Kathedralen und frischer Wind

 Juho Nyberg
5. Dezember 2018
Die beste Architektur des Jahres gemäss der Jury: Neubau FHNW, Muttenz von Pool Architekten, Zürich. Bild: Andrea Helbling
Seit über einem Vierteljahrhundert zeichnet Hochparterre «Die Besten» am Jahresende aus. Hier die aktuellen Preisträger.
Sportlichen Wettkämpfen gleich werden von Hochparterre alljährlich Gold-, Silber- und Bronzeauszeichnungen vergeben – allerdings in den drei gestalterischen Disziplinen Architektur, Landschaftsarchitektur und Design. Wir zeigen die neun prämierten Projekte in Bild und Text, die wir von Hochparterre erhalten haben. In einer Ausstellung im Museum für Gestaltung in Zürich ist den «Besten» eine Ausstellung bis am 6. Januar 2019 gewidmet.

Architektur Gold
Neubau FHNW, Muttenz
​Bauherrschaft: Hochbauamt Basel-Landschaft, Fachhochschule Nordwestschweiz
Architektur: Pool Architekten, Zürich

«Der Campus Muttenz konzentriert alles in einem grossen Haus. Das Hochhaus macht die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) zum städtebaulichen Zeichen in der Peripherie und spielt Platz frei für einen Park. Der Kubus rückt die fünf Departemente Architektur, Life Sciences, Pädagogik, soziale Arbeit und Mechatronik näher zusammen und spart Energie. Und die kompakte Form erlaubt Grosszügigkeit: Im Inneren überrascht das Gebäude mit einem atemberaubenden Atrium, das die Schule als öffentliche Institution zelebriert und Raum für Begegnung schafft. Die Architekten bauten flexible, aber starke Räume, sie setzten auf wenige, aber wertige Materialien. Das Resultat ist eine Kathedrale des Lernens, ein Monument für die Bildung im 21. Jahrhundert.»
Architektur Silber: Immeuble Verdeaux, Renens von Dreier Frenzel Architecture + Communication, Lausanne. Bild: Matthieu Gafsou
Architektur Silber
Immeuble Verdeaux, Renens
Bauherrschaft: privat
Architektur: Dreier Frenzel Architecture + Communication, Lausanne; Joao Fernandes (Projektleiter), Marie-Cécile Simon

​«Dieses Wohnhaus in Renens zeigt: Auch eine Standardaufgabe, auch einen kleinen Auftrag kann man mit hohem Anspruch lösen. Die private Bauherrschaft beauftragte mit Dreier Frenzel ein Büro, das die Konventionen mit Neuem sinnvoll kombiniert. Die Fassade reinterpretiert die Bauten im Quartier aus der Zeit um 1900 und übersetzt sie gekonnt in Sichtbeton. Die Wohnungen transformieren alte Themen wie Bodenfries oder Enfilade in eine zeitgemässe Sprache. Die aussenliegenden Treppen überführen den Laubengang in die Vertikale und adaptieren ihn für ein kleines Haus. So verbindet das Gebäude die Nachbarn, spart Bauvolumen und sorgt für frischen Wind in der Architektur.»
Architektur Bronze: Wohnüberbauung Maiengasse, Basel von Esch Sintzel, Zürich. Bild: Kuster&Frey
Architektur Bronze
Wohnüberbauung Maiengasse, Basel
Bauherrschaft: Immobilien Basel-Stadt; Hochbauamt, Basel
Architekten: Esch Sintzel, Zürich (Projektleitung: Marco Rickenbacher)

​«Die Überbauung Maiengasse in Basel zeigt: Verdichten geht auch subtil. Die Stadt schliesst eine Lücke im Blockrand und aktiviert einen Hof fürs Wohnen, inklusive Kindergarten. Die Architekten schlagen den Zwischenraum klug der Stadt zu: Aus einem Hinterhof wird ein Vorplatz – das Herz der Siedlung und auch ein Angebot an das Quartier. Sie beziehen die Architektur auf die Schuppen von damals, nobilitieren sie aber fürs Wohnen. Der Holzbau ist sorgfältig detailliert, die Fassade präzis gestaltet, die Grundrisse sind vielfältig entworfen. Die Wohnungen sind hochwertig, aber kompakt. Das Projekt steht für eine massvolle Verdichtung, die bezahlbar ist und hohe räumliche Qualitäten schafft. Damit die Stadt nicht nur dichter, sondern auch besser wird.»
Jury Architektur
Adrian Streich, Adrian Streich Architekten, Zürich
Barbara Buser, Baubüro in situ, Basel
Céline Guibat, mijong architecture design, Sion
Paolo Canevascini, Canevascini & Corecco architetti, Lugano
​Andres Herzog, Redaktor Hochparterre, Zürich (Leitung der Jury)
Landschaftsarchitektur Gold
Burgfeldenpark, Basel
Bauherrschaft: IG Burgfeldenpark
Landschaftsarchitektur: Bryum, Büro für urbane Interventionen und Landschaftsarchitektur Basel

​«Wo hört der Aufgabenbereich der Landschaftsarchitektur auf? Nicht bei der Gestaltung von Freiräumen. Die neue Route des Burgfeldenparks zeigt exemplarisch, wie Landschaftsarchitekten Freiräume nicht selbst bauen, sondern bestehende erlebbar machen. Das Team von Bryum hat das Potenzial der Freiräume und öffentlichen Angebote rund um die Universitären Psychiatrischen Kliniken in Basel erkannt und die Orte mit einem Spazierweg verbunden, sichtbar und zugänglich gemacht. Dafür sind sie in die Rolle von Kuratoren, Vermittlerinnen und Organisatoren geschlüpft. Beim Burgfeldenpark wird nicht das Bauen und Gestalten, sondern das Wegräumen, Präzisieren, Vernetzen und Vermitteln ausgezeichnet – ebenso die Geduld, das gestalterische Sich-Zurücknehmen und den Wagemut, den ein solches Projekt verlangt.»
Landschaftsarchitektur Silber: Naturmuseumspark, St. Gallen von Studio Vulkan, Zürich. Bild: Das Bild
Landschaftsarchitektur Silber
Naturmuseumspark, St. Gallen
Bauherrschaft: Stadt St. Gallen, Hochbauamt
Landschaftsarchitektur: Studio Vulkan, Zürich; Robin Winogrond

«Dieser Park verbindet unterschiedliche Ebenen und bleibt trotz seiner Vermittlungsrolle landschaftsarchitektonisch eigenständig. Er regt zur Betrachtung an, ohne zu belehren, indem er Spannungen aufbaut: zwischen Hortensien und einheimischen Pflanzen, Nagelfluh und Beton oder Religion und Wissenschaft. Auf dem Dach eines Autobahntunnels am Siedlungsrand schafft er einen eigenständigen, in sich ruhenden Ort, der sich jungen und alten Anwohnern, Museumsbesucherinnen oder Kirchgängern öffnet. Trotz seiner hohen Steindichte wirkt der Park leicht: Die hellen Betonschollen im grünlichen Schottermeer animieren zur spielerischen Erkundung. Differenzierte Bodenaufbauten und die Bepflanzung lenken die gewollte natürliche Dynamik, damit aus der vegetativen Vielfalt langfristig nicht einheitliches Grün wird.»
Landschaftsarchitektur Bronze: Sihl-Schwemmholzrechen, Zürich von Égü, Zürich. Bild: Sophie Stieger
Landschaftsarchitektur Bronze
Sihl-Schwemmholzrechen, Zürich
Bauherrschaft: Baudirektion des Kantons Zürich, AWEL, Abteilung Wasserbau
Landschaftsarchitektur: Egü, Zürich

«Der Schwemmholzrechen in der Sihl schützt menschlichen Lebensraum – im direkten wie im weiteren, ästhetischen Sinn. Der Schutz unseres Lebensraums ist auch eine der Aufgaben der Landschaftsarchitektur. Die Gestaltung des Rechens ist das Resultat eines landschaftsarchitektonischen Blicks auf einen technischen Infrastrukturbau. Damit bringt das Projekt Ingenieurwesen, Ästhetik und Handwerk zusammen. Mit grosser gestalterischer und handwerklicher Sorgfalt hat der Landschaftsarchitekt den Bruchsteinwall, die gegossenen Betonsockel und die eisernen Zinken zusammengebunden. Der Schwemmholzrechen zeigt: Ingenieurbauten und Landschaftsarchitektur frühzeitig zusammenzudenken, schafft einen Mehrwert für Mensch und Landschaftsbild.»
Jury Landschaftsarchitektur
Monique Keller, Architektin und Kuratorin Lausanne Jardins 2019
Massimo Fontana, Fontana Landschaftsarchitektur, Basel
Sarah Simon, Studentin HSR, Schinkel-Preisträgerin, Rapperswil
Rita Illien, Müller Illien Landschaftsarchitekten, Zürich
​Roderick Hönig, Redaktor Hochparterre, Zürich (Leitung der Jury)
Design Gold: Bananatex by Qwstion, Zürich. Bild: Lauschsicht
Design Gold
Bananatex by Qwstion
Design und Auftraggeber: Qwstion, Zürich, Christian Paul Kägi (Designer, Projektleiter), Paolo Paoluzzo, Marianne Schoch, Aline Mauch, Matthias Graf, Pia Fischer

«Nachhaltig und robust, erforscht und industriell verwertbar gemacht: ‹ Bananatex by Qwstion › zeigt, wie kleine Unternehmen den globalen Markt hinterfragen und lokal vorwärtsbringen können. Zwar ist die Abacá-Pflanze keine Entdeckung. Bisher verarbeiteten Manufakturen sie aber am Handwebstuhl oder zu Papier. ‹ Bananatex › eröffnet neue Wege. Die Taschen wirken elegant und fügen sich in die Kollektion. Dazu tragen die Farben Schwarz und Weiss und die Merkmale der Marke bei: Ledergriffe und multiple Tragvarianten. Die Schnittmuster sind ohne Verschnitt und Abfall entworfen. Qwstion steht für eine neue Generation junger Unternehmer, die innerhalb des Systems etwas ändern wollen. Qwstion ist ein mutiges Vorbild für Grosskonzerne, neue Wege zu gehen, die alle vorwärtsbringen.»
Design Silber: Late Shift, Ctrl Movie, Los Angeles. Bild: Tobias Weber
Design Silber
Late Shift
Design und Entwicklung: Ctrl Movie, Los Angeles
Regie: Tobias Weber, Los Angeles

«‹Late Shift› und die Ctrl-Movie-Technologie verbinden klug zwei Genres: Film und Computerspiel. Die Idee eines interaktiven Films fasziniert – doch erst jetzt funktioniert das Format. Die Ladezeiten erlauben dank hoher Rechnerkapazitäten einen flüssigen Ablauf. Mit der Kinoqualität setzt ‹Late Shift› Massstäbe bei Konsolenspielen. Die Soundkulisse zieht Spielerin und Spieler sofort in den Bann. Zur Identifikation mit den Figuren tragen die klar erzählte Handlung und die ausgearbeiteten Charaktere bei. So erlaubt ‹Late Shift›, die eigenen sozialen Fähigkeiten zu testen. Die Technologie, die für die Film- und die Game-Industrie interessant ist, erschliesst in dieser Kombination auch weitere Disziplinen. Nicht zuletzt macht das cineastische Storytelling die noch immer junge Disziplin Game Design auch Laien zugänglich.»
DesignBronze: ‹Rapid Liquid Printing› von Christophe Guberan. Bild: Christophe Guberan
Design Bronze
Rapid Liquid Printing
Design und Recherche: Christophe Guberan, Lausanne und Boston
Kooperationspartner: Self-Assembly Lab, MIT, Boston

«Designforschung ist essenziell für die Disziplin. Christophe Guberan ist vorne mit dabei. Mit Passion und Ausdauer verfolgt er das Thema programmierbare Materialien und generative Verfahren. Sein ganzheitlicher Ansatz erlaubt es ihm, bestehende Verfahren des 3-D-Drucks anders einzusetzen. Das bringt die Technologie vorwärts und lässt ihn bestehende Probleme neu angehen. Dass dabei Produkte mit neuer Funktionalität und Ästhetik entstehen, beweisen die pneumatischen Objekte. Das Potenzial aufblasbarer Hohlkörper und die limitierenden Faktoren wird Guberan weiter austesten – und darauf hoffen, dass auch andere damit zu arbeiten beginnen. Noch fehlen engagierte Partner. Bis die Forschung ihren Platz in der Industrie findet, braucht es Zeit und Investitionen. Zum Beispiel in die Erforschung ökologischerer Materialien.»
Jury Design
Carolien Niebling, Zürich
Philomena Schwab, Zürich
Alfredo Häberli, Zürich
Michel Hueter, Biel
​Lilia Glanzmann, Redaktorin Hochparterre, Zürich (Leitung der Jury)
Landschaftsarchitektur Gold: Burgfeldenpark, Basel von Bryum, Büro für urbane Interventionen und Landschaftsarchitektur, Basel. Bild: Henry Balaszeskul

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