Gestalter einer Ikone: Zum Tod von Michael McKinnell

Elias Baumgarten
3. April 2020
Berühmt wurde Michael McKinnell mit der Gestaltung der Boston City Hall – als er mit seinem Mentor Gerhard Kallmann den Wettbewerb gewann, war er gerade 26. (Foto: Daniel Schwen via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, bearbeitet)

In den vergangenen Tagen mussten wir erfahren, dass die grossartigen Architekten und Denker Vittorio Gregotti und Michael Sorkin an den Folgen des neuen Coronavirus verstorben sind. Nun hat uns eine weitere traurige Nachricht erreicht: Michael McKinnell ist tot. Auch er zog sich eine Infektion mit COVID-19 zu. 

Michael McKinnell ist am 27. März 2020 gestorben. Er hatte sich mit dem neuen Coronavirus infiziert und schwere Komplikationen erlitten. Nach dem Verlust von Vittorio Gregotti und Michael Sorkin ist sein Tod der nächste schwere Schlag für die internationale Architekturszene innerhalb nur weniger Tage.

McKinnell wurde 1935 in England geboren. Um an der Columbia University Architektur zu studieren, zog er in die Vereinigten Staaten. 1960 schloss er sein Studium ab. Während seiner Zeit an der Columbia lernte er Gerhard Kallmann (1915–2012) kennen. Der Deutsche wurde rasch sein wichtigster Mentor. 1962 nahmen die beiden zusammen am Wettbewerb um die Gestaltung der Boston City Hall teil – und setzen sich mit ihrem Entwurf im Stil des Brutalismus unter 256 Einsendungen durch. Für die Umsetzung ihres Projekts gründeten sie ein gemeinsames Büro. McKinnells erster Bau sollte auch sein bekanntester werden. Als das Gebäude, das radikal mit der Bautradition der Stadt brach, 1969 eingeweiht wurde, nahmen es viele mit jubelnder Begeisterung auf. Doch über die Zeit mehrten sich kritische Stimmen. Besonders funktionale Probleme boten immer wieder Anlass zu teils heftiger Kritik. Auch der Architekturstil geriet zusehends in Misskredit und wurde angefeindet. Teils hiess es gar, der Bau sei obsolet, zwischenzeitlich drohte ihm die Abrissbirne. Dennoch wurde voriges Jahr sein 50. Geburtstag gefeiert. Man kündigte anlässlich des Jubiläums einige Anpassungen an, um den Nachteilen der ikonischen Architektur beizukommen. Dabei half sicherlich, dass brutalistische Bauwerke in den letzten Jahren wieder mehr wertgeschätzt werden.

Die Boston City Hall ist eine Ikone des Brutalismus. Die Aufnahme zeigt sie im Jahr 1981. (Foto: Bill Lebovich, United States Library of Congress via Wikimedia Commons)

Obwohl McKinnell zeitlebens viel baute, ist er vielen von uns wohl vor allem für die grossartige Halle bekannt. Daneben gestaltete er jedoch beispielsweise das Hynes Convention Center in Boston, die American Academy of Arts and Sciences in Cambridge und das Independence Visitor Center in Philadelphia. Zudem war er Professor am Massachusetts Institute of Technology und über 25 Jahre an der Harvard Graduate School of Design tätig. 

Michael McKinnells Tod ist ein grosser Verlust. Umso schöner, dass sein ikonischer Bau in Boston, der ihm im Alter von nur 26 Jahren den Durchbruch brachte, erhalten bleibt. Michael Kubo, Mark Pasnik und Chris Grimley, die McKinnell gut kannten, haben einen schönen, sehr persönlichen Nachruf für ihn verfasst, der in The Architect’s Newspaper erschienen ist. Sie beschreiben ihn darin als warmherzig und grosszügig, faszinierend und humorvoll. Michael McKinnell wurde 84 Jahre alt.

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