Markant erweiterte Gründerzeit

AMJGS Architektur
21. Januar 2021
Foto: Das Bild, Judith Stadler

AMJGS Architektur und Niklaus Leuthold haben in Zürich ein Wohnhaus aus der Gründerzeit saniert und erweitert. Während sie bei der Sanierung auf baugeschichtliche Authentizität achteten, orientiert sich der Anbau aus Stahl und Glas zwar an historischen Vorbildern, doch interpretiert sie zugleich. Sandra König und Anja Meyer sprechen über das Projekt, an dem auch mehrere Kunstschaffende mitwirkten.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Das historische Wohnhaus von 1891 hat von aussen seinen ursprünglichen Ausdruck bewahren können, im Innern jedoch wurde es in den 1970er-Jahren weitgehend entkernt. Für die Anmutung eines Zustands im Innern, wie es hätte gewesen sein können, haben wir uns möglichst authentischen historischen Materialien, Bauweisen und Details bedient. So wurden zum Beispiel den nach historischem Vorbild gebauten Türen und Fenstern originale Kastenschlösser beziehungsweise Stangenverschlüsse eingesetzt. Das noch vorhandene Originalparkett wurde sorgfältig ausgebaut, nummeriert, eingelagert, gereinigt und nach schall- und brandschutztechnischer Aufwertung der Decken wieder eingebaut. Der Anbau ergänzt das Haus mit einer freien Formen- und Materialsprache. Wir haben nach einem Weg gesucht, wie alle drei Parteien aus ihrer jeweiligen Wohneinheit direkt in den Garten gelangen und sich gegenseitig direkt über die Wohnräume besuchen können. Vom Bauherrn, der selbst im Erdgeschoss wohnt und die oberen Wohnungen vermietet, ist das Vorhaben von Anfang an als gemeinschaftliches Wohnprojekt konzipiert worden.

Die Stahlfassade des Anbaus mit den hölzernen Rollläden (Foto: Das Bild, Judith Stadler)
Das Innere des Anbaus; gut zu erkennen ist der Übergang zum Altbau. (Foto: Das Bild, Judith Stadler)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Zu unserem Umgang mit dem Altbau haben uns einige historische Vorbilder aus der gleichen Bauzeit und der Umgebung inspiriert. Das Gebäude ist sehr typisch für die frühe Gründerzeit und sollte das auch bleiben. Beim Anbau hingegen haben wir Anleihen beim Industriebau vorgenommen, eine Werkstatt als Ergänzung zum Wohngebäude war die Idee. Die Bauten von Jean Prouvé haben uns zum Beispiel beeinflusst. Der Entwurfsprozess war ein Ping-Pong zwischen der Bauherrschaft, dem Kunsthandwerker und Metallkünstler Gregor Portmann, der Wendeltreppe, Geländer und Brücken entworfen hat, und uns.

Altbau mit Blick ins Bad (Foto: Das Bild, Judith Stadler)
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Das bestehende Wohnhaus hat einen sehr starken Charakter – historisch ist es ganz klar einer Epoche zuzuordnen. Allerdings wurde kontinuierlich an ihm weitergebaut: In den 1930- und 1940er-Jahren gab es etwa diverse Anbauten sowie nach hinten zum Garten hin eine vollkommene Dachneugestaltung beziehungsweise Aufstockung. Wir haben gut und eng mit der Denkmalpflege der Stadt Zürich zusammengearbeitet. Das hat uns die Tür geöffnet, das Haus mit einem weiteren Anbau zu ergänzen. Statt diesen aber wie seine historischen Vorgänger massiv und in Klinker auszuführen, sodass er erst auf den zweiten oder gar dritten Blick als Anfügung erkennbar wäre, haben wir bewusst einen Kontrapunkt gesetzt und dem auf der Rückseite eher industriell wirkenden Klinkerbau eine Art Werkstatt oder Atelier hinzugefügt, das spielerisch an die Ästhetik solcher industriellen Bauten aus der Gründerzeit erinnert. Der Kontrast zwischen dem feinen, warmen Altbau mit den verschiedenen Holztönen und hellen Lackoberflächen und dem Anbau mit roh belassenen Stahlträgern, fein lasierter Betondecke und Küchenmöbeln in Stahl, die eher an eine Werkbank als eine Küche erinnern, wirkt unheimlich stark. 

Und noch ein schöner Aspekt, da wir über die Küche sprechen: Für den Anbau musste leider ein alter Birnbaum gefällt werden. Dessen Holz wurde eingelagert und getrocknet. Glücklicherweise war es sehr gut verwendbar und wies eine wunderbare Maserung auf, sodass es für die Küchenfronten eingesetzt werden konnte.

Blick aus dem Altbau ins 1. Obergeschoss des Anbaus (Foto: Das Bild, Judith Stadler)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Die Bauherrschaft hat den Entwurf stark beeinflusst und geprägt. Zum einen wurde schon zu Anfang gemeinsam klar definiert, dass der Altbau auf möglichst historisch authentische Art hergerichtet und saniert werden sollte und dass es einen Anbau in Stahl und Glas mit Aussentreppe geben sollte, um alle Wohneinheiten miteinander zu verbinden. Ausserdem haben wir fortlaufend einen fruchtbaren Dialog über die genaue Art der Ausführung und die Details geführt. Schliesslich war die Bauherrschaft dafür, Gregor Portmann als Kunsthandwerker und Maja Thommen als Künstlerin am Bau an Bord zu holen. Alle verbindet eine gemeinsame Geschichte als Kulturschaffende. In der Ästhetik, der Formensprache und Materialisierung des Anbaus sind denn auch viele Reminiszenzen und Anspielungen auf die Punk-Bewegung und die Hausbesetzungen der 1990er-Jahre sowie die damit verbundenen Subkulturen der letzten drei Jahrzehnte enthalten. 

Die Bauherrschaft hat wie auch wir viel Zeit und Liebe in die Entwicklung des Projekts und die Entscheide investiert. Das ist heute aussergewöhnlich und war sehr intensiv. Am Ergebnis ist der grosse Aufwand ablesbar – es hat sich für alle gelohnt.

Der Anbau im Abendlicht (Foto: Das Bild, Judith Stadler)
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Der Anbau in Stahl und Glas sollte sich, wie wir schon erwähnt haben, an historischen Vorbildern orientieren, ohne historisierend zu sein. Seine Fassade sollte kleinteilige Fensterflächen bekommen, was mit dem Janisol-Arte-Profil von Jansen sehr gut umzusetzen ist. Es ist ein tolles Produkt, aber man braucht auch einen Metallbauer, der genau weiss, wie damit umzugehen ist. Architektonisch wichtig ist weiterhin auch, dass der hohe Stahlanteil mit kontrastierenden Materialien kombiniert wird. So sind sowohl das Eichenholz der Holzrollläden, das auch im hochgezogenen Zustand sichtbar ist, als auch das Lärchenholz der Brücken und Treppentritte entscheidend für den Charakter des Gebäudes.

Grundriss Erdgeschoss
Schnitt
Ansicht Nord
Ansicht Süd
Ansicht Ost
Bauwerk
Anbau und Umbau eines denkmalgeschützten Wohnhauses
 
Standort
Nordstrasse 127, 8037 Zürich
 
Nutzung
Mehrfamilienhaus
 
Auftragsart
Direktauftrag
 
Bauherrschaft
Niklaus Leuthold, Zürich
 
Architektur
AMJGS Architektur und Niklaus Leuthold, Zürich
Sandra König, Anja Meyer, Claudia Escudero, Judith Gessler und Nikolas Wälli
Entwurf Wendeltreppe, Geländer und Brücken: Gregor Portmann, Russikon
Vorstudien: Hansjörg Hilti, Schaan
 
Fachplaner 
Gauss & Merz, Ingenieur und Planungsbüro, Geroldswil: Enrico Grob
Gutknecht Elektroplanung, Au: Michael Endriss
3-Plan Haustechnik AG, Winterthur: Kevin Holbe (Haustechnik) und Michèle Tanner (Bauphysik)
 
Bauleitung 
miniti GmbH Architektur& Baumanagement, Zürich: Daniel Baltensperger
 
Jahr der Fertigstellung
2020
 
Kunst am Bau
Maja Thommen aka Maja Explosiv, Berlin, Deutschland: «Eine agile Affenbande aus Stahl beklettert den Anbau»
 
Massgeblich beteiligte Unternehmer
Metallbauer: Baur Metallbau, Mettmenstetten
Holzbau: GEKO Wolfram Adams, Winterthur
Schreinerarbeiten: Gross Konzept, Peter Gross, Zürich
Fenster: Vogel Fensterbauer, Goldach
Historisches Parkett und Türen: Schreinerei Eigenmann, Zumikon
Platten und Parkett neu: Reibenschuh, Wetzikon
Küchen: Stefan Bachmann und Nino Stauffer, Zürich
Küche Altbau: Gebrüder Schneider, Embrach
Gipser: Seifriz, Schlieren
Malerin: Susanne Wyser, Zürich
 
Fotos
Das Bild: Judith Stadler

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