Ein Manifest für Diversität

Susanna Koeberle
6. September 2021
Sandra Knechts Installation «Babel» im Hofgut Mapprach (Foto: Tina Sturzenegger)

Die Künstlerin Sandra Knecht hat im Hofgut Mapprach, einem Gut aus dem 17. Jahrhundert, eine temporäre architektonische Struktur installiert. Sie versteht ihre Arbeit «Babel» als soziale Skulptur, die zwischen Natur und Kultur vermittelt.

Wir unterscheiden in der Regel zwischen Mensch und Natur und vergessen dabei «gelegentlich», dass wir ja Teil davon sind. Wohin es führt, dass der Mensch sich als Krönung der Schöpfung aufführt, sehen wir zurzeit in besonders erschreckendem Masse. «Wir haben es geschafft, innerhalb von 80 Jahren die Erde an die Wand zu fahren. Und wir machen einfach weiter damit», sagt Sandra Knecht. Wenn sie über ihre neuste Arbeit und die damit verbundenen Erfahrungen während den Vorbereitungen dazu spricht, dann spürt man die Wut, die sie antreibt. Wobei «neuste Arbeit» nach White Cube Kunst klingt – und eine solche macht Knecht dezidiert nicht. Im Gegenteil: Ihr Schaffen ist ein grosses Kontinuum, in dem sie sich intensiv mit Menschen, Tieren und ihren Beziehungen untereinander auseinander setzt. «Kritter» – ein Wort, das die amerikanische Wissenschaftstheoretikerin und Biologin Donna J. Haraway geprägt hat – ist eine Bezeichnung für Mensch und Tier, die zum Konzept und Verständnis dieser Künstlerin passen würde. In ihrem Buch «Unruhig bleiben» plädiert Haraway für die Verwandtschaft der Arten und ruft zur Ära des «Chthuluzän» auf. Auch Knecht versucht mit ihrer Arbeit, die mannigfaltigen Verstrickungen aufzuzeigen, die zur Bildung von Identität führen. Dabei erforscht sie durch unterschiedliche – auch partizipative – Medien die Komplexität des Begriffs «Heimat». Man könnte vereinfacht sagen, dass Knechts Wirken stets Kunst im öffentlichen Raum ist.

Tiere sind für Sandra Knecht auch Gesprächspartner. (Foto: Tina Sturzenegger)

Dass Sandra Knecht ihr Vorhaben nun trotz Corona und anderen Widrigkeiten im Hofgut Mapprach umsetzen konnte, grenzt an ein Wunder. Denn ihre erste Idee, im Park des historischen Guts einen Artenschutzturm zu errichten, musste sie aufgeben. Die Umsetzung des Baus war zu kompliziert. Ernüchternde und zuweilen auch schmerzhafte Erfahrungen mit der Schweizer Ordnungsmentalität macht sie übrigens auch regelmässig in ihrem Wohnort Buus. Allerdings lässt sich die engagierte Künstlerin von solchen Erlebnissen nicht abschrecken, in ihr steckt zu viel Kämpferin. 

Der Turmbau zu Babel ist eine biblische Erzählung, welche Knecht in mehrfacher Hinsicht interessiert. Zum einen steht er für die menschliche Hybris, für das Streben des Menschen, gottgleich sein zu wollen. Und so kommt es in der Geschichte auch prompt zu einer Bestrafung. Als Gott das vermessene Tun der Menschen sieht, vereitelt er ihren Plan, indem er die bekannte babylonische Sprachverwirrung schafft. Dadurch verlieren die Menschen die gemeinsame Ursprache und können sich nicht mehr untereinander verständigen. Der Turmbau muss abgebrochen werden. Seither sind die Menschen vielsprachig und auf der Erde zerstreut. Diese aus der Strafe Gottes entstandene Mehrfachidentität  und Vielsprachigkeit versteht Sandra Knecht auch als Chance. Zugleich steht Babel für das Scheitern einer adäquaten oder respektvollen Kommunikation zwischen den Spezies. 

Die Tiere wohnen in der prächtigen Voliere nach viktorianischem Vorbild. (Foto: Tina Sturzenegger)

Knecht entwarf für ihre Installation im Hofgut eine Voliere nach dem Vorbild viktorianischer Architekturen. Darin leben während der Dauer der Ausstellung sieben Hühner unterschiedlicher Rassen sowie vier Taubenpärchen. Sowohl die spezifische Form des temporären Baus als auch die Wahl der Tiere und Pflanzen, die darin leben, sind von Bedeutung. In Analogie zur Tatsache, dass der herrschaftliche Hof ein Ort ist, der historisch von Klassenunterschieden geprägt war, wählte sie für die Voliere eine Form aus der viktorianischen Epoche – einer Zeit, die symptomatisch für ungleiche Machtverhältnisse und Ausbeutung fremder Kulturen steht. Durch das Verwenden einfacher, günstiger Materialien unterwandert sie wiederum die Referenz auf dieses Machtsymbol. Auch die Wahl des Huhns als Tier ist nicht zufällig. Eigentlich passt ein so «gewöhnliches» und heimisches Tier nicht in ein so edles Gehäuse, doch genau dieser Bruch ist gewollt. Geflügel ist zudem eine der am längsten domestizierten Tierarten und widerspiegelt dadurch auch den ausbeuterischen Umgang der menschlichen Spezies mit anderen Lebewesen. Das Ungleichgewicht zwischen Natur und Mensch lässt sich anhand dieses Haustiers besonders deutlich vorführen. 

Die Pflanzen im Gehege nehmen wiederum auf den Pfarrgarten ihres Wohnortes Bezug, der vor einiger Zeit zerstört wurde. Die Künstlerin versprach sich, die genau gleichen Pflanzen wieder an einem anderen Ort zu verwenden. Ihr geht es mit ihrer Installation weder um die Romantisierung von Natur noch um eine moralische Wertung. Ihre künstlerische Arbeit hat zwar Appell- und Manifestcharakter, doch Knecht möchte auch nicht den Mahnfinger erheben. Artenschutz müsste ja im Grunde etwas Selbstverständliches sein – was er aber gerade in ländlichen Gegenden eben häufig nicht ist. Hier legt Knecht mit ihrem Tun den Finger in eine Wunde. Ihre Version der Babelerzählung ist ein Aufruf zu einer gelebten Vielsprachigkeit, zu einer «wahrhaftigen Diversität», wie sie sagt. In diesem absurden Zirkus, zu dem die Welt geworden ist, plädiert Sandra Knecht für etwas weniger Egoismus und Gier und etwas mehr Respekt anderen Lebewesen gegenüber. 

Babel. Vielsprachigkeit, Heimat und Identität im Kontext ökologischer Perspektiven

Babel. Vielsprachigkeit, Heimat und Identität im Kontext ökologischer Perspektiven
Sandra Knecht

155 x 230 Millimeter
204 Seiten
113 Illustrationen
ISBN 9783856169541
Christoph Merian Verlag
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Die Installation «Babel» kann noch bis zum 19. September 2021 besucht werden. Sie ist von Freitag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr zugänglich. Jeweils am Samstag um 14 Uhr finden Veranstaltungen statt. 
 
Informationen zu den Events und zur Anfahrt  
 
Zur Ausstellung ist ein gleichnamiges Buch im Christoph Merian Verlag erschienen.

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