Kunst und Wissenschaft als gleichberechtigte Dialogpartner

Susanna Koeberle
19. Oktober 2022
Die Villa Maraini steht auf einem Hügel, umgeben von einem weitläufigen Garten. Die leuchtenden Hände sind eine Neonarbeit von Mai-Thu Perret. (Foto: Ela Bialkowska, OKNO Studio)

Man käme beim Anblick der Villa Maraini in Rom kaum auf die Idee, dass dieses Haus auf einer früheren Müllhalde erbaut wurde. Dafür ist das Bauwerk, das auf dem zweithöchsten Hügel der Stadt thront, viel zu prächtig. Ebenso wenig würde man vermuten, dass dieses eklektische und auffällige Gebäude, von dem aus man eine wunderbare Sicht auf die Ewige Stadt hat, Sitz einer Schweizer Institution ist. Dafür ist es definitiv zu unhelvetisch. Doch beides ist korrekt. Dass dieser Ort etwas Besonderes ist, spürt man auch als Besucherin. Der Bau spannt gleichsam den Bogen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sowie zwischen Italien, der Schweiz und anderen Ländern.

1905 im Auftrag des Tessiner Unternehmers und Industriellen Emilio Maraini (1853–1916) erbaut, kam die Villa 1947 über dessen Witwe Carolina Maraini-Sommaruga (1869–1959) in den Besitz der Eidgenossenschaft – mit der Auflage, weiterhin als Ort der Begegnung und der Kunst zu dienen. Die grosszügige Residenz war von Anfang an als solcher gedacht: Das kinderlose Paar empfing in seinem Haus Kunstschaffende aus der Schweiz und förderte damit die Kultur seines Heimatlandes. Otto Maraini, der Architekt des Baus, war der Bruder des Bauherrn, eine Vertrauensperson also, mit der die beiden Auftraggeber einen engen Ideenaustausch pflegten. Für die Ausführung wurden die besten Handwerker der Stadt gerufen. Grandezza und Grosszügigkeit charakterisieren den Ort bis heute; diese Offenheit schlägt sich auch in der Nutzung als Sitz des Istituto Svizzero von Rom nieder, das sowohl Resident*innen beherbergt als auch ein breites öffentliches Programm mit Ausstellungen und Anlässen anbietet.

Die Westschweizerin Joëlle Comé leitet das Istituto seit 2016. (Foto: Simon Habegger)

Die heutige Direktorin Joëlle Comé hat ein breites Verständnis von Kultur und betont dementsprechend auch die transdiziplinäre Ausrichtung des Instituts. Sie legt zudem Wert darauf, dass der fächerübergreifende Austausch unter den Resident*innen über mehrere Generationen stattfindet. Seit einigen Jahren gibt es die Möglichkeit von «Senior Fellowships». Auf diese Weise kommen jüngere Forschende und Kunstschaffende mit erfahrenen Kolleg*innen zusammen. Auch die «Summer School», die jeweils in den Sommermonaten in Zusammenarbeit mit Schweizer Hochschulen stattfindet, fördert den Dialog über die Grenzen der Disziplinen hinweg.

Neben Rom und Milano ist Palermo die dritte Säule im Netzwerk des Istituto, eine Stadt, welche die Begegnung verschiedener Kulturen widerspiegelt – gerade auch was die Schweiz betrifft, denkt man an die vielen Zuckerbäcker*innen, die einst den Weg in den Süden antraten. So führt jeweils die erste Forschungsreise, welche die Resident*innen zu Beginn ihres Aufenthaltes unternehmen, in die Hauptstadt Siziliens. Hier manifestiere sich die Vielschichtigkeit der mediterranen Kultur besonders ausgeprägt, findet Comé. Sie selber ist weit herumgekommen im Laufe ihrer Karriere, nicht nur geografisch. Nach ihrer Ausbildung im Bereich Theater- und Filmwissenschaften arbeitete sie fast zehn Jahre lang für das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK). Danach war sie an der Ecole Cantonale d’Art de Lausanne (ECAL) tätig. Gerade ihre Auslanderfahrung in Krisengebieten habe ihr die Augen geöffnet für vieles, sagt sie im Gespräch, etwa für die privilegierte Situation der Schweiz. Ihre vielseitigen Erfahrungen würden ihr auch helfen, die Füsse auf dem Boden zu behalten.

Gerade angesichts der heutigen Weltlage bildet eine solche Bodenhaftung, die zugleich mit Offenheit und Neugierde einhergeht, ein solides Fundament für die Aktivitäten des Instituts. Die Residenzen sollen einen Dialog mit der Welt ermöglichen, findet die Westschweizerin. Rom bietet in dieser Hinsicht viel. Als Stadt mit einer langen Geschichte, die zudem Sitz vieler internationaler Organisationen ist, treten dort Schichten und Geschichten in einen Dialog – ohne dass man sich besonders darum kümmern muss. Diese Überlagerungen gehören wesentlich zur Identität der Ewigen Stadt. Sie schaffen einen fruchtbaren Humus für Recherchen, die den Blick weiten. Und dies habe im Idealfall auch einen Einfluss auf den weiteren Werdegang und die Karriere der Resident*innen, so Comé. Diese jungen Menschen können die Welt verändern. Comé betrachtet es als Privileg, sie am Istituto Svizzero zusammenzubringen. 

Die Arbeit «Not In Use (microfon stand 1–5)» von Nina Emge entstand letztes Jahr für die Ausstellung «Do you hear us?». (Foto: Ela Bialkowska, OKNO Studio)

Beim Besuch des weitläufigen Gartens mit seinen prächtigen Bäumen und der schönen Aussicht auf die Stadt meint man in eine andere Welt einzutauchen und ist zunächst einfach nur baff ob der Schönheit dieses «Fleckchens» Erde. Aber für Comé ist Rom mehr als «nur» schön und auch der Kultur kommt in ihren Augen nicht einfach eine Zuckergussrolle zu. Sie versteht Wissenschaft und Kultur als Spiegel der Gesellschaft, als Orte der Reflexion und der Aktion – ein politisches Verständnis also auch. Zu dieser umfassenden Rolle trage insbesondere der disziplinenübergreifende intellektuelle Austausch bei. Die Architektur hat dabei eine besondere Stellung, da sie am Istituto die einzige Disziplin ist, für die man sich sowohl als Wissenschaftler*in als auch als Künstler*in bewerben kann. In Rom komme auch paradigmatisch der Gedanke eines permanenten Recyclings von Architektur zutage, sagt die charismatische Direktorin. Diese Bandbreite widerspiegelt sich auch in der Diversität der Recherchethemen. Heutzutage interessieren sich auch viele Künstler*innen für architektonische Fragen, stellt Comé fest. Gerade die Pandemie hat gezeigt, wie stark die Themen öffentlicher und privater Raum ineinandergreifen.

Derlei aktuelle Fragestellungen nimmt auch die Kuratorin Gioia Dal Molin auf, die am Istituto für den Bereich Kunst zuständig ist. Im Herbst 2021 zeigte sie etwa die Gruppenausstellung «Do you hear us?», die der Rolle des Klangs im städtischen Raum nachging. Für die beiden jährlich in der Villa Maraini stattfindenden Ausstellungen schaffen die geladenen Künstler*innen auch Arbeiten, die eigens für deren Räume konzipiert werden. Die diesjährige Herbstausstellung eröffnet Ende Oktober und fokussiert auf das Wirken der Schweizer Künstlerin Meret Oppenheim. Dabei interessierte sich Dal Molin vor allem für die Rezeption der Pionierin bei der jüngeren Generation von Kunstschaffenden. Für sie steht Diversität im Vordergrund ihrer Tätigkeit als Kuratorin für das Institut; die Schweiz versteht sie als ein vielschichtiges Territorium, dessen postmigrantische Identität sie auch nach aussen tragen möchte, wie sie im Gespräch sagt.

Ausstellungsansicht der Schau «Do you hear us?»; von links nach rechts: das Video «Silent» (2016) von Pauline Boudry und Renate Lorenz, «schweigende schwester» (1980) von Miriam Cahn sowie «Breakneck» (2021) von Dorian Sari (Foto: Ela Bialkowska, OKNO Studio)

Das römische Publikum ist äusserst neugierig und besucht neben den für die Öffentlichkeit zugänglichen Ausstellungen gerne auch die öffentlichen Anlässe, die im Sommer auch im Park stattfinden. Das wissenschaftliche Programm wird seit September 2021 von der Historikerin Dr. Maria Böhmer kuratiert. Es entsteht in Zusammenarbeit mit Universitäten und Fachhochschulen in der Schweiz und in Italien. Zu den Themen, mit denen sich das Istituto dieses Jahr befasst, gehört die Problematik des Massentourismus. In der Serie «Dispute» machen sich am 10. und 11. November verschiedene Spezialist*innen unter dem Motto «Overbooking: Rethinking sustainable tourism in the 21st Century» Gedanken über Lösungen für einen nachhaltigeren Tourismus. Die Konferenz kann auch online mitverfolgt werden. Frühere Ausgaben widmeten sich Fragen der Migration, der Demokratie, dem humanitären Recht oder der Zukunft der Arbeit. Die Vielfalt und Aktualität dieser Themenfelder reflektiert die Haltung des Instituts, das sich auch als Katalysator sieht. Kultur und Wissenschaft als immaterielle Werte sind für Joëlle Comé Hoffnungsträger, die uns täglich vor die Frage stellen würden, was eigentliche zähle, sagt sie. Zugleich seien sie auch Mahner, die uns helfen würden, die Komplexität der Welt einzuordnen. Obschon – oder gerade weil – Orte wie das Istituto Svizzero als geschützte und privilegierte Oasen abseits des Getriebes stehen, kann der dort gepflegte Austausch in die Welt hinaus wirken.

Die Skulptur «Like antibodies» (2021) von Nastasia Meyrat in der Schau «Do you hear us?» (Foto: Ela Bialkowska, OKNO Studio)

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