Lebendige Schule in geschichtsträchtigem Gemäuer

Bischof Föhn Architekten
3. September 2020
Im Zuge der Auffrischung des mittelalterlichen Baus wurde der Singsaal erneuert und mit einer umlaufenden Wandverkleidung ausgestattet. (Foto: Jürg Zimmermann)

Stephan Bischof und Norbert Föhn haben das historische «Johanniterhaus» der Kantonsschule Küsnacht saniert und umgebaut. Die Architekten erklären, was sie zu ihrer Gestaltung inspiriert hat.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Das denkmalgeschützte «Johanniterhaus» aus dem 15. Jahrhundert war ursprünglich eine Komturei der Bubiker Johanniter. Nach der Reformation residierte hier der Amtmann der Stadt Zürich, bevor 1834 das erste Lehererseminar des Kantons Zürich einzog. Heute ist das Gebäude Teil der Kantonsschule Küsnacht, eines Gymnasiums mit neusprachlichem und musischem Profil. Die historischen Bauten aus dem 14. Jahrhundert bilden dabei mit modernen eine malerische Gesamtanlage.

Das «Johanniterhaus» sollte energetisch, betrieblich sowie gebäude- und brandschutztechnisch instand gesetzt werden. Neben punktuellen Ertüchtigungs- und Erneuerungsmassnahmen war insbesondere der Singsaal neu zu gestaltet und die ehemalige Hauswartwohnung in Schul- und Büroräumlichkeiten umzubauen. Besonders war dabei die Auseinandersetzung mit dem wertvollen, geschichtsträchtigen Gebäude und der Vielfalt und Lebendigkeit der heutigen Schulnutzung. 

Das «Johanniterhaus» und die benachbarte Kirche um 1900 
Eingänge zum «Johanniterhaus» (rechts) und zum Singsaal (links) mit Vorplatz und Brunnen (Foto: Jürg Zimmermann)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Uns war wichtig, mit unseren Eingriffen Bezug auf die Baugeschichte des Gebäudes zu nehmen und dabei sorgsam mit der denkmalgeschützten Substanz umzugehen. Zum Beispiel haben Farbsondagen in der ehemaligen Hauswartwohnung unter dem weissen Anstrich eine differenzierte Farbigkeit der Täferverkleidungen zutage gefördert. Diese ursprüngliche Farbigkeit wollen wir in den Schulräumen wieder aufleben lassen und ebenfalls bei der Neugestaltung des Singsaals einbringen.

Der Singsaal hat in Anlehnung an historische Täferverkleidungen neu eine umlaufende Wandverkleidung aus gestrichenen Holzplatten erhalten, in welche Innendämmung, Bühnentechnik, Einbauschränke sowie die Luftauslässe der Saallüftung integriert wurden.

Die grossformatige neue Felderung des Parketts im Singsaal harmoniert gut mit der rhythmisierten Wandverkleidung. (Foto: Jürg Zimmermann)
Foto: Jürg Zimmermann
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Die Anlage der Kantonsschule Küsnacht widerspiegelt mit ihren unterschiedlichen Bauten praktisch nahtlos die Architekturgeschichte vom 14. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Neben dem mittelalterlichen «Johanniterhaus» prägen unter anderem die 1878 als eine der ersten Turnhallen des Kantons erbaute «Semihalle», die im Jugendstil erbaute «Italienische Villa» und die 1999 erstellte Mediothek von Bétrix & Consolascio den Campus. Dieses Nebeneinander von Alt und Neu, die Art und Weise, wie sich die Bauten gegenseitig ergänzen und wie sie von der lebendigen und kreativen Schüler- und Lehrerschaft belebt werden, hat uns sehr inspiriert.

Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Die Schule als Nutzerin hat mit ihren Bedürfnissen der Singsaalnutzung für Theater-, Tanz- und Musikvorführungen und der dazu gewünschten Bühnentechnik die Ausgestaltung des Singsaals wesentlich beeinflusst. Eine Vielzahl technischer Elemente galt es in der rundumlaufenden Wandverkleidung zu integrieren, damit der kleine Saal als einheitlicher Raum erlebbar bleibt. Auch die Denkmalpflege hat den Entwurf mit geprägt: Ihr Wunsch nach Farbsondagen in der ehemaligen Hauswartwohnung hat zur Entdeckung der ursprünglichen Farbigkeit geführt, die, wie erwähnt, unser Farbkonzept beeinflusst hat. 

Die frühere Hauswartswohnung wurde in Schulräume mit neuer, auf historischen Befunden basierender Farbgebung umgestaltet. (Foto: Jürg Zimmermann)
Sensibler Einbau von Schulzimmern in die ehemalige Hauswartwohnung (Foto: Jürg Zimmermann)
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?


Es wurde gewünscht, den Singsaal für mehr Behaglichkeit und eine sichere Instrumentenlagerung mechanisch zu belüften. Wir haben in der Folge mehrere Standortvarianten für die Lüftungszentrale ausgearbeitet. 

Die Massnahmen für den zunächst geplanten Einbau im Dachstock stellten sich statisch und schallmässig als unverhältnismässig heraus, weshalb die Lüftung schliesslich nach minimalen Abgrabungen unterhalb des Singsaals erstellt wurde. Dass man in der Nähe einer Kirche auf archäologische Funde stossen würde, war absehbar, dass die Kantonsarchäologie aber anlässlich umfassender Grabungsarbeiten rund 60 Gräber aus dem 9. bis 11. Jahrhundert freilegte, war dann doch eine grössere Überraschung. Die Grabungsmassnahmen wurden prompt im Schulunterricht aufgegriffen und anlässlich einer Maturaarbeit sogar filmisch dokumentiert. Die Schulanlage ist nach dem neuen Kenntnisstand noch reicher an historischen Befunden.

Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?


Neben der Planung um Umsetzung von Neubauten beschäftigen wir uns mit grosser Leidenschaft mit Bestandsbauten, insbesondere historischen Schulgebäuden. Der baugeschichtliche und kulturelle Hintergrund der Gebäude sowie die Auseinandersetzung mit bestehender Bausubstanz faszinieren uns. Immer wieder tauchen unerwartete Aspekte auf, die sehr inspirierend sein können.

Situation
Grundriss Singsaal
Schnitt Singsaal mit neuer Lüftungszentrale
Grundriss der Schulräume in der ehemaligen Hauswartwohnung
Name des Bauwerks
Umbau und Instandsetzung «Johanniterhaus», Kantonsschule Küsnacht
 
Standort
Dorfstrasse 30, 8700 Küsnacht
 
Nutzung 
Kantonsschule 
 
Auftragsart
Offenes Planerwahlverfahren, 1. Rang
 
Bauherrschaft
Hochbauamt Baudirektion Kanton Zürich
 
Architektur
Bischof Föhn Architekten, Zürich
Projektleitung: Norbert Föhn, Paul Degendorfer    
 
Fachplaner
Bauingenieur: WaltGalmarini AG, Zürich
Elektro: Marquart AG, Winterthur
HLS: Gruenberg+Partner AG, Zürich
Bauphysik: Heidt Bauphysik+Akustik, Zollikerberg
Bühnenplanung: Nerlich AG, Tuggen 
Brandschutz: Brandschutz Kyburg, Kyburg 
Betreuung: Denkmalpflege des Kantons Zürich
 
Bauleitung
Caretta + Gitz AG, Küsnacht ZH
 
Jahr der Fertigstellung
2019
 
Gesamtkosten BKP 1–9
3,3 Mio.
 
Gebäudekosten BKP 2
2,6 Mio.
 
Gebäudevolumen
4'336 m3
 
Kubikmeterpreis
CHF 771 
 
Massgeblich beteiligte Unternehmer
Baumeister: Pfenninger Bau AG, Zürich 
Schreiner: Robert Fehr AG, Andelfingen 
Gipser: Gips D’Aire GmbH, Dübendorf 
Orgelbau: Orgelbau Kuhn AG, Männedorf
Bodenbeläge: Parkett Maier AG, Zürich
 
Fotos
Jürg Zimmermann, Zürich

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