Raumskulptur trifft Wohnqualität

Baumschlager Eberle
15. April 2021
Das Haus Holdergasse hat einen L-förmigen Fussabdruck und umfasst eine alte Buche auf dem Grundstück. (Foto: OLEX – Marc und Oliver Lins)

In enger Zusammenarbeit mit der Bauherrschaft hat das Team von Baumschlager Eberle in Vaduz ein Haus gebaut, das mit handwerklicher Präzision Dauerhaftigkeit anstrebt. Obschon ein Einfamilienhaus, bei dem neben naturnahen Baustoffen auch Beton zum Einsatz kam, soll es durch ein besonderes Mass an Nachhaltigkeit überzeugen, wie Michael Liebetrau erklärt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Unsere zentrale Aufgabe bei der Arbeit am Haus Holdergasse war es, ein Heim für eine Familie mit vier Kindern zu schaffen, das in gleichem Masse Räume für das Familienleben und Rückzugsorte bietet. Diese architektonische Aufgabe wurde ergänzt von eine ganze Reihe von konstruktiven und materiellen Anforderungen seitens der Bauherrschaft, wie man dies in der Konsequenz sonst nicht gewohnt ist. Dazu gehörte zum Beispiel der Verzicht auf eingelegte Leitungen oder Stahlbetonwände. Auch wenn es sich um ein Einfamilienhaus handelt, sollte das Projekt nicht zuletzt ein starkes Statement für nachhaltiges Bauen sein. Die Herausforderung war, der Vielfalt der Erwartungen einen selbstverständlichen Ausdruck zu geben.

Die Wand im Treppenhaus wurde als Marmorino mit schützender Schicht aus Bienenwachs veredelt. (Foto: OLEX – Marc und Oliver Lins)
Die Kassettendecke aus Beton im Wohnzimmer weist eine Deckenstärke von nur acht Zentimetern in den Kassettenfeldern auf. Beim Bodenbelag handelt es sich um ein massives Eichenparkett. (Foto: OLEX – Marc und Oliver Lins)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Die Gebäudehülle wird durch Ausnehmungen und Einschnitte definiert. So entsteht eine klare Ordnung, und es entspinnt sich ein Dialog zwischen Öffnungen und geschlossenen Flächen. Das Ergebnis ist eine stark plastische, etwas unkonventionelle Form. Auch die dynamische Anordnung der Fenster – funktionell logisch – bricht mit der Etikette klassischer Villenarchitektur.

Die Abstraktion des Volumens im Zusammenspiel mit der Authentizität der Materialien gibt dem Haus eine gewisse Souveränität und Zeitlosigkeit. Und: Poesie! Das ist es, was wir suchen.

Die L-förmige Kochinsel wurde mit verlötetem und verschliffenem Zinkblech eingekleidet. Die Fronten der Schubladen sind aus Eichenholz. (Foto: OLEX – Marc und Oliver Lins)
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Wir haben mit dem dreigeschossigen, teils eingegrabenen Volumen auf die Topographie des Grundstücks reagiert. Wir sind der Überzeugung, dass unser Entwurf Privatheit und Aussenbezug differenziert miteinander verbindet. Aus der Logik des Ortes ergab sich auch die L-Form des Hauses, aus der im Zusammenspiel mit der mächtigen, alten Buche auf dem Grundstück gewissermassen ein Innenhof entstand. 

Bei geöffneter Schiebetür sind Küche und Terrasse schwellenlos miteinander verbunden. (Foto: OLEX – Marc und Oliver Lins)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Die Bauherrschaft hatte bei diesem Projekt eine sehr aktive Rolle. Der Bauherr als Spezialist für nachhaltige Baumaterialien und Energiekonzepte hat seine Vorstellungen und Ideen eingebracht. In zahlreichen Besprechungen wurden Details erarbeitet. Das kompakte Planungsteam und die kurzen Wege zu den Auftraggebern haben es erlaubt, in vielen Bereichen das Machbare auszuloten. Die eine oder andere Grenze, die sonst durch Normendenken und Risikoabwägungen unsere Freiheit als Architekten einschränkt, konnte dann auch mal überschritten werden. 

Öffnungen bringen zusätzliches Tageslicht in die Nasszellen. (Foto: OLEX – Marc und Oliver Lins)
Der Sumpfkalkputz erhält durch den Zuschlag von schwarzem Marmor eine dunkle Färbung. (Foto: OLEX – Marc und Oliver Lins)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?


In der gesamten Konzeption des Hauses stand die Dauerhaftigkeit und damit Nachhaltigkeit der Materialien im Fokus. So kamen vorwiegend möglichst naturnahe Baustoffe wie Massivholz und Sumpfkalkputz zum Einsatz. Unbehandelter Beton trägt ebenfalls wesentlich zum Erscheinungsbild bei. Der Einsatz von Beton mag bei einem Projekt, das wie eingangs schon erwähnt besonders nachhaltig sein soll, zunächst verwundern, denn dass dieser Baustoff ökologisch eine Herausforderung ist, ist allgemein bekannt. Aber die Bauherrschaft hat sich zusammen mit dem Planungsteam zum Ziel gesetzt, die Menge im Rahmen eines Massivbaus zu minimieren: Obwohl das Haus im Rheintal steht, wo die Anforderungen in Sachen Erdbebensicherheit erhöht sind, gibt es keine einzige Stahlbetonwand. Aussen ist das Haus als monolithisches mineralisches Mauerwerk aus Dämmziegeln ausgeführt – auch unter dem Terrain. Auch bei den Innenwänden und den Mauern des Treppenhauses wurde auf Beton verzichtet. 

Das Haus versteht sich als Statement. Wir wollten zeigen, dass man mit planerischem und handwerklichem Können den Materialeinsatz reduzieren kann – so wie dies vor einigen Jahrzehnten noch üblich war, heute aber leider kaum noch geschieht. Aus diesem Ansatz entstand die raumprägende Kassettendecke mit einer Deckenstärke von lediglich acht Zentimetern in den Kassettenfeldern. Auch die Eichenstützen des auskragenden Volumens sind vor diesem Hintergrund zu lesen: Sie tragen die Lasten ab, welche sonst durch Wandscheiben materialtechnisch aufwendig übernommen werden müssten. Zusätzlich fügen diese Stützen eine raumbildende Komponente für die Terrasse zum Gartenhof hinzu.

Das Haus hat eine grosse Photovoltaikanlage auf dem Dach. Speziell ist der Stromverbund mit zwei weiteren Gebäuden, welche ebenfalls mit Photovoltaikanlagen ausgestattet sind. Herz des privaten Stromnetzes ist eine grosse Batterie. Hier wird überschüssiger Strom aus den drei Gebäuden gemeinsam gespeichert und bei Bedarf wieder an die Häuser abgegeben. Das Smart-Energy-Konzept zeigt beispielhaft, wie Energie-Cluster auch im Bau von Einfamilienhäusern verwirklicht werden können.

Detail des Kalkputzes mit eingelassener Tropfkante (Foto: OLEX – Marc und Oliver Lins)
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Neben der Form charakterisieren vor allem die Materialien das Haus Holdergasse – eine Trilogie von Sumpfkalkputzvarianten, Eichenholz und unbehandeltem Beton. Dabei wird die räumliche und materielle Qualität des Hauses konsequent bis ins Detail der handwerklichen Umsetzung fortgeschrieben. Aussen unterstützt das Zusammenspiel von verputzten Ziegelwänden und Fensterrahmen aus Eichenholz die abstrakte Plastizität der Architektur.

Schwarzplan
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss 1. Obergeschoss
Grundriss 2. Obergeschoss
Längsschnitt
Querschnitt
Bauwerk
Haus Holdergasse
 
Standort
Holdergasse 2a, 9490 Vaduz, Liechtenstein
 
Nutzung
Einfamilienhaus
 
Auftragsart
Privater Wettbewerb
 
Bauherrschaft
privat
 
Architektur
Baumschlager Eberle Architekten, Vaduz, und St. Gallen 
Michael Liebetrau, Christian Tabernigg und Ulli Grassmann
 
Fachplaner 
Bauingenieur: Frick&Gattinger AG, Vaduz
Lichtplanung: Spektrum, Vaduz
Planung HLS: FE-Partner AG, Vaduz
Konzept Smart Energy: FE-Partner AG auf Basis der Plattform CO4, Vaduz
Bauphysik und Nachhaltiges Bauen: Lenum AG, Vaduz
 
Bauleitung
Lenum AG, Vaduz
 
Jahr der Fertigstellung
2020
 
Energiestandard 
Smart-Energy-Konzept mit Batteriespeicher im Stromverbund mit zwei Nachbargebäuden
 
Massgeblich beteiligte Unternehmer 
Baumeisterarbeiten: Frickbau AG, Schaan, Liechtenstein
Putz innen und aussen: Gebrüder Beck AG, Triesenberg, Liechtenstein
Zimmerarbeiten und Treppe: Frommelt Zimmerei und Ing. Holzbau AG, Schaan
Fenster und Türen: Schreinerei Noldi Frommelt AG, Schaan
Schreinerarbeiten und Böden: Schreinerei Konrad Jürgen, Vaduz
Küche: mn küchen, Movanorm AG, Vaduz
HLS Installationen: Elmo AG, Vaduz
Elektroinstallationen: Ospelt Elektro-Telekom AG, Vaduz
 
Auszeichnung
Schweizer Preis für Putz und Farbe 2021: Gold in der Kategorie «Putzfassade und Farbgestaltung», Bronze in der Kategorie «Innenraumgestaltung»
 
Fotos
OLEX – Marc und Oliver Lins

Mit Friederike Kluge und Meik Rehrmann, Verena Konrad und Martin Haas diskutierten im Rahmen unserer D-A-CH-Gespräche ausgewiesene Expert*innen über eine menschen- und umweltfreundliche Baukultur.

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