Informationsdurst: Erfolgreiche Premiere für die «digitalBAU»

Elias Baumgarten
2. März 2020
Roboter blieben hauptsächlich Unterhaltung. (Foto: Markus Bachmann)

Der Andrang war gross: Über 10'000 Interessierte strömten Mitte Februar zur «digitalBAU» nach Köln. Viele Aussteller zeigten an der Fachmesse Apps, die die Arbeit aller am Bau Beteiligten erleichtern und effizienter machen sollen. Hingegen spielten Themen wie Robotik oder die Fertigung auf Basis parametrischer 3D-Modelle keine grosse Rolle.

10 Prozent – so hoch ist der Anteil der Architekturbüros in Nordrhein-Westfalen (NRW), Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland, die heute routiniert mit BIM (Building Information Modelling) arbeiten, sagt Ernst Uhing. Der Präsident der Architektenkammer NRW glaubt dennoch, dass die Digitalisierung der Bauwirtschaft in den nächsten Jahren rasch voranschreiten wird. Denn was vor mehr als drei Jahrzehnten nur zaghaft begann, scheint allmählich – diesen Zahlen wie zum Trotz – Fahrt aufzunehmen. Uhing sieht darin Chance und Risiko gleichermassen: Das Bauen könnte künftig schneller, günstiger, präziser und auch nachhaltiger werden, doch gehen gerade mit der Einführung von BIM auch Gefahren einher: Das Wettbewerbswesen könnte sich aus Architektensicht durch die Abgabe der Entwürfe als BIM-Modelle, die in Deutschland wie auch in Österreich und der Schweiz forciert wird, weiter negativ verändern, weil Architekt*innen gratis oder für wenig Geld nahezu baubare Projekte abliefern. Das ist nicht nur ökonomisch problematisch, sondern verwässert vor allem auch den Charakter von Konkurrenzverfahren als künstlerische Ideenwettbewerbe noch weiter. Dringend müssen neue Spielregeln definiert werden. Zudem bestehen weiterhin Unklarheiten und berechtigte Ängste bezüglich Fragen des Urheberrechts und der Haftung. Einige Architekt*innen fürchten gar ganz grundsätzlich um ihre Rolle und Bedeutsamkeit innerhalb des Bauprozesses. Sie glauben, ihr Anteil an der Wertschöpfungskette könnte noch mehr schrumpfen. Und schliesslich ist die künftige (Um-)Gestaltung der Honorare ein Punkt, der im gesamten D-A-CH-Raum vielen heftig unter den Nägeln brennt. Das Thema ist ein besonders sensibles, weil die niedrigen Honorare Architekt*innen in Deutschland und Österreich wie auch der Schweiz schon jetzt Probleme bereiten.

Umso wichtiger, sich zu informieren, mit der Digitalisierung vertieft auseinanderzusetzen und in die Gestaltung der Zukunft unserer Disziplin einzumischen. Ein Indiz dafür, dass mittlerweile grösstes Interesse am Thema besteht, war der Erfolg der «digitalBAU» der Messe München, die vom 11. bis zum 13. Februar dieses Jahres erstmalig stattfand: Über 10'000 neugierige Besucher*innen kamen auf Anhieb und trotz widriger Wetterbedingungen nach Köln, 270 Aussteller zeigten ihre neusten Produkte und Lösungen. Zudem war ein reichhaltiges Vortragsprogramm mit fast 100 Referent*innen geboten.

Die erste Tour übernahm Bernhard Franken. (Foto: Markus Bachmann)
Besonders im Fokus stand an den Rundgängen das Thema BIM. Welche Erfahrungen hat Ralf Wetzel, BIM Gesamtkoordinator bei RKW Architektur +, bisher gesammelt? (Foto: Markus Bachmann)
Aufgeschlossen, doch kritisch

Wir durften sechs Messerundgänge organisieren. Es führten die deutschen Architekten Bernhard Franken (Franken \ Architekten), Ralf Wetzel (BIM Gesamtkoordinator bei RKW Architektur +), Martin Bachem, Christian Heuchel und Martin Geerkens von O&O Baukunst, Benjamin Agyemang (Leiter digitale Planung bei KSP Jürgen Engel Architekten) und Ben Jutz (BIM-Manager bei kister scheithauer gross) sowie Elias Baumgarten (Chefredaktor Swiss-Architects.com). An den Touren stach die Arbeit mit BIM als Überthema heraus. Softwarehersteller und Anbieter von Schulungen wurden von den Guides immer wieder angesteuert, viel wurde über die praktischen Erfahrungen mit BIM gesprochen. Dabei zeigte sich ein ähnliches Bild wie schon an der Tagung des BSA und der Schweizerischen Zentralstelle für Baurationalisierung (CRB) im November vorigen Jahres in Dübendorf: Obwohl noch viele Probleme bestehen und die Anwendung der BIM-Methode noch längst nicht vollumfänglich klappt, hat sich die Stimmung unter den Architekt*innen etwas aufgehellt. Manche erhoffen sich mittlerweile sogar eine Stärkung ihrer Position im Planungs- und Bauprozess – so wie Ben Jutz. Interessant war, dass die Skepsis hinsichtlich Urheberrechts- und Haftungsfragen in Deutschland geringer auszufallen scheint als hierzulande. Das Auffinden von Unzulänglichkeiten und Fehlern an den Modellen wie auch die Ermittlung der Verursacher gestalte sich dank spezieller Apps weit weniger problematisch als zunächst befürchtet, sagten Ralf Wetzel, Benjamin Agyemang und Ben Jutz übereinstimmend. Allerdings: Sie räumten auch ein, dass an den Modellen zumeist noch viele Probleme zu beheben sind.

Martin Bachem, Christian Heuchel und Martin Geerkens von O&O Baukunst besuchten den Stand des ETH-Spin-Offs Archilyse auf der Sonderfläche für ausgesuchte Start-ups. Mit der Software der Zürcher Firma lässt sich die ökonomische Performance von Gebäuden und Grundrissen untersuchen. Architektonische Qualitäten – die Atmosphäre der Räume zum Beispiel – können noch nicht bewertet werden. Die fortgesetzte Forschungsarbeit der ETH Zürich soll das künftig ändern, war am Stand zu erfahren. (Foto: Markus Bachmann)
Wie und wo man sich über BIM fortbilden kann, brachte Ben Jutz für seine Zuhörer*innen in Erfahrung. (Foto: Markus Bachmann)
Robotik?

An der Messe wurden besonders viele neue Apps und Weiterentwicklungen präsentiert. Vielfach handelte es sich um Helferlein für die Aufnahme von Bestandsbauten und die Präsentation von Entwürfen, für die Koordination von Arbeitsprozessen oder das Auffinden von Fehlern in BIM-Modellen, aber auch zum Überprüfen der eigenen Gestaltungen im Hinblick etwa auf ihre ökologische Performance. Auch der Unterhalt von Gebäuden war dabei ein wichtiges Thema, ebenso die Erstellung digitaler Zwillinge. Dass die Entwicklung in diesen Bereichen in Deutschland momentan prioritär betrachtet wird, verdeutlichte auch der Stand der Fraunhofer-Gesellschaft, an dem unter anderem eine App gezeigt wurde, mit der sehr schnell über Fotos 3D-Modelle von Bestandsbauten erstellt werden können; sie lassen sich in verschiedensten gängigen Programmen weiterverwenden.

Weniger im Fokus stand der Einsatz von Robotern in der Vorfertigung und on-site. Selbiges galt auch von der Fertigung auf Basis parametrischer 3D-Modelle. Das mag auch daher rühren, dass Deutschlands Forschung und Industrie in diesen Bereich noch nicht so weit sind wie die anderer Länder. Eine grössere Präsenz von Firmen und Forschungsinstitutionen, die hier mitunter schon viele Jahre Erfahrung haben und über eine grosse Expertise verfügen, wäre wünschenswert gewesen – zumal das Interesse an entsprechenden Möglichkeiten und Technologien aktuell auch in der Bundesrepublik wächst, wie der Aufbau einer grossen, gut ausgestatteten und international wettbewerbsfähigen Forschungsplattform zur Robotik in Stuttgart beweist. 

Vielleicht kann man an der nächsten Ausgabe der «digitalBAU» an den Ständen zum Beispiel erfahren, wie Roboter in der Vorfertigung parametrisch entworfener und mehrfach gekrümmter Holzkonstruktionen eingesetzt werden, oder in der Fabrik Fassadenelemente mauern. Ebenso könnte ihr Einsatz im Modulbau, wie er aktuell in China vorangetrieben wird, ein spannendes Zukunftsthema sein. Und auch die ersten Tests von Robotern auf der Baustelle, zum Beispiel bei der Montage der Bewehrungen komplexer Betonteile, könnte durch die betreffenden Forscher*innen präsentiert werden.

Benjamin Agyemang zeigte, wie sich Fehler im BIM-Modell rasch ausfindig machen lassen. (Foto: Markus Bachmann)
Kritische Fragen musste sich Modulbauer Teraktis gefallen lassen. Die Gestaltungsmöglichkeiten für Architekt*innen sind nämlich sehr eingeschränkt. (Foto: Markus Bachmann)
Lassen sich Module zumindest kreativ stapeln? (Foto: Markus Bachmann)
Grosse Herausforderungen

Die «digitalBAU» war eine gelungene und interessante Messe. Sie lud auch ein, über die Digitalisierung im Allgemeinen nachzudenken. Wenngleich es der deutschen Bauwirtschaft derzeit gut geht und Fachkräfte händeringend gesucht werden, um den Boom zu bewältigen, gibt es insgesamt Anlass zur Sorge. Denn in der Bundesrepublik lahmt die Digitalisierung. Die digitale Infrastruktur ist schwachbrüstig – das ist im Alltag etwa in Form schlechter Netzabdeckung deutlich spürbar. Hinsichtlich der Informations- und Kommunikationstechnologie besteht grosser Nachholbedarf. Selbiges gilt von der KI-Entwicklung – in diesem Bereich kann Deutschland mit den Leadern USA und China momentan nicht Schritt halten, was nur teilweise mit der wesentlich grösseren Sorge um Datenschutz und Ethik zu begründen ist. Unter all dem leidet schon jetzt die Wettbewerbsfähigkeit: 2019 sackte die Bundesrepublik in der Rangliste des Weltwirtschaftsforums (WEF) von Rang drei auf sieben ab. Es gilt zu handeln, statt sich weiter auf dem Erreichten auszuruhen. Ansonsten geraten Deutschlands Wohlstand und seine Möglichkeiten, die Welt von morgen aktiv mitzugestalten, auf lange Sicht in Gefahr.

Die «digitalBAU» könnte vor diesem Hintergrund mehr sein als «bloss» drei spannende Messetage – vielleicht ist sie auch ein kleines Zeichen des Aufbruchs. Die grosse Mehrheit der Besucher*innen jedenfalls hat angegeben, sich schon auf die nächste Ausgabe zu freuen. Sie findet vom 15. bis zum 17. Februar 2022 statt. Und vielleicht werden dann auch mehr Firmen und Institutionen aus der Schweiz ihr Können in Köln zeigen. 

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