Neu stärkt Alt – der Umbau eines Freiämter Bauernhauses

Castor Huser Architekten
17. November 2022
Die neuen Fenster der Giebelfassade gliedern sich in die bestehenden Bohlen ein. Als Basis für die barocke Sprosseneinteilung der Fenster diente ein Foto aus dem Jahr 1932. (Foto: Markus Käch)
Herr Huser, worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Während die Gebäudehülle des Bohlenständerbaus intakt war, zeigte sich im Inneren durch jüngere Umbauten zunächst keine schlüssige Raumaufteilung. Mit den aufschlussreichen Untersuchungen der Kantonsarchäologie Aargau gelang es jedoch, die ursprüngliche Typologie mit dem zentralen Mittelgang und den seitlich angeordneten Kammern zu entschlüsseln. Nach den umfassenden Rückbauarbeiten musste im nur noch fragmentarisch vorhandenen Erdgeschoss vieles rekonstruiert werden. Im Obergeschoss dagegen war unser Vorgehen hauptsächlich restaurativ. Herausfordernd war für uns, diese zwei gegensätzlichen Vorgehensweisen im Gesamtkontext adäquat zusammenzufügen.

Die Galerie erschliesst die östlich und westlich angeordneten Schlafkammern und Bäder. Sie schafft eine räumliche Offenheit, die den Lichteinfall erhöht. (Foto: Markus Käch)
Blick auf die Küche unterhalb der ehemaligen Rauchhurdkonstruktion im mittleren Schiff; die doppelte Raumhöhe sorgt für Grosszügigkeit im Eingangsbereich. Zudem wird die freistehende historische Fachwerkwand durch sie in Szene gesetzt. (Foto: Markus Käch)
Welche Inspiration liegt diesem Projekt zugrunde?


Uns inspirierte das Vorhandene und speziell die traditionelle Bauweise des Bohlenständerbaus. Besonders interessiert hat uns, wie die einzelnen Bauteile konstruktiv zusammengefügt wurden. Dies hat uns durch das Projekt begleitet. Uns war aus ideellen Gründen wichtig, alle vorhandenen Bohlenwände im Gebäudeinneren beidseitig sichtbar zu belassen, was aber nicht immer mit den neuen Installationen zu vereinbaren war. Darum fügten wir teils auf einer Seite eine neue Schicht hinzu, die das jahrhundertealte Prinzip der Nut-Kamm-Steckverbindung übernimmt. Bei den neuen Holzwänden setzten wir diese Methode mit einer Doppelnut im Sinne einer Doppelschalen-Holzkonstruktion fort.

Die Stube zieren ein historischer Kachelofen und ein Birnbaumparkett. Die Öffnungen ermöglichen Blickbezüge zum Eingang und zur Küche sowie zur Wohnstube. (Foto: Markus Käch)
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Weniger der Ort, sondern das Gebäude selbst hat den Entwurf beeinflusst. Von den historischen Gegebenheiten ausgehend, haben wir die verschwundene dreischiffige Unterteilung im Erdgeschoss wiederhergestellt und die Küche unterhalb der ehemaligen Rauchhurdkonstruktion im mittleren Schiff platziert. Wie früher dient sie auch als Erschliessung der seitlich angeordneten Stuben und Nebenräume. Im Obergeschoss ist die ursprüngliche Raumeinteilung in sechs Kammern erhalten geblieben. Die Galerie, welche die fehlende Rauchhurd dreiseitig umfasst, ermöglicht einerseits den Zugang zu den östlich und westlich angeordneten Schlafkammern und Nasszellen, anderseits schafft sie eine räumliche Grosszügigkeit, die den Lichteinfall erhöht.

Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Die Bauherrschaft wünschte sich eine im Einklang mit dem Bestand und den Vorstellungen der Denkmalpflege optimierte natürliche Belichtung der Räume. Dabei führten viele kleinere Massnahmen zum Ziel. Die partiell eingesetzten Glasziegel lassen das Licht durch das Fenster im Dachboden und einzelne entfernte Bohlen der Aussenwände in die hinteren Kammern fallen. 

Auch in der Bauphase integrierten wir Änderungswünsche, die das Projekt bereichert haben. Zwei Beispiele dafür sind das «Zeitfenster» im Erdgeschoss, das den Blick auf das Kellergewölbe freigibt, und der Erhalt der Fachwerkwand im Eingangsbereich, der die Umplanung der gesamten Kücheneinteilung nötig machte.

Ein grosses Anliegen der Bauherrschaft war ausserdem, möglichst viele vorhandene Baumaterialien und -teile in beliebiger Form vor Ort weiterzuverwenden und nicht zu entsorgen. Beispielsweise wurden alte Ofenkacheln im Bad als Fliessen weiterverwendet und aus einem gezwungenermassen gefällten Birnbaum wurden das Massivholzparkett in der Essstube und die Fenstersimse hergestellt.

Das «Zeitfenster» im Erdgeschoss gibt den Blick auf das historische Kellergewölbe frei. (Foto: Markus Käch)
Im Gästebad sind alte Ofenkacheln als Fliessen weiterverwendet worden und geben dem Raum einen besonderen Charme. (Foto: Markus Käch)
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?


Der Umbau widmete sich schlussendlich nur dem bestehenden historischen Wohnteil, wobei dieser etwa einem Drittel des Gesamtvolumens des Gebäudes entspricht. Bei den ersten Entwürfen war dies noch nicht der Fall: Das Projekt beinhaltete zunächst zwei weitere Wohnungen und einen neuen Keller im Ökonomieteil des Hauses. Aus Kostengründen, aber auch im Sinne der Lebensqualität entschied sich die Bauherrschaft für die kleinere Entwurfsvariante. Im Gegenzug wurde beschlossen, den ehemaligen Kuhstall in einen Pferdestall umzuwandeln. Mit diesem Entscheid ist die Bauherrschaft nun überglücklich.

Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten Ihres Büros ein?


Der Umbau des Vogtshauses entspricht unserer Philosophie, nach der jedes Projekt für sich einzigartig ist. Wir arbeiten oft im historischen Kontext. Wir nehmen grosse Rücksicht auf Vorhandenes und versuchen, die bestehenden Qualitäten projektspezifisch durch die Reduktion auf das Wesentliche herauszuarbeiten. Bestehende typologische Gegebenheiten akzeptieren wir als Teil der Geschichte und nehmen sie als Herausforderung für das Weiterbauen an. Alt und Neu sollen sich voneinander abheben, aber eine Symbiose eingehen, die schlussendlich zu einem stringenten Bauwerk führt.

Durch das Entfernen jeder zweiten Bohle, den Einbau eines Oberlichts im Boden des Dachgeschosses und durch Glasziegeln im Dach konnte die natürliche Belichtung der hinteren Kammer verbessert werden. (Foto: Markus Käch)
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Das vorherrschende Material des Bestands ist Holz. Dies haben wir beim Weiterbauen beibehalten. Im Bauwerk findet nun ein spannendes Spiel zwischen altem und neuem Holz einerseits und zwischen verschiedenen Holzarten andererseits statt: Die alten rauchgeschwärzten Balken und Bretter im Bereich der Küche kontrastieren mit den neuen Bohlenwänden und Türen aus unbehandelter heimischer Fichte. Im Esszimmer, der «guten Stube», wurde der wertvolle und nur begrenzt zur Verfügung stehende Birnbaum als Massivparket verlegt. 

Bei der Fassade sollte der Unterschied in Rücksprache mit der Denkmalpflege weniger kontrastreich, aber trotzdem ablesbar sein. Die neuen Fenster sind daher in Lärche und die Fensterfutter in gedämpfter Fichte ausgeführt. Sie gliedern sich so hervorragend in die sonnengebräunte Bohlenfassade des Bestands ein.

Schwarzplan
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss 1. Obergeschoss
Längsschnitt
Bauwerk
Vogtshaus zur Arche
 
Standort
Himmelrych, Villmergen
 
Nutzung
Einfamilienhaus
 
Auftragsart
Direktauftrag
 
Bauherrschaft
Privat
 
Architektur
Castor Huser Architekten AG, Baden
Mario Huser und Marie-Laure Allemann
 
Fachplaner
Begleitung: Jonas Kallenbach, Denkmalpflege Aargau
Franz Bitterli AG, Hunzenschwil
Spuhler Holzbau, Würenlingen
DaEltec AG, Frick
Mettauer AG, Mellingen
Steigmeier Akustik + Bauphysik GmbH, Baden
 
Jahr der Fertigstellung
2021
 
Massgeblich beteiligte Unternehmer 
Baumeisterarbeiten: Hoch- und Tiefbau Aarau/Buchs und Zuckschwerdt AG, Staufen
Zimmermannsarbeiten: Vögeli Holzbau AG, Kleindöttingen
Fensterbau: Hauri AG, Staffelbach
Sanitärinstallationen: Glatthard Haustechnik AG, Mägenwil
Gipserarbeiten: Knöchel + Pungitore AG, Luzern
Holzböden: Bruno Boog, Rickenbach
Malerarbeiten: Giuliani AG, Wettingen
 
Fotos
Markus Käch, Emmenbrücke

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