Wo die Zeit stehengeblieben scheint – ein Sommerspaziergang in Genf

Manuel Pestalozzi
9. August 2021
Parallel zur grossen Eingangshalle verläuft beim bekannten Wohnblock Miremont-le-Crêt ein erlebnisreicher, abgesenkter Weg durch den schmalen Grünraum. (Foto: Manuel Pestalozzi)

Die Wohnhäuser Miremont-le-Crêt scheinen sich seit den 1950er-Jahren kaum verändert zu haben. Diese Authentizität ist das Resultat einer sorgfältigen Sanierung vor wenigen Jahren.

Eigentlich war das Ziel meines Ausflugs nach Genf ein anderes: Ich wollte die Bahnstrecke CEVA (Cornavin – Eaux Vives – Annemasse), welche die Rhonestadt seit Dezember 2019 mit einem vollwertigen S-Bahn-Betrieb versieht, erkunden. Von den fünf neuen CEVA-Stationen, die Jean Nouvel gestaltet hat, ist Genève-Champel die gewaltigste. Die Gleise liegen nicht weniger 25 Meter unter dem Strassenniveau, denn Champel befindet sich auf einem leicht erhöht liegenden Plateau südlich des Stadtzentrums. Im Westen fällt es zum Fluss Arve hin steil ab. Das Quartier war einst ein Villenviertel. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die meisten Anwesen durch langgezogene, sieben bis neungeschossige «Wohnmaschinen» für den gehobenen Mittelstand ersetzt. Trotz dieser Grossbauten handelt es sich um ein gepflegtes Quartier: Die modernistischen Giganten sind offensichtlich gut unterhalten, die parkartigen Grünräume dazwischen sind einladend. Prestigeträchtige Lage und verdichtetes Wohnen – in Genf funktioniert das schon seit 70 Jahren.

Der Beton, die Glasbrüstungen und die Aluminiumlamellen wirken zwar teils etwas lädiert, dafür aber auch umso authentischer. (Foto: Manuel Pestalozzi)

Steigt man durch Jean Nouvels Tageslichtbrunnen vom Bahnsteig zum Plateau hoch, kann man anschliessend der Avenue de Champel in westliche Richtung folgen und nach etwa 200 Metern nach links in die Avenue Calas einbiegen. Wenige Schritte sind es, ehe dann am linken Strassenrand ein bemerkenswertes Bauwerk ins Auge fällt – eine langgezogene Bauzeile, die sich mit einer schier endlosen, von Balkonbrüstungen akzentuierten Abfolge von Zickzacklinien im Grünraum verliert. Ein Betonvordach auf dünnen Stahlstützen grenzt die Parzelle vom Strassenraum ab und geleitet einen auf eine Abfolge von Rampen, die schliesslich zum deutlich tiefer liegenden Hauseingang führen. Das Bauwerk ist eine Berühmtheit; es wurde vielfach publiziert, beispielsweise im Band «Schweiz» der Serie «Architektur im 20. Jahrhundert», die vor der Jahrtausendwende im Prestel Verlag erschienen ist. Der Name der Anlage: Miremont-le-Crêt. Gestaltet wurde sie vom Genfer Architekten Marc-Joseph Saugey (1908–1971), und der Bau der Häuser dauerte von 1956 bis 1957. Ihre Erscheinung ist so prägnant, dass bei mir die Erinnerungen an die zahlreichen Publikationen, die ich schon über sie gelesen habe, sofort geweckt werden.

Die Grossform wurde von Marc-Joseph Saugey in überschaubare Abschnitte gegliedert. (Foto: Manuel Pestalozzi)

Steigt man die erwähnten Rampen hinab und flaniert entlang der Eingangshalle, fühlt man sich bei sonnigem Sommerwetter fast wie auf einem Hohlweg im Wald. Alles wirkt authentisch – so sehr, dass man das Gefühl hat, die Zeit sei in den 1950er-Jahren einfach stehengeblieben; nur die Vegetation scheint seither gewachsen zu sein. Teile der Fassade sehen allerdings auf den ersten Blick etwas mitgenommen aus. Doch irrt, wer dies für ein Zeichen des Verfalls hält, wie ein Artikel aus der Fachzeitschrift werk, bauen + wohnen belegt, der 2016 veröffentlicht wurde: Das seit 2002 unter Denkmalschutz stehende Gebäude wurde vor wenigen Jahren durch meier + associés architectes und Oleg Calame behutsam instand gesetzt. Penibel hat man darauf geachtet, den ursprünglichen Ausdruck beizubehalten. Das Planungsteam hat das viel Hirnschmalz und Zeit, die Bauherrschaft einiges an Geld gekostet. Die Architekturtourist*innen danken es ihnen! Der gewundene Weg endet mit einer weiteren Rampe, die nach rund 130 Metern am anderen Ende der Zeil auf das Betonvordach an der Avenue de Miremont empor führt. Dort ist in das Volumen ein Kiosk integriert. Beglückt ziehe ich von dannen – im Wissen auch, dass man hier lernen kann, wie man in verdichteten Verhältnisse ein schönes Tiefparterre gestaltet.

Der Weg entlang der Eingangshalle ist 130 Meter lang und senkt sich leicht in östliche Richtung. (Foto: Manuel Pestalozzi)

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