Wechselbad der Gefühle

Elias Baumgarten
14. Juli 2020
Dr. Reinhard Pfeiffer ist bei der Messe München unter anderem für die Leitmesse «BAU» verantwortlich. (Foto © Messe München GmbH)

Die Corona-Pandemie trifft die Messebranche hart: Nicht nur, dass im Zuge der Massnahmen zur Verlangsamung der Ausbreitung der Lungenkrankheit viele Veranstaltungen abgesagt werden mussten, die ungewisse Wirtschaftslage macht Firmen ausserdem vorsichtig, etliche sagen ihre Teilnahmen ab. Und trotzdem blickt Dr. Reinhard Pfeiffer, stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe München, positiv in die Zukunft, wie er Elias Baumgarten im Interview erklärte.

Elias Baumgarten: Viele Architekt*innen stehen Messen skeptisch gegenüber. Sie sehen in ihnen blosse Marketing- und Verkaufsveranstaltungen. Herr Dr. Pfeiffer, Sie sind bei der Messe München unter anderem verantwortlich für die «BAU». Warum sollten wir Gestalter*innen für die Veranstaltung 2021 nach München kommen?

Dr. Reinhard Pfeiffer: Wir investieren viel Zeit und Energie, um die «BAU» zu einer echten Diskursplattform zu machen. Für 2021 haben wir vier Leitthemen definiert, die wir mit unserem umfangreichen Rahmenprogramm aus Foren und Sonderschauen verhandeln wollen: «Herausforderung Klimawandel», «Digitale Transformation», «Zukunft des Wohnens» und «Ressourcen + Recycling». Die drängenden Fragen unserer Zeit haben mit der Corona-Krise nicht an Relevanz verloren, eher noch im Gegenteil: Uns wurde vorgeführt, wie schnell all das, was wir bisher leichthin für selbstverständlich nahmen, verloren sein kann. Wir müssen dringend nachhaltiger und klimaschonender bauen, die Zerstörung der Umwelt, zu der die Bauwirtschaft aktuell leider auch beiträgt, muss aufhören. Auch der Mangel an leistbarem Wohnraum in unseren Grossstädten, der zu sozialen Spannungen führt, bleibt ein grosses Problem. Gerade in Deutschland müssen wir in diesem Zusammenhang über den Abbau von Auflagen und die Entbürokratisierung diskutieren. Nicht zu vergessen ist zudem die Digitalisierung der Bauwirtschaft, die infolge der Krise wohl weiter an Dynamik gewinnen wird. 
Gerade jetzt, davon bin ich fest überzeugt, sind Messen deswegen besonders wichtig. Alle am Bau Beteiligten müssen wieder zusammenkommen, sich austauschen, netzwerken und neue Projekte aufgleisen; wir müssen den Motor rasch wieder starten!

Noch im Februar dieses Jahres feierte die «digitalBAU» der Messe München erfolgreich Premiere – dann kam die Pandemie und damit die Absage vieler Veranstaltungen. (Foto © Messe München GmbH)
Die «digitalBAU» zeigte, wie Messen den Architekturdiskurs stimulieren können. (Foto © Messe München GmbH)

Mit der Krise sind allerdings dunkle Wolken über der «BAU» aufgezogen: In den letzten Wochen war viel über Absagen namhafter Hersteller zu lesen, mitunter wurde die Veranstaltung gar schon grundsätzlich infrage gestellt. 

Ja, uns haben einige wichtige Hersteller vor allem aus Deutschland abgesagt. Sie sorgen sich, ob genügend Besucher*innen zur «BAU» kommen und sich der Aufwand eines Auftritts überhaupt noch lohnt. Ich möchte nicht verhehlen, wie schmerzhaft das für uns ist. Auch haben diese Nachrichten viel Verunsicherung erzeugt. Aber: Es gibt eine Warteliste für die «BAU», qualitätsvolle Firmen – interessanterweise besonders oft aus Polen, Belgien, Spanien und Italien – drängen danach, die frei gewordenen Plätze zu übernehmen oder ihre Auftritte zu vergrössern. Aktuell sind 80 Prozent der Fläche fest gebucht – das ist exakt derselbe Stand, den wir zu diesem Zeitpunkt vor zwei Jahren hatten. Wir erwarten nicht, die Rekorde der letzten «BAU» einzustellen, dennoch stimmen uns diese Zahlen positiv.

Sie wirken optimistisch, doch hinter Ihnen und Ihrem Team liegen schwere Wochen. Wie haben Sie die Pandemie bisher erlebt, wie ist die Lage der Messe München heute?

2019 war ein super Jahr für uns, das beste in der Geschichte unseres Unternehmens überhaupt. Wir hatten deshalb einen Wachstumskurs eingeschlagen. Noch im Februar dieses Jahres konnten wir mit der «digitalBAU» in Köln eine sehr erfolgreiche Premiere feiern, alles schien grossartig zu laufen – doch dann kam mit einem Schlag der jähe Einbruch, ja Abbruch unserer Geschäfte: Bis Ende September noch dürfen in München nach jetzigem Stand keine Messen, Kongresse oder dergleichen mehr durchgeführt werden. Das hat uns bisher einen Umsatzeinbruch in niedriger dreistelliger Millionenhöhe beschert.
Aber trotzdem möchte ich, wie Sie richtig sagen, nicht schwarzmalen – allmählich sehen wir nämlich Licht am Ende des Tunnels: Mit unserer grossen Tochtergesellschaft in China konnten wir zwischen dem 3. und 5. Juli vier Veranstaltungen durchführen. Sie waren profitabel, die Besucher- und Ausstellerzahlen erreichten bis 70 Prozent des Vor-Corona-Niveaus.

Rahmenprogramm der «digitalBAU» (Foto © Messe München GmbH)

Wie gehen Sie mit der aktuellen Situation um?

Zunächst sind wir sehr froh, den Freistaat Bayern und die Stadt München als Gesellschafter zu haben: Wir wissen, dass sie uns in dieser unverschuldeten Lage nicht allein lassen. Aktuell sind wir noch in Kurzarbeit und versuchen allgemein, unsere Kosten niedrig zu halten, Investitionen haben wir aufgeschoben. 
Bei der Politik haben wir Lobbyarbeit gemacht. Anfangs wurden Fachmessen behandelt wie Volksfeste. Das war nicht fair: Im Unterschied zu diesen kann man genau erfassen, wer sich wann wo aufhält. Und obwohl Gemütlichkeit und Geselligkeit freilich auch an Messen wichtig sind, kann man sie trotzdem nicht mit Bierzelten oder Clubs vergleichen. In China konnten wir, wie angedeutet, schon Erfahrungen mit der Organisation von Veranstaltungen unter strengen Auflagen sammeln – das lässt sich für Besucher*innen wie Aussteller durchaus angenehm ausgestalten. Einzig: Aktuell gilt in Bayern eine strenge Maskenpflicht. Müssten Mundnasenmasken während des Messebesuchs permanent getragen werden, wäre das nicht ideal. Aber wenn sich die Lage weiter stabilisiert, können wir auch hier auf Lockerungen hoffen. Dann ist es auch möglich, dass die Maske am Stand abgesetzt werden darf, wie schon heute am Tisch im Restaurant.

Zusammengefasst könnte die Krise den Messen im Baubereich, deren Existenz sie gefährdet hat, also mittelfristig einen Schub bringen – auch als Digitalisierungsbooster?

Wir werden unser digitales Angebot in Reaktion auf die Corona-Krise deutlich ausbauen. Die Pandemie hat uns viel Neues lernen lassen und war ein Katalysator für frische Ideen. So werden etwa Online-Besuche der Stände künftig möglich sein, es wird virtuelle Führungen geben und – was sich in China bereits bewährt hat – Workshops, Schulungen und Vorträge in digitaler Form. Wir hoffen, so neu Menschen überall auf der Welt zu erreichen, die nicht zur «BAU» anreisen können. Bedeutsamkeit und Reichweite dürften dadurch weiterwachsen. Der wahre Messeerfolg liegt allerdings immer noch im persönlichen Kontakt. Ihn zu stimulieren, wird stets unser wichtigstes Anliegen bleiben.

Herzlichen Dank, Herr Dr. Pfeiffer, für das offene Gespräch und alles Gute für die Wiederaufnahme des Messebetriebs in Mitteleuropa im Herbst.

Dr. Reinhard Pfeiffer studierte Rechtswissenschaften in Regensburg. Er war in verschiedenen Funktionen für das Bayerische Wirtschaftsministerium tätig und später Geschäftsführer der Bayern International GmbH. Seit 2008 arbeitet er für die Messe München. 2014 wurde er dort stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsführung. Dr. Pfeiffer ist verantwortlich für internationale Fachmessen wie die «BAU».

Über 10'000 Besucher*innen strömten im Frühjahr zur «digitalBAU» nach Köln. Wir waren vor Ort.

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