Neue Ideen schlagen im Alten Botanischen Garten Wurzeln

Susanna Koeberle
18. August 2021
Installation «Infinity» von Ortreport (Foto: Lukas Beyeler)

Die dritte Ausgabe der «Design Biennale Zürich» steht unter dem Motto «Clash». Dass Design viele Gegensätze vereint und häufig als Schnittstelle zwischen Disziplinen fungiert, zeigen verschiedene Installationen im Alten Botanischen Garten.

Das Motto der dritten Design Biennale Zürich lautet «Clash» und erscheint fast als expliziter Kommentar zu unserer Zeit – das Thema stand allerdings schon fest, bevor das Coronavirus unseren Alltag veränderte. Die Pandemie hat besonders deutlich gezeigt, dass sich Gegensätze in unserer Gesellschaft immer mehr verstärken. Doch Design ist per se eine Disziplin, die quasi zwischen den Fronten Kulturgut und Markt oszilliert. Die langen Entwicklungsprozesse eines Produktes bekommen die Konsument*innen allerdings meistens nicht mit. Das ist auch so, weil solche Prozesse häufig auf Experimenten basieren und nicht immer zu einem Endprodukt für den Markt führen. Nichtsdestotrotz bringen sie die Disziplin weiter. Forschungsprojekte und Prototypen schaffen neues Wissen; dieses lässt sich aber häufig nicht gleich monetarisieren. Umso wichtiger sind Initiativen wie die Design Biennale Zürich, denn sie machen diese Aspekte auch einem grösseren Publikum zugänglich. 

Der Alte Botanische Garten in Zürich ist eine grüne Oase mitten in der Stadt. (Foto: Luca Zanier)

Die aktuelle Ausgabe ist inhaltlich etwas kompakter als ihre zwei Vorgängerinnen – allerdings dauert sie auch etwas länger – und findet heuer nur im Alten Botanischen Garten statt. Zwölf installative Projekte sind auf den hügelförmigen Garten verteilt und laden zu einem lehrreichen Spaziergang ein. Sie zeigen, dass Design häufig aus der Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen entsteht. Viele Büros, die ihre Arbeiten präsentieren, sind Kollektive, die nicht nur aus Produktdesigner*innen bestehen. Ebenso sind Architekt*innen, Textildesigner*innen, Landschaftsarchitekt*innen, Szenograf*innen, Interaction Designer*innen und Kreative aus anderen Berufen vertreten. Eine der grössten Installationen, auf die die Besucher*innen gleich beim Haupteingang in den Alten Botanischen Garten treffen, ist eine begehbare Holzkonstruktion. «Infinity» – eine dreidimensionale unendliche Schlaufe – entstand aus der Zusammenarbeit zwischen dem Zürcher Büro Ortreport und dem Langenthaler Holzbauunternehmen Hector Egger Holzbau. Die Skulptur aus nachhaltig bewirtschaftetem Fichtenholz hätte ursprünglich am «Designers’ Saturday» gezeigt werden sollen, der jedoch als einer von vielen Events der Pandemie zum Opfer fiel. Nun steht «Infinity» in Zürich und möchte auf das Potenzial des natürlichen Werkstoffs Holz aufmerksam machen. Die Schlaufenform versteht sich dabei auch als Anspielung auf das Denken und Handeln in Kreisläufen. Das Bauwerk führt zugleich die heutigen Möglichkeiten digitaler Fertigung vor. 

Ein Tisch, der zum Nachdenken anregt: «Crocodile Tears Won’t Stop Climate Change» von Rafale Kouto (Foto: Design Biennale Zürich)

Dass digitale und handwerkliche Herstellungsmethoden durchaus zusammen funktionieren können, ist eine Einsicht, die bei einigen der präsentierten Arbeiten zum Tragen kommt. Sehr «low key» kommt das partizipative Projekt des Modedesigners Rafael Kouto daher. «Crocodile Tears Won’t Stop Climate Change» fordert das Publikum auf, Teil einer Gemeinschaft zu werden. Man kann ein Kleidungsstück mitbringen und es auf einen Tisch legen, der mit farbigem Eis bestückt ist. Beim Schmelzen der Eisblöcke geht das Farbmittel auf die Gewebe über und färbt sie. Die Installation nimmt damit auf die Praxis des gemeinsamen Wäschewaschens Bezug, ein Gemeinschaftsritual, das auch bei uns lange üblich war. «Crocodile Tears» schafft mit einfachen Mitteln ein komplexes Narrativ – zum einen steht das Eis für den Klimawandel, zum anderen wird der Tisch mit den Textilien zum Symbol für unser Zusammenleben und für die Kraft des gemeinsamen Handelns. Dafür braucht es jedoch Freiräume im öffentlichen Raum; die Installation ist so gesehen auch ein politisches Statement und ein Plädoyer für das Pflegen von Beziehungen. 

Das modulare Fliesensystem «Rooting» von AATB und Atelier Luma (Foto: Design Biennale Zürich)

Für die Interaktion zwischen Design und seiner Umgebung finden Designer*innen manchmal ungewöhnliche Lösungen. Mit dem modularen Fliesensystem «Rooting» beweist das Duo AATB, dass Natur und Design durchaus koexistieren können. Das Projekt ist die Frucht einer zweijährigen Zusammenarbeit mit dem Atelier Luma in Arles und auch für die Swiss Design Awards 2021 nominiert. Die Betonplatten für den Aussenbereich sind mit Erde gefüllt, sodass darin Pflanzen, Gräser und Moose wachsen können. Die Oberseite der Fliesen besitzt ein organisches Muster, das mithilfe eines Algorithmus gestaltet wurde, die Rückseite ist löchrig. Dank diesem permeablen Design kann das Wasser abfliessen, gleichzeitig können Pflanzen Wurzeln schlagen. Neue Ideen müssen auch bei uns Menschen Wurzeln schlagen. Das braucht Zeit und gegenseitigen Austausch. Die Design Biennale Zürich fördert diesen durch sogenannte Designers’ Talks und verschiedene Workshops.

Die «Special Spatial Collaboration» des Bereichs Spatial Design und Textildesign der Hochschule Luzern empfängt die Besucher*innen der Design Biennale Zürich. (Foto: Design Biennale Zürich)
Die Design Biennale Zürich dauert bis zum 5. September 2021. Sie findet im Alten Botanischen Garten (Talstrasse 71, 8001 Zürich) statt.
 
Informationen zu Workshops und Talks finden Sie auf der Homepage.

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