Urbane Manifeste

Susanna Koeberle
4. November 2019
Einladungskarte zur Ausstellung «Out of Paradise» in der Galerie Luciano Fasciati in Chur: links «Spray in Action», rechts «Desertification». (mit freundlicher Genehmigung von Hans Danuser und der Galerie Luciano Fasciati)

Der Künstler und Fotograf Hans Danuser unternahm schon in den 1980er-Jahren fotografische Erkundungen in New York. Die Schau «Out of Paradise» in der Galerie Luciano Fasciati bietet die Gelegenheit, ältere und neue Arbeiten des Schweizer Fotokünstlers zu sehen.

Als Hans Danuser in den 1980er-Jahren dank eines Atelierstipendiums der Stadt Zürich erstmals nach New York reiste, war die Stadt Brennpunkt der zeitgenössischen Kunst. Damals arbeitete der Fotograf an seinem Zyklus «IN VIVO», einer konzeptuellen Bildrecherche spezifischer Innenräume. Es sei nicht nur in New York eine Zeit der Umbrüche gewesen, auch für Zürich waren diese Jahre prägend, erinnert sich Danuser. Die Jugendbewegung hinterfragte gesellschaftliche Normen und Systeme. Zur gleichen Zeit machte auch die Fotografie eine Erneuerung durch. Danuser gehört zweifelsohne zu den Protagonisten dieses neu erwachten Selbstverständnisses der Lichtbildkunst. Das Erkunden von neuen Territorien, sowohl verschlossenen als auch öffentlichen, sowohl Denk- als auch Handlungs-Räumen, kann als Metapher für diese Entwicklung gelesen werden. 

Angekommen in New York unternahm Danuser zusammen mit seiner Frau ausgedehnte Entdeckungstouren durch Manhattan, die ihn mitten ihn die damalige neue Kunstszene führte mit Aktionen in Literatur, Kunst und Performances in verlassenen Piers am Hudson und East River. Ihn faszinierte die Sprayerszene, die Teil der New Yorker Subkultur war. «Man empfahl man mir, Quartiere wie Alphabet City zu meiden», erinnert sich der Künstler. Genau dort bewegte er sich damals; es sei eine Art «Twilight»-Zone gewesen, erzählt er. Doch er habe mit der Zeit die Szene gekannt und gelernt, wie er sich in den Strassen zu bewegen habe. Die Schablonenspraybilder sind je nach Standort an der Grenze zur Illegalität anzusiedeln. Auch ihre ausdrucksstarken Motive sind Statements, die man als Form der Subversion verstehen kann. Die Stencils thematisieren im gleichen Zug die Übergänge zwischen privatem und öffentlichem Raum und tragen damit zu einem Diskurs darüber bei, wem die Stadt gehören soll. Das fotografische Festhalten dieser ephemeren Manifestationen ist eine Hommage an die Freiheit und die vibrierende Energie, die damals im Big Apple herrschte. 

Installationsansicht der Ausstellung (Foto © Yanik Bürkli, Clus AG, mit freundlicher Genehmigung von Hans Danuser und der Galerie Luciano Fasciati)

Zugleich ist der neue Werkzyklus von Hans Danuser mehr als ein Zeitdokument. Vielmehr findet sich darin eine eigenständige künstlerische Lektüre des städtischen Raums mitsamt seinen gesellschaftlichen Implikationen. Die unterschiedlichen Träger der Schablonenspraybilder, etwa die typischen brick walls, zeigen zwar die Vielschichtigkeit der urbanen Materialien, lösen sich aber zugleich von einer konkreten Architektur. Die Fotografie schafft ein Bild, das zwischen Fiktion und Realität, zwischen konkret und abstrakt oszilliert. Diese Ambivalenz kann paradoxerweise erst entstehen, weil wir wissen, dass das Fotografierte die Wirklichkeit abbildet. Genau dies wirft uns auf unsere eigene Wahrnehmung zurück. Der Transfer vom Grossstadtdschungel in den Bildraum erzählt auch etwas über Danusers Herangehensweise. Er hält das urbane Geschehen mit einer Mischung aus wissenschaftlicher Akribie und subtilem Humor fest. «Das Wesen meiner Arbeit ist die Sichtbarmachung permanenter Veränderung», sagt er. In dieser Geste liegt auch die gesellschaftskritische Dimension seiner Arbeit – die zugleich etwas Allgemeingültiges hat.

«SCHMETTERLINGSSCHWARM IM FRÜHLINGSSCHNEESTURM», 2019, Tableau III, work in progress (mit freundlicher Genehmigung von Hans Danuser und der Galerie Luciano Fasciati)

Der Wandel von Landschaften oder sogar des Planeten Erde als solchem ist ein Thema, das auch in der aktuellen Ausstellung in Chur präsent ist – und zwar sowohl in inhaltlicher als auch in technischer Hinsicht. Für «Out of Paradise» unternahm Danuser eine Relektüre älterer Arbeiten. Er übertrug einige seiner analogen Fotografien in digitale Datenformate. Durch die erneute Transformation (eine erste geschah ja schon durch das fotografische Festhalten) findet eine Brücke in die Jetztzeit statt. Dem Sublimationsdruck auf Aluminium, den Danuser für die digitalen Bilder als Träger verwendete, ist eine ganz besondere Materialität eigen. Das glatte und spiegelnde Aussehen der Exponate erinnert an Bildschirme. Format und Träger verschmelzen zu einem autonomen Werk. In neueren Arbeiten setzt sich der Künstler zudem mit aktuellen Problematiken auseinander, darauf deuten Werktitel wie «SEA LEVEL RISING» oder «GLOBAL WARMING». Eine weitere Klammer schafft Hans Danuser mit dem Motto der Ausstellung. Der Verweis auf die Vertreibung aus dem Paradies erzeugt eine weitere inhaltliche Ebene. Damit erfährt auch die physische Präsenz der Bilder im Galerienkontext eine zusätzliche Dynamik. Die multiplen Transformationen strahlen etwas Magisches aus.

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