Naturmuseumspark

Natur und Künstlichkeit: ein Paradoxon

Studio Vulkan, St. Gallen
10. Oktober 2018
Das Paradoxon der Aufgabe liegt in der Gestaltung eines Parks zum Thema Naturgeschichte über einem Autobahntunnel zwischen Sportanlagen, Wohnsiedlungen und Ausfallstrasse. Bild: Jean-Claude Jossen
Studio Vulkan Landschaftsarchitektur hat kürzlich den Park des Naturmuseums St. Gallen fertiggestellt. Robin Winogrond beantwortet unsere Fragen.
Nutzung Naturmuseumspark
Ort Rorschacherstrasse 253, 9016 St. Gallen
Auftragsart Wettbewerb 2009, 1. Rang
Bauherrschaft Hochbauamt St. Gallen
Landschaftsarchitektur Studio Vulkan Landschaftsarchitektur, Zürich
Architektur Armon Semadeni Architekten GmbH, Zürich, in Zusammenarbeit mit Michael Meier, Marius Hug Architekten AG, Zürich
Jahr der Fertigstellung 2018
Massgeblich beteiligte Unternehmer Gregor Weder, Bildhauer Atelier. 9450 Altstätten SG (Steinmetz) | Christian Waldburger AG. St. 9100 Herisau (Gartenbau) | Jakob Schneider AG, 9127 Sankt Peterzell (Betonarbeit) | Integral Ruedi Bauer Zürich GmbH
Fläche 5000 m²
Fotos Das Bild/Judith Stadler, Jean-Claude Jossen
Im Park verteilte Fragmente der Naturgeschichte wirken als Katalysatoren unserer Neugier und Imagination. Neben den überwiegend einheimischen Pflanzen stehen exotische Hortensien für das Paradoxon des Ortes. Bild: Das Bild/Judith Stadler
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Der Standort des Parks steht exemplarisch für das Paradoxon der Schweizer Landschaft: Infrastrukturen, Stadtrandgebiete und ländliche Idylle sind eng miteinander verwoben. Die Aufgabe beginnt mit der Frage wie die Gestaltung eines Parks mit dem Thema Naturgeschichte über einem Autobahntunnel zwischen Sportanlagen, Wohnsiedlungen und Ausfallstrasse heutzutage aussehen soll. In einer Zeit, in der Begriffe wie «Natur» oder «Landschaft» keinen eindeutigen Inhalt mehr besitzen oder besitzen können, setzt sich der Park mit dem Thema künstliche Natürlichkeit / natürliche Künstlichkeit auseinander.
Übergrosse Trittsteine aus Beton bilden einen Weg durch den Park; sie sind Träger von Fossilien und Texten. Bild: Das Bild/Judith Stadler
Der omnipräsente Ostschweizer „Naturbeton" Nagelfluh steht dem identisch aussehenden, künstlichen Baustoff Beton gegenüber. Der formbare Beton zeigt sich, neben einer natürlich-wilden Erscheinung, mit Mustern menschlicher Herkunft wie Abdrücke von Drainagematten oder Holzlatten. Bild: (Links, Mitte) Das Bild/Judith Stadler, (Rechts) Studio Vulkan
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde? 
Als Kind fand ich es fast unmöglich, mich an Daten der Naturgeschichte zu erinnern: etwas das vor 5, 30, oder 300’000 Millionen Jahren passiert ist, konnte man kaum auseinanderhalten. Inspiriert vom Künstler Alan Sonfist, beschloss ich die Naturgeschichte mit einem simplen Narrativ zu vermitteln. Die drei für die Ostschweiz bedeutenden geologischen Epochen werden zur Schau gestellt, um die unfassbaren Dimensionen der geologischen Geschichte in eine kleine, erinnerbare Story zu fassen. Dass St. Gallen einst Teil des tropischen Ozeans war, zeigen Schriftzüge wie «Bahamas», aber auch Sumpfzypressen oder Fossilien von Dinosauriern. Riesige, farbige Findlinge nehmen Bezug auf die eiszeitlichen Gletscher, welche die Findlinge ins Mittelland transportiert haben.
 
Zum anderen war der Wunsch da, einen offenen Interpretationsraum zu schaffen, der als Katalysator unserer Neugier und Imagination über die Natur und Naturgeschichte dient. Eingebettet in die atmosphärischen Kulissen der Vegetation fungieren enorme Betontrittsteine als Träger poetischer sowie wissenschaftlicher Botschaften. Fragmentarisch im Park verstreut liegen 30 cm hohe in Beton gemeisselte Zitate und wissenschaftliche Bezeichnungen der lokalen Geologie neben in Beton gegossenen lokalen Fossilien und riesigen Findlingen, die die Gletscher hervorgebracht haben.
Der kulturell bedeutende Ostschweizer Sandstein wird als natürlicher Schotter und als architektonisches Kulturobjekt gezeigt. Bild: Das Bild/Judith Stadler
Grosse, farbige Findlinge nehmen Bezug auf die eiszeitlichen Gletscher, die sie ins Mittelland transportierten. Bild: Das Bild/Judith Stadler
Wie hat der Ort / Bauherr auf den Entwurf eingewirkt? 
Die Kirchengemeinde St. Maria Neudorf hat sich gewünscht, dass der Park, aufgespannt zwischen Kirche und Museumsbau, einen Dialog über die zwei Theorien der Entstehung der Welt thematisiert; einmal aus Sicht der Religion und einmal aus Sicht der Wissenschaft. Drei Zitate, eins aus der Bibel, eins von Max Plank und eins von Charles Darwin bespielen dieses Thema.
 
Experten haben uns geholfen Inhalte zu verstehen und zu vermitteln. Die Museumsdirektion und der Bauherr unterstützt unsere Wünsch durch eine unkonventionelle Gestaltung eines «Naturraums», der den Besuchern die Inhalte des Parks besser vermittelt. Die verwendeten Pflanzen sind nur zu 75%, nicht zu 100%, einheimisch. Wir haben bewusst exotische Hortensien verwendet, um den Widersprüchen des Ortes Ausdruck zu verleihen, was für manche Leute ein Dorn ins Auge ist. Dabei finden wir es in der heutigen Zeit essenziell, die Widersprüche im Umgang mit der Natur zur Schau zu stellen, damit eine gesellschaftliche Auseinandersetzung damit stattfinden kann.
Dinosaurier, der einst im tropischen Meer herumgetobt ist. Bild: Das Bild/Judith Stadler
Das Wortpaar ‹Tropisches Meer› verweist auf die Landschaft, die einst hier vorzufinden war. Bild: Das Bild/Judith Stadler
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?
Ja, ziemlich bedeutende: Kurz vor Beginn der Ausführungsplanung machte ASTRA Bohrungen im Autobahntunnel und entschied, dass auf dem Tunneldeckel aus den 1970er-Jahren weiterhin nur Wiesen stehen dürfen. Nach über einem Jahr Forschung unsererseits und intensiver Zusammenarbeit, konnte der Park mehr oder weniger wie geplant realisiert werden. Durch Messungen wird die Statik des Tunnels streng kontrolliert, sowohl während des Baus als auch im Betrieb.
Das Wasser im Brunnen dient als Symbol für die Quelle des Lebens. Bild: Das Bild/Judith Stadler
Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Projekte des Büros ein? 
Seit längerem setzen wir uns mit den Themen Agglomeration und der zunehmenden Standardisierung der Stadtlandschaft auseinander. Der Begriff des englischen Autors Alistair Bonnett «geographical Reeinchantment» entspricht unserem Wunsch Orte zu schaffen, die die spezifischen An- und Widersprüche zum Ausdruck bringen und erlebbar machen. Durch eine atmosphärische Dichte und einen mehrdeutigen, interpretierbaren Raum versuchen wir diesem «geographical Reeinchantment» möglichst nah zu kommen.
Zitate aus der Bibel, von Darwin und Planck nehmen Bezug auf die Entstehung der Welt aus Sicht von Religion und Wissenschaft. Bild: Das Bild/Judith Stadler
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen? 
Beton. Er besitzt die Fähigkeit kontrastreiche, ja widersprüchliche Bilder zu kreieren. Im Park steht der omnipräsente Ostschweizer «Naturbeton» Nagelfluh dem identisch aussehenden künstlichen Baustoff Beton gegenüber. Im formbaren Beton stossen natürlich-wilde Erscheinungen auf Muster menschlicher Herkunft, wie Abdrücke von Drainagematten, Jute oder Holzlatten. Unterschiedliche Oberflächenbehandlungen, wie Meisseln oder Stampfen wurden ungeniert kombiniert, um den Beton zum Reden zu bringen.
Bild: Studio Vulkan

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