Treppen zum Licht

Diethelm & Spillmann Architekten
9. September 2021
Die historische Treppenanlage strahlt wieder in ihrer bauzeitlichen Farbigkeit. (Foto: Roger Frei)

Der Südtrakt des Bahnhofs Enge wurde immer wieder umgestaltet. Nun haben Alois Diethelm und Daniel Spillmann mit ihrem Team die zwei Obergeschosse erneut umgebaut. Wie haben sie die ursprünglichen Qualitäten des Baus der Gebrüder Pfister wieder herausgearbeitet?

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Als der Bahnhof Enge der Gebrüder Pfister 1927 eröffnet wurde, diente der Südtrakt, um den es bei diesem Projekt ging, dem Bahnhofbuffet, das im ersten Obergeschoss die Küche, die Personalzimmer, die Wohnung der Wirtsleute und einen separaten Speisesaal – das sogenannte Gesellschaftszimmer – hatte. Letzteres erklärt denn auch den repräsentativen Treppenaufgang, der direkt aus dem Restaurant zu erreichen war. Die Küche wurde aber bereits in den 1940er-Jahren ins Erdgeschoss verlegt und der fünf Meter hohe Raum zuerst mit einer Zwischendecke versehen, später dann mehrfach unterteilt. Spätestens seit den 1980er-Jahren wurden das erste und auch das zweite Obergeschoss unter dem Dach, das ursprünglich nur zu Teilen ausgebaut war, als Büros genutzt. Zunächst arbeiteten dort nur Angestellte der SBB. Später führte die kleinflächigere Vermietung an mehrere Parteien zu Problemen bezüglich der Erschliessungs- und Fluchtwege, die nun mit einem erneuten Umbau zu lösen waren.

Die Zweifarbigkeit im Entrée im Erdgeschoss entspricht historischen Befunden. (Foto: Roger Frei)
Blick vom Zwischengeschoss; unten das Entrée mit dem neuen Lift (Foto: Roger Frei)
Welche Inspiration liegt diesem Projekt zugrunde?


Wenn wir im Bestand arbeiten, möchten wir zunächst den Urzustand kennen und verstehen. Das ist bei Gebäuden aus dem 20. Jahrhundert einfacher als bei älteren Bauten, die schon mehrfach umgebaut wurden und meistens schlechter dokumentiert sind. Stammt der Entwurf von namhaften Architekten wie hier von den Gebrüdern Pfister, sind wir besonders daran interessiert, die ursprünglichen Qualitäten wieder spürbar zu machen. Das betraf beim Bahnhof Enge vorrangig die Farbigkeit der Treppenhalle, die Klärung der Zugänge zu den heutigen Mietflächen sowie das Wiederherstellen der einstigen Raumdimensionen – seien es die Korridore mit den nun wieder sichtbaren Oberlichtern über den Türen oder die leergeräumte Küche. Vor dem Hintergrund unserer Affinität zur Denkmalpflege mag es paradox klingen, aber je mehr verändert wurde, desto ergiebiger empfinden wir unsere Arbeit, weil wir dem Haus für alle sichtbar etwas zurückgeben können.

Das Gesellschaftszimmer diente einst als Speisesaal zum Bahnhofbuffet im Erdgeschoss. (Foto: Roger Frei)
In der WC-Anlage finden sich Wandfliesen und eine Lichtdecke aus der Bauzeit. (Foto: Roger Frei)
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?


Ja, in der Tat. Der Umfang an haustechnischen Installationen nahm kontinuierlich zu. Zuerst sollten die neuen Deckensegel im ersten Obergeschoss nur der besseren Akustik dienen und die Leuchten verorten. Jetzt kann man damit auch kühlen und heizen, wobei letzteres durchaus seinen Charme hat: Wird dereinst mit einer neuen Wärmeerzeugung die Vorlauftemperatur reduziert, können die teilweise noch bauzeitlichen Gussradiatoren erhalten bleiben, weil die Deckensegel die verminderte Wärmeabgabe der Radiatoren kompensieren werden. Schwerwiegender jedoch war der Entscheid, die Räume mechanisch zu lüften, waren doch der Platzbedarf und der Umfang der Brandschutzanforderungen alles andere als gering. Und nicht unerwähnt bleiben darf auch, dass drei Monate vor Baubeginn die Flächen im ersten Obergeschoss als Arztpraxen statt wie geplant als Büros vermietet wurden. Das erhöhte nicht nur schlagartig den Koordinationsbedarf, brachten doch zwei von drei Mietern ihre eigenen Planer mit, sondern wir sahen auch die Wiederherstellung der Raumdimension in der ehemaligen Küche gefährdet, denn welche Arztpraxis braucht schon einen fast 100 Quadratmeter grossen und fünf Meter hohen Raum? Die Antwort: Gynäkologinnen! Ihnen dient dieser Raum nun als Wartezimmer.

Die neue Treppe befindet sich in der Verlängerung der bestehenden. Durch ein Fenster blickt man auf den Tessinerplatz. (Foto: Roger Frei)
Die blauen Stufen kündigen den einfacheren Ausbaustandard im zweiten Obergeschoss an. (Foto: Roger Frei)
Im zweiten Obergeschoss befindet sich ein Grossraumbüro. Die Fenster gegen den Hof wurden zugunsten von permanenten Arbeitsplätzen vergrössert. (Foto: Roger Frei)
Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?


Wir arbeiten oft an Schutzobjekten, meistens handelt es sich um Instandsetzungen. Der Einbau einer neuen Treppe und eines Aufzuges waren für unsere Verhältnisse – in einem solchen Kontext – relativ grosse Eingriffe. Sie zwangen uns zum Hinterlassen einer eigenen Handschrift, worauf wir bei Denkmalpflege-Objekten bisher gerne verzichteten.

Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?


Ja, die bereits erwähnte Haustechnik, welche die aus unserer Sicht hochaktuelle Frage aufwirft, was ein bestehendes Gebäude leisten muss. Es ist ein Dilemma: Wird nur gemacht, was im Sinne des Hauses ist, bleibt der Makel, dass Altbauten «aktuelle Standards» nicht erfüllen. Geht man weiter, strapaziert man die Substanz, nicht nur physisch, sondern auch ideell. Solange wir als Gesellschaft unsere Ansprüche nicht reduzieren, führt wohl nichts an dem einen oder anderen grenzwertigen Eingriff vorbei.

Einst war dieser Raum die Küche, später wurde er in Büros unterteilt und heute dient er als Wartezimmer einer Gynäkologiepraxis. (Foto: Roger Frei)
Vor dem Umbau verdeckte eine abgehängte Decke die bauzeitlichen Türoberlichter. (Foto: Roger Frei)
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Nicht wegzudenken sind die Lichtdecken über der Treppe und den WC-Anlagen. Sie datieren aus der Bauzeit und bestehen aus Glasbausteinen im Flachdach und einem abgehängten Stahlrahmen mit eingelegten Gläsern darunter. Der Abstand wäre gross genug für eine versteckte, künstliche Lichtquelle. Die Leuchten sind aber sichtbar auf der Glasdecke angebracht, womit sich zu keinem Zeitpunkt die Frage stellt, ob es sich um Kunst- oder Tageslicht handelt. So war es vor unserem Umbau in den Toiletten noch immer anzutreffen, aber nicht mehr über der Treppe; dort wurden irgendwann Downlights in die Gläser eingebaut. Nur eine Rosette mit Haken verriet, dass es einmal anders gewesen sein musste. Für andere mag das banal sein, für uns waren sichtbare Leuchten unter der Lichtdecke eine Entdeckung. Heute hängen am Haken drei abgependelte LED-Leuchten – und die Downlights wurden selbstverständlich ausgebaut.

Situation
Von oben nach unten: Zustand des Gebäudes in den Jahren 1927, 2018 und 2020
Grundriss 1. Obergeschoss
Grundriss 2. Obergeschoss
Schnitt
Bauwerk 
Bahnhof Enge, Umbau Obergeschosse Südtrakt
 
Standort
Tessinerplatz 12, 8002 Zürich
 
Nutzung
Büro und Praxis
 
Auftragsart
Studienauftrag
 
Bauherrschaft
SBB Immobilien, Zürich
gynhealth Gmbh, Zürich (Mieterausbau Gynäkologiepraxis)
 
Architektur
Diethelm & Spillmann Architekten, Zürich
Alois Diethelm, Daniel Spillmann und Šárka Papoušková
 
Fachplaner 
Bauingenieur: Schnetzer Puskas Ingenieure, Zürich
Elektroingenieur: Mosimann + Partner AG, Zürich
HLKS-Ingenieur: Lemon Consult AG, Zürich
Bauphysik: Zehnder + Kälin, Winterthur
 
Spezialisten
Brandschutzplanung: LSC Brandschutz GmbH, Zürich
Lichtberatung Treppenhalle: mosersidler. AG für Lichtplanung Zürich
Farbuntersuchungen: IGA Konservierung Gmbh, Christof Thur, Zürich
 
Bauleitung
Hügi Architekten, Zürich
 
Jahr der Fertigstellung
2020
 
Gesamtkosten BKP 1–9
CHF 4,3 Mio.
 
Fotos
Roger Frei, Zürich

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