und gut belichtete Wohnungen erlaubt, leider aber im heutigen Wohnungsbau und unter ökonomischem Druck kaum mehr möglich und angemessen ist. Es entsteht ein unwirtschaftliches Verhältnis von Wohnungsfläche zu Fassadenfläche. Ein kostengünstiges architektonisches Konzept war somit zwingend. Wir entschieden uns für eine effiziente Laubengangerschliessung auf der Nordostseite, um die zehn Wohnungen zu erschliessen, und für konstruktiv einfache, vorgestellte Balkontürme auf der Südwestseite. 

Zugang mit Laubengangerschliessung (Foto: Rolf Siegenthaler Fotografie)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Der Laubengang ist ein architektonisches Erschliessungselement, welches bei den Grosssiedlungen in Bümpliz oft anzutreffen ist. Im konkreten Fall konnten wir den Laubengang aber nicht nur als effizienten Erschliessungsraum gestalten – er ist gleichzeitig ein zusätzlicher Aussenraum für die Bewohner*innen, welcher dank der vergleichsweise geringen Anzahl von insgesamt nur zehn Wohnungen ein Mass an Privatheit gewährleistet. Er ist auch ein echter Begegnungsort und gibt der Erschliessungsfassade einen prägnanten architektonischen Ausdruck. Zudem ermöglicht die Laubengangerschliessung allen Bewohner*innen über eine Öffnung in den Garten den direkten Zugang zum südwestlich gelegenen gemeinsamen Aussenraumbereich.  

Laubengang in der Abenddämmerung (Foto: Rolf Siegenthaler Fotografie)
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Der Neubau steht in Bümpliz in einem heterogenen Quartier, welches geprägt ist von Reihensiedlungen aus den 1940er-Jahren. Aber auch Gebäude und Grosssiedlungen aus den 1960er- bis 1970er-Jahren stehen in unmittelbarer Nähe. Wir suchten nach einem architektonischen Ausdruck, der mit dem vorhandenen Repertoire spielt. Wir haben uns bewusst gegen einen Holzbau mit holzverschalter Fassade entschieden und eine Massivbauweise mit sichtbaren Betonbauteilen (Balkone und Laubengang) und eine mit Platten hinterlüftete Fassade gewählt. Das Material Holz wird, ähnlich wie bei den Reihenhäusern, als Geländer und Sichtschutz bei den Balkonen eingesetzt. 

Der südwestliche Aussenraum der Parzelle wurde vor dem Neubau durch Bewohner*innen der angrenzenden Reihenhaussiedlung genutzt. Es wurde dort Gemüse angepflanzt, sogar Hühner wurden gehalten. Diese gewachsene und selbstverständliche Form der Aneignung des Aussenraums wollen wir weiterhin ermöglichen. Direkt beim Zugang vom Laubengang her befindet sich ein kleiner Aufenthaltsplatz mit einer neu gepflanzten Felsenbirne als Schattenspender. Mobile Hochbeete ermöglichen ein gemeinsames Gärtnern, und zum angrenzenden Erschliessungsweg der Reihenhäuser lädt eine Öffnung in der Heckenbepflanzung zum Austausch mit der Nachbarschaft ein. 

Gartenseite mit mobilen Hochbeeten (Foto: Rolf Siegenthaler Fotografie)
Verbindung vom Garten zum Laubengang (Foto: Rolf Siegenthaler Fotografie)
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?


Um eine Kostensicherheit auf Seiten des Generalunternehmers in der Wettbewerbsphase erreichen zu können, musste Konstruktion und Materialisierung bereits im Wettbewerbsprojekt weit fortgeschritten sein. Deshalb gab es im weiteren Projektverlauf nur geringfügige Änderungen. So wurde beispielsweise auch die Option einer PV-Anlage auf dem Dach im Projektverlauf umgesetzt. 

Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?


Als vorwiegend lokal in Bern tätiges Büro bewegen wir uns mit unserer Arbeit oft im Bereich von Umbauten, Sanierungen und Erweiterungen – auch im denkmalpflegerischen Umfeld. Das Sensorium für den Bestand wollen wir auch bei Neubauprojekten beibehalten, erweitert auf das Umfeld und die gebaute Umgebung. Der Neubau an der Morgenstrasse ist unser erster fertiggestellter Neubau eines Wohnhauses mit mehreren Wohnungen und somit auch der Startschuss für kommende Wohnungsneubauprojekte, welche demnächst abgeschlossen werden oder in die Projektierungsphase kommen. 

Ess- und Wohnbereich einer Familienwohnung (Foto: Rolf Siegenthaler Fotografie)
Küche und Essbereich einer Familienwohnung (Foto: Rolf Siegenthaler Fotografie)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?


Das Wohnhaus ist als autofreies Wohnen konzipiert, dadurch konnten wir auf den Bau einer kostspieligen Einstellhalle verzichten. Es sind grosszügig gedeckte Veloabstellplätze im Eingangsbereich und im Untergeschoss vorhanden; Tram, S-Bahn und Mobility-Standorte befinden sich in unmittelbarer Nähe. Zudem hätte der Bau einer Rampe auf Grund der engen Verhältnisse auf der Parzelle die Wohnqualität einzelner Wohnungen massiv beeinträchtigt und schliesslich auch zu mehr versiegelter und unterirdisch bebauter Fläche innerhalb der engen Parzelle geführt. 

Der Dämmwert liegt 15 Prozent über den Primäranforderungen von MINERGIE (zum Zeitpunkt des Wettbewerbsverfahrens), auf fossile Brennstoffe wird bei der Wärmeerzeugung durch eine Grundwasser-Wärmepumpe verzichtet. Vom Bau einer kontrollierten Lüftung wurde abgesehen, mit Ausnahme der konventionell belüfteten Bäder der Kleinwohnungen können alle Bäder mit einem Fenster belüftet werden.

Situation
Grundriss Erdgeschoss
Schnitt
Name des Bauwerks
Wohnhaus an der Morgenstrasse in Bern
 
Standort
Morgenstrasse 15, 3018 Bern
 
Nutzung
Mehrfamilienhaus mit 10 Wohnungen
 
Auftragsart
Gesamtleistungswettbewerb
 
Bauherrschaft
Fonds für Boden- und Wohnbaupolitik, p.A. Immobilien Stadt Bern
 
Architektur
W2H Architekten AG, Bern
 
Fachplaner 
Generalunternehmung: Ramseier Integral AG, Bern
Bauingenieur: WAM Planer und Ingenieure AG, Bern
Bauphysik: Marc Rüfenacht Bauphysik & Energie, Bern
 
Bauleitung
Ramseier Integral AG, Bern
 
Jahr der Fertigstellung
2019
 
Gesamtkosten BKP 1–9
CHF 3,9 Mio.
 
Gebäudekosten BKP 2 
3,7 Mio.
 
Gebäudevolumen 
4'205 m3 (SIA 416)
 
Kubikmeterpreis 
CHF 880
 
Fotos
Rolf Siegenthaler Fotografie, Bern

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