Zwischen Tradition und Innovation

Roman Hutter Architektur
24. Juni 2021
Foto: Markus Käch

Roman Hutter und sein Team haben in Reckingen ein Wohnhaus für eine junge Familie gestaltet. Der Architekt erklärt uns, wie dabei regionale Bautraditionen aufgegriffen und weiterentwickelt wurden.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Reckingen ist ein typisches Walliser Bergdorf. Die Region hat mit dem Problem der Abwanderung zu kämpfen. Umso wertvoller ist es, wenn sich eine junge Familie zum Bleiben entschliesst und aktiv am Dorfleben beteiligt. Mit dem Bau ihres Wohnhauses aus regionalem Material und durch einheimische Handwerker*innen wurde Verantwortung für das baukulturelle Erbe übernommen. Da sich die Parzelle am Dorfrand befindet, gestalteten wir keinen traditionellen Blockbau, sondern entwickelten die Bautechnik weiter. Dies aus Respekt gegenüber dem historischen Ortskern, in dem die teils über 500-jährigen Häuser schwarz gebrannt und dicht an dicht stehen. Der Blockbau wurde bei unserem Gebäude sprichwörtlich umgedreht, sodass sich die Struktur im Innern zeigt und die Atmosphäre der Räume bestimmt. Das Wandholz aus unbehandelter Fichte wurde zudem nicht liegend, sondern vertikal gefügt.

Überschobene Bretter aus unbehandelter Lärche bekleiden das Haus aussen. Auch in der Vertikalen sind die Bretter um deren Stärke überschoben, sodass der Witterungsschutz schlussendlich rein aus Holz besteht.

Neben den tragenden Aussenwänden zonieren im Erdgeschoss sechs Stützen den Raum – jeweils gebündelt aus vier leimfreien Wandhölzern. Um den Specksteinofen herum gelangt man über eine Treppe aus Lärchenholz ins Obergeschoss, welches durch seine kammerartige Raumstruktur geprägt ist. Vier nutzungsneutrale Räume blicken in je eine andere Himmelsrichtung und erhalten so ihre eigene Stimmung. Die grosszügigen Fenster sind festverglast – gelüftet wird über kleine Öffnungen, die jeweils einen zweiten und intimeren Blick in die Landschaft freigeben.

Foto: Markus Käch
Foto: Markus Käch
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Jedem Bauwerk geht bei uns eine Auseinandersetzung mit dem Ort voraus. Daraus und aus den Bedürfnissen der Bauherrschaft entwickeln wir dann ein Projekt, welches nach und nach verfeinert wird. 

Die bäuerlich geprägte Baukultur implizierte in Reckingen eine gewisse Einfachheit, die wir generell gerne in unseren Projekten wiederfinden. Das Wohnhaus ist sensibel in die leicht abfallende Wiesenlandschaft eingebettet. Die Topografie haben wir ausgenutzt, indem wir das Erdgeschoss analog dem Terrainverlauf dreifach abgetreppt haben. So sind überhohe Bereiche entstanden. Davon profitieren insbesondere die westseitig gelegenen Wohnräume.

Foto: Markus Käch
Foto: Markus Käch
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Unsere Aufgabe ist es, Raum für die Bedürfnisse der künftigen Bewohner zu schaffen. Somit ist es unverzichtbar, gemeinsam mit der Bauherrschaft eine Vorstellung davon zu entwickeln, wie die Räume später genutzt werden.

Foto: Markus Käch
Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?


Dem Wohnhaus gehen drei Blockbauten voraus, die sich der traditionellen Bauweise verschrieben haben und in nächster Nähe stehen. Die Vollholzkonstruktion war nach wie vor die richtige Prämisse für den Ort – jedoch in einer Weiterentwicklung. Als der Holzblockbau in seinen Anfängen noch einschichtig funktionierte, vermittelte die Holzstruktur unmittelbar zwischen innen und aussen. Heute wird der Blockbau (wenn er nicht aus zwei Wänden besteht) bekleidet. Bei diesem Projekt entschieden wir uns, wie eingangs schon angetönt, für eine äussere Bekleidung, was die Präsenz der Konstruktion in die Innenräume verschiebt.

Foto: Markus Käch
Foto: Markus Käch
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?


Nein! Aktuelle Tendenzen interessieren uns weniger. Es geht uns vielmehr darum, Bewährtes zu kultivieren und Sinnvollem nachzuspüren. Bei der Heizung haben wir zum Beispiel ebenfalls auf die nachwachsende Ressource Holz gesetzt. Der zweiraumhohe Specksteinofen wärmt und liefert Warmwasser. Er bildet das Herzstück des Familiendomizils und kontrastiert haptisch wie atmosphärisch mit den beiden Nadelhölzern aus der Region, die wir verbaut haben.

Situation
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss Obergeschoss
Längsschnitt
Bauwerk
Wohnhaus Reckingen

Standort
Engelmattstrasse 78, 3998 Reckingen
 
Nutzung
Einfamilienhaus
 
Auftragsart
Direktauftrag
 
Bauherrschaft
privat
 
Architektur
Roman Hutter Architektur GmbH, Luzern
Mattias Rutishauser, Roman Hutter
 
Kostenplanung und Bauleitung 
Holzbau Weger AG, Münster
 
Jahr der Fertigstellung
2021
 
Massgeblich beteiligte Unternehmer
Holzbau: Holzbau Weger AG, Münster
Baumeister: Gombau AG, Münster
Fenster: Schreinerei Imwinkelried AG, Fiesch
Elektroanlagen: Valkontroll GmbH, Gluringen 
Heizung: Briw Heizung und Sanitär AG, Ernen 
Sanitär: F + A Imwinkelried AG, Fiesch 
Küchenbau: Zeiter Küchen AG, Lax 
Bodenbeläge: Soltech Bodensysteme AG, Visp 
Ofenbau: Giger Specksteinöfen, Distentis
 
Fotos 
Markus Käch, Emmenbrücke

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