Bücher für Weihnachten

Ein Lob der Schönheit

Gerrit Terstiege
10. Dezember 2018
Cover des Buches «Beauty» von Sagmeister und Walsh. Bild: zvg
Das Buch «Beauty» von Sagmeister und Walsh und die aktuelle, flankierende Ausstellung im MAK Wien sind ernstgemeinte Aufrufe, umzudenken.
Schönheit ist in den Gestaltungsdisziplinen ein sehr ambivalenter Begriff. Man denke nur an die aktuelle Neubewertung des Brutalismus in der Architektur. Mit seiner neuen Publikation «Beauty» macht sich das New Yorker Design-Studio Sagmeister & Walsh also durchaus angreifbar: Jede Auswahl muss unvollständig bleiben, die besten Beispiele sind wohlbekannt (hier: die Pietà von Michelangelo, Falling Water von Frank Lloyd Wright oder der Jaguar E-Type) und die weniger bekannten lassen sich leicht als rein subjektiv abtun. Aber gerade die grosse Subjektivität der Bildauswahl und Beispiele spricht für dieses Buch. Hier werden etwa die Grossleistungen von Loos, Mies und Le Corbusier aktuellen, tristen Architekturen gegenübergestellt – ein Schachzug, der augenfällig Schwächen aufzeigt. Aber sie zeigen durchaus auch positive Beispiele heutiger Bauten, das Vitra-Haus beispielsweise, und weisen auf die Irrwege der Grossmeister hin, wie Corbus Konzept, das alte Paris dem Erdboden gleich zu machen und in eine Trabantenstadt zu verwandeln. Mon dieu! Klar, das Thema Schönheit bedeutet unsicheres Terrain, hier gibt es keine allgemeingültigen Parameter. Jede Zeit, jede Generation und jede Kultur findet eigene Antworten auf die Frage, was als schön anzusehen ist. Doch ist nicht eine Untersuchung zur Schönheit gestalteter Dinge und Räume per se in Gefahr zu scheitern? Noch dazu, wenn sie, wie hier, als Manifest daherkommt, ohne das Distanz schaffende Sicherheitsnetz elaborierter Theorie, ja sogar ohne Ironie, durchgeführt von zwei Praktikern im Namen der Schönheit. Schon Umberto Eco hat sich an dem heiklen Thema versucht und wurde dafür gescholten.

Sagmeister und Walsh beweisen also fraglos Mut, wenn sie sich so vehement für die weltverbessernde Kraft guter Gestaltung aussprechen, wie sie es schon anlässlich der Architekturbiennale in Venedig getan haben. Wenige wären bereit, sich so zu exponieren und ausgerechnet in jenen Disziplinen nach Wahrheit, Sinn und Tiefe zu suchen, wo es nicht selten um Oberflächenreize und Fassaden geht. Doch sind das Buch «Beauty» und die aktuelle, flankierende Ausstellung im MAK Wien ganz und gar ernstgemeinte Aufrufe, umzudenken. Sagmeister und Walsh sind sich durchaus bewusst, wie unzeitgemäss, ja romantisch ihr «Projekt Schönheit» auf viele ihrer pragmatischen Kollegen wirken wird. Im Vorwort schreiben sie: «Man kann stundenlang in Architekturbüchern blättern, ohne dem Begriff auch nur ein einziges Mal zu begegnen. Einst eine universelle Sehnsucht, endete das Streben nach Schönheit zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einer Bruchlandung.»
 
Auf den letzten Seiten des Buches findet sich dann tatsächlich ein 8-Punkte-Programm, ja fast ein Glaubensbekenntnis: «Wir glauben, dass die Schönheit selbst Funktion ist. Ohne sie gelingt nichts wirklich gut. Wir glauben auch, dass Gestaltung und Schönheit das Leben verbessern.» Ob nun mit diesem Manifest in Architektur und Design eine neue Zeit anbricht? Es wäre schön.

Beauty
Schönheit als Schlüsselkonzept für die Gestaltung der Zukunft
 
Von Stefan Sagmeister und Jessica Walsh
Verlag Hermann Schmidt
 
284 Seiten mit 377 farbigen Abbildungen
17,1 x 24,1 cm
Fadengeheftete Broschur mit freiem Rücken im Schuber
39,80 Euro inkl. 7% MwSt. zzgl. Versandkosten
ISBN 978-3-87439-922-7

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