Kreative Gratwanderungen

 Susanna Koeberle
11. November 2018
Installationsansicht der Ausstellung. Bild: Conradin Frei
Die Ausstellung in der Galerie Mark Müller vereint Objekte und Artefakte, welche die Grenzen der Disziplinen aufbrechen. Dabei kann handwerkliches Können in einem spannungsreichen Zwiegespräch mit dem Prinzip des Zufalls stehen.
Was ist Kunst? Wann wird Design zu Kunst? Oder Architektur sogar zu Kunst? Sind Grenzen überhaupt notwendig? Wann verstellt eine Zuweisung unseren Blick auf undefinierbare Objekte? Solchen Fragen stellten sich der Designer Frédéric Dedelley und der Galerist Mark Müller schon in ihrer Schau «La Confusion des Genres», die vor drei Jahren in der Galerie Mark Müller stattfand. Erneut wagen sich die beiden in der Ausstellung «Savoir Faire – Laisser Faire» an dieses komplexe und faszinierende Thema. Denn die Beschäftigung mit Grenzbereichen wie etwa Kunsthandwerk oder limitierten Editionen ist immer auch ein Balanceakt. Das führen die gezeigten Werke vor. Die Bandbreite reicht von Keramik bis zu Designobjekten und von Gemälden bis zu Installationen. Ausgangspunkt für die Recherche und die Auswahl der Arbeiten bildet die Maitrise einer Technik oder das Ausloten der Grenzen eines Materials.

​Dass dabei auch der Zufall eine Rolle spielen kann, zeigen etwa die beiden Keramikpositionen von Cornelia Trösch und Nora Wagner. Es geht nicht nur um savoir-faire , also um können, sondern auch um laisser-faire, also um gewähren lassen. Bei Cornelia Tröschs Gefässen passiert während des Holzfeuerbrands  häufig Unvorhersehbares. Das kann die Form oder die Farbe des Objekts betreffen. Ihre Objekte strahlen eine unglaubliche Kraft und Körperlichkeit aus. Diese Wirkung entsteht auch aus dem Zulassen der Arbeit des Materials und des Fertigungsprozesses selber: aus dem Dialog zwischen Mensch und Materie. Das Sichtbarmachen dieses Dialog, der zum künstlerischen Prozess wie ebenso zum Entwurf eines Objekts oder Raums gehört, ist eine der Stärken dieser Ausstellung. Sie will keine Erklärungen abliefern, sondern bietet Anschauungsmaterial.
Arbeiten von Bijoy Jain (textiler Raum), Frédéric Dedelley und Reto Boller. Bild: Conradin Frei
Zu den ausgestellten Werken gehören auch Arbeiten zweier Architekten. Der Niederländer Anne Holtrop (der übrigens seit Kurzem Professor für Architektur und Entwurf an der ETH Zürich ist) ist mit einem skulpturalen Objekt (etwas zwischen Paravent, Spiegel und Ablage) aus MDF vertreten. Das Stück spielt mit dem Trompe l’oeil Effekt von Materialien, das MDF hat nämlich eine Onyx-Optik, die von Hand auf den Werkstoff gemalt wurde. Inspiriert war der Architekt von Roger Callois’ (französicher Philosoph und Autor von «Die Schrift der Steine») Steinsammlung. Des Weiteren gibt es einen Stuhl sowie einen textilen  Raum von Bijoy Jain (Studio Mumbai) zu sehen. Ausgehend von der traditionellen indischen Handwerkskunst kreiert der indische Architekt Objekte, die eine Hommage an das Können seiner Landsleute sind. Zugleich überführt er klassische Typologien in einen neuen Kontext und schafft damit Gegenstände, die zwischen Kunst, Design und Kunsthandwerk zu situieren sind.

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