Grenzüberschreitungen

Susanna Koeberle
13. Januar 2020
Carolee Schneemann, aus der Serie «Eye Body: 36 Transformative Actions for Camera», 1963 / 2005, 18 Silbergelatine-Abzüge. (Abbildung: mit freundlicher Genehmigung von Carolee Schneemann, Galerie Lelong & Co., Hales Gallery und P•P•O•W, New York © Carolee Schneemann)

Das «Muzeum Susch» zeigt mit «Up to and Including Limits: After Carolee Schneemann» den direkten oder indirekten Einfluss der amerikanischen Künstlerin auf die nachfolgende Generation.

«Wir sind kein Frauenmuseum», sagt Mareike Dittmer, Direktorin der «Art Stations Foundation CH», der Trägerstiftung des «Muzeum Susch». Dennoch: Das Haus nimmt in der Schweizer Museenlandschaft eine besondere Stellung ein – in mehrfacher Hinsicht. Nicht nur liegt es abseits der Kunstmetropolen, es ist als Privatmuseum offenbar auch ein Ort, der eine Avantgarderolle einnehmen kann. Und zwar ohne sich das in Grossbuchstaben auf die Stirn zu schreiben, sondern indem es einfach das tut, was selbstverständlich ist (oder sein sollte): Gute Kunst zu präsentieren, die sich jenseits der Wohlfühlzone ansiedelt. Kein Zufall ist es allerdings, dass die gezeigte Kunst mehrheitlich von Frauen stammt. Das hat einerseits mit der Schwerpunkt der Sammlung der Museumseigentümerin Grazyna Kulczyk zu tun und andererseits mit der bewussten Pflege einer «matrilinearen Linie», wie Dittmer das Ausstellungskonzept umschreibt. 

In dieses mutige (weil seltene) Konzept gehört auch die dritte Ausstellung des Museums, die sich dem Werk der 2019 verstorbenen Künstlerin Carolee Schneemann (*1939) widmet. Es ist die erste institutionelle Ausstellung nach ihrem Tod, die dem künstlerischen Vermächtnis der Pionierin nachspürt. Kulczyk und Sabine Breitwieser, die Kuratorin der Ausstellung, nutzten nach Schneemanns Ableben die Gelegenheit, eine Hommage an ihr inspirierendes und wegweisendes Werk ins Programm zu nehmen. Breitwieser, ehemalige Direktorin des Museums der Moderne Salzburg,  verantwortete bereits 2015 eine grosse Einzelausstellung zur Arbeit von Carolee Schneemann. Die Schau wanderte vom Museum der Moderne Salzburg ans Museum für Moderne Kunst MMK (Frankfurt am Main) und schliesslich ans MoMA PS1 nach New York. Dass die Arbeiten Schneemanns nun in einem erweiterten Kontext zu sehen sind, ist ein Glücksfall. 

Katrina Daschner, «Pferdebusen», 2017, Videostill (Abbildung: Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und Sixpackfilm Vienna)

Die dreizehn mit Bedacht gewählten, ergänzenden und dennoch selbständigen Positionen zeichnen ein differenziertes Bild der Spuren, welche die Arbeit dieser lange am Rande agierenden Künstlerin hinterliess. «Das darf auch wehtun», findet Dittmer. Schneemann sah sich in erster Linie als Malerin und sprengte durch ihre experimentelle künstlerische Praxis zugleich diesen rigiden Begriff, indem sie das Medium Malerei in Bewegung brachte. Dadurch schuf sie auch einen direkten Bezug zum Körper. In ihrem Werk versammeln sich neben der Malerei Fotografie, Performance, Film oder Assemblage zu einer dezidiert weiblichen Stimme, welche sich nicht fürchtete, auch soziale und gesellschaftliche Statements abzugeben. 

Studie für «Up to and Including Her Limits», New Paltz, New York, 1973, chromogenetischer Farbabzug (Foto: Anthony McCall, mit freundlicher Genehmigung von Estate of Carolee Schneemann, Galerie Lelong & Co., Hales Gallery und P·P·O·W, New York)

In den weitläufigen Räumlichkeiten des Museums treffen Besucher*innen auf Werke von Künstler*innen unterschiedlicher Generationen. Darin zeigt sich, dass viele der Themen Schneemanns wie etwa weibliche Lust und Sexualität nach wie vor tabuisiert werden und keineswegs «veraltet» wirken – im Gegenteil. Was die meisten Arbeiten kennzeichnet, ist ein lustvoller (nicht primär sexuell gemeint) und angstfreier Umgang mit diesen heiklen Themen. Dass dabei auch Grenzen überschritten werden, gehört zur Natur dieses Gegenstandes. Die vermeintliche Gewissheit, heutzutage als Frau und Künstlerin ein selbstbestimmtes und freies Leben zu führen, wird hier auf subtile Weise erschüttert. Die Werke decken gesellschaftliche Konventionen und Muster auf und führen vor, wie wir alle (Frauen und Männer) darin gefangen sind. Die Reaktionen auf die gewagten (weil auch «freizügigen») Inhalte zeigen, dass es solche Ausstellungen braucht, um unsere Köpfe und Körper (!) mit einem wohltuenden Sturmwind aus der Erstarrung zu wecken. Dass das «Muzeum Susch» zu den acht Schweizer Museen gehört, die für den Europäischen Museumspreis 2020 nominiert sind, darf als Anerkennung seiner Vorreiterrolle gelesen werden.

Kris Lemsalu, «I Will Be Seven When We Meet In Heaven», 2016, Installationsansicht (Fragment) (Foto: Matthias Bildstein, mit freundlicher Genehmigung der Galerie Georg Kargl, Wien)

Verwandte Artikel

Vorgestelltes Projekt

pape + pape architekten

Energiespeicher Hildesheim

Andere Artikel in dieser Kategorie