Grenzgänge

Susanna Koeberle
3. April 2020
Auf der Fahne ist das Ringier-Logo leicht verfremdet. (Foto: Gina Folly, mit freundlicher Genehmigung von Christian Phillip Müller und Longtang, Zürich)

Unweit vom Hagenholz zeigt ein besonderer Raum für Kunst die ebenso ungewöhnliche wie anregende Arbeit des Schweizer Künstlers Christian Philipp Müller. Die Ausstellung «Voyage» reflektiert die Verstrickung von Kunst und Dienstleistung.

«A tank to think through contemporary art» möchte Longtang sein und nicht einfach ein weiterer Offspace in Zürich. Vier im Kunstbereich tätige Kreative haben vor zwei Jahren im ehemaligen Planungsbüro der Recyclinganlage Hagenholz den Projektraum Lontang gegründet, benannt nach den traditionellen Wohnquartieren von Shanghai, die ohne zentralistische Stadtplanung entstanden sind. Der Künstler Tobias Kaspar, einer der vier Gründer*innen von Longtang, war mehrmals in China und hatte letztes Jahr eine Einzelausstellung in der Galerie Urs Meile in Peking. Der Gang ins Aussenquartier (gar nicht so weit, Zürich ist schliesslich nicht Mexiko City) lohnt sich, Besucher*innen erwartet ein spannendes Ausstellungs-  und Veranstaltungskonzept. Zurzeit ist der Besuch aufgrund der Corona-Pandemie nur mit Voranmeldung möglich. 

Die Ausstellung «Voyage» hat gerade wegen dieser Aktualität fast prophetischen Charakter: Es geht um Grenzen, um Grenzüberschreitungen, um das Globale. Zum Konzept von Longtang gehört es, bekannte oder weniger bekannte Künstler*innen einzuladen, etwas umzusetzen, das anderswo nicht möglich wäre. Zu den geladenen Gästen gehörte etwa die französische Künstlerin Dominique Gonzalez-Foerster, welche bei Longtang ihre langjährige Kollaboration mit dem Modehaus Balenciaga thematisieren konnte. Diese Arbeit wäre übrigens zurzeit eigentlich am Institut gta der ETH Zürich im Rahmen der Schau «Retail Apokalypse» ausgestellt – die inzwischen natürlich auch geschlossen wurde. Überhaupt ist das Transdisziplinäre ein wichtiger Teil der pluralistischen Identität des Raums. Jede Ausstellung wird von einem anderen Gründungsmitglied betreut, das garantiert Diversität. Kaspar selber ist auch Gründer von Provence, einer Zeitschrift, die ebenfalls Grenzen auslotet. Das Interesse für Mode und für Schnittstellen zur Kunst ist typisch für die Arbeit des Künstlers, der sein Atelier im selben Bau hat. 

Die unterschiedlichen Jahresberichte der Firma Ringier liegen in der Küche auf. (Foto: Gina Folly, mit freundlicher Genehmigung von Christian Phillip Müller und Longtang, Zürich)

Für die neuste Ausstellung lud Lontang den Schweizer Künstler Christian Philipp Müller («CPM») ein; Anlass dazu bot das Interesse für seine Arbeit  «Illegaler Grenzübertritt», welche CPM 1993 für Österreichs Pavillon an der Biennale von Venedig schuf. Der Pavillon von Longtang befindet sich in unmittelbarer Nähe eines Durchgangszentrums der Stadt Zürich. Das Thema Grenze und Grenzschliessung ist nicht nur wegen der – unvermindert ernsten – Flüchtlingskrise aktuell, sondern auch wegen den Grenzschliessungen zur Corona-Prävention. Allein das zeigt schon die Fragwürdigkeit einer solchen Handlung, auch wenn sie in letzterem Fall im Namen des «Gemeinwohls» geschieht. Da sich diese thematisch durchaus brisante Arbeit in einer Schweizer Sammlung befindet, entstand die Idee, alle Werke von CPM aus besagter Sammlung (nämlich Ringier) in der Ausstellung zu zeigen. 

Titelgebend war dabei der Jahresbericht, den der Künstler 1999 für die Firma Ringier konzipierte. Auch damit überschritt CPM Grenzen. Sein Vorschlag, für den Bericht eine Reise zu allen neun Ländern (darunter auch China) zu machen, in denen die Firma operativ tätig ist, kam zunächst nicht besonders gut an. Denn das dokumentarische Festhalten dieser Reise förderte nicht nur «Schönes» zutage. Die persönlich gefärbten Bilder von Mitarbeitenden waren nicht einfach ein neutrales Kunstwerk, sondern thematisierten die Verstrickung von Kunst und Auftraggeber explizit. Sie waren zugleich eine Hommage an die Menschen hinter den Kulissen. «Publishing ist eben politisch», so der lakonische Kommentar des Künstlers, der an der Eröffnung anwesend war. Genau die subversive Geste dieser Arbeit macht sie so spannend. «Bon Voyage» war der dritte Jahresbericht, den der Sammler Michael Ringier in Zusammenarbeit mit der damaligen Sammlungskuratorin Beatrix Ruf einem Kunstschaffenden übertrug und zeichnet sich durch eine starke und kritische Position aus. 

In der Vitrine sind die Souvenirs ausgestellt, die CPM während seiner Reise in die neun Länder sammelte. (Foto: Gina Folly, mit freundlicher Genehmigung von Christian Phillip Müller und Longtang, Zürich)

Gezeigt werden bei Lontang verschiedene Dokumente und Arbeiten (auch andere Jahresberichte) sowie eine Vitrine gefüllt mit Souvenirs von der besagten Reise. Diese stand jahrelang im Firmensitz an der Dufourstrasse. Alle Arbeiten (wie auch die Serie «Illegale Grenzübertritte») wurden von der Sammlung freundlicherweise für die Ausstellung zur Verfügung gestellt. Für «Voyage» schuf CPM zusätzlich zwei neue Arbeiten: Eine Fahne, auf der «Bon Voyage» steht, zitiert leicht verfremdet das Logo von Ringier. Im hinteren Raum hängen zwei grosse Banner mit einer Sammlung von Fotografien aus der Serie. Auch hier prangt gross «Bon Voyage» in Helvetica-Lettern auf dem Textil. Ein subtiler Seitenhieb auf die helvetische Fassadenmentalität? 

Die geplanten Veranstaltungen wurden auf unbestimmte Zeit geschoben, Tobias Kaspar hält nicht viel von digitalen Formaten, davon gebe es zurzeit schon genug. Hoffen wir, dass dieser Albtraum bald ein Ende hat, oder zumindest etwas mehr Normalität in unseren Alltag kommt. Dann können auch Kunsträume wie der Longtang-Pavillon mit neuen Kräften starten. 

Im hintersten Raum ist die ortsspezifische Arbeit «No Photos» zu sehen. (Foto: Gina Folly, mit freundlicher Genehmigung von Christian Phillip Müller und Longtang, Zürich)

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