6. Februar 2020
Foto © Claudio von Planta für Muzeum Susch / Art Stations Foundation CH

Chasper Schmidlin und Lukas Voellmy haben mit dem Muzeum Susch unsere Leserwahl zum «Bau des Jahres 2019» gewonnen. Was zeichnet den Umbau und die Erweiterung dreier historischer Häuser in dem Unterengadiner Dorf aus?

Als Wintersport-Destination ist das Engadin weithin bekannt. Doch seit langem ist das Bündner Hochtal auch ein Ort der Kunst. Veranstaltungsformate wie die Engadin Art Talks sind international bedeutsam. Vielen ein Begriff sind gewiss auch die Familie Giacometti, die Schriftsteller Cla Biert (1920–1981) und Romana Ganzoni oder die Lyrikerin Leta Semadeni. Architekt*innen kommen sicherlich Namen in den Sinn wie Nicolaus Hartmann (1988–1956), Hans-Jörg Ruch oder Duri Vital. Und auch internationale Platzhirsche wie Lord Norman Foster planen Projekte in der Region. Zahlreiche Museen und Kunsträume reihen sich zudem entlang des Oberlaufs des Inn. Das neuste steht in Susch, am 2. Januar 2019 feierte es Eröffnung. Gestaltet haben es Chasper Schmidlin (Schmidlin Architekten) und Lukas Voellmy (LUVO Architekten). Im Auftrag der polnischen Kunstsammlerin und Engadin-Liebhaberin Grażyna Kulczyk bauten sie drei historische Häuser – sie gehörten einst zu einem Kloster aus dem 12. beziehungsweise einer Brauerei aus dem 19. Jahrhundert – um und renoviert sie sorgfältig. 

Foto: Conradin Frei
Foto: Conradin Frei
Foto: Conradin Frei
Foto: Conradin Frei

Kommt man nach Susch, fällt das Ensemble zunächst wenig auf. Von aussen sind die Gebäude vergleichsweise unspektakulär, ihre weiss gekalkten Fassaden und hölzernen Dachstühle wurden nicht verändert. Drinnen hingegen haben die Architekten nicht nur bewahrt, sondern – stets in enger Absprache mit der Denkmalpflege – viel Neues hinzugefügt. Auch wurde die Anlage beträchtlich erweitert: 900 Tonnen Gestein schaffte man fort und trieb neue Räume in den Fels. Der Lohn: grosser atmosphärischer Reichtum. Die Museumsräume reichen vom White Cube mit Klimatisierung und gleichmässiger Beleuchtung bis zum ausgebauten Stollen aus dem 14. Jahrhundert und einer feuchten Grotte. Mit Fingerspitzengefühl und einem guten Gespür für Atmosphären haben die Architekten zeitgemässe Eingriffe mit Wertschätzung für den historischen Bestand und regionale Bautradition verbunden. 

Foto: Conradin Frei
Foto: Conradin Frei
Foto: Conradin Frei

Damit es nicht beim reinen Museumsbetrieb bleibt, gibt es Räumlichkeiten, die Künstler*innen für begrenzte Zeit beziehen können – nachdem sie sich vorher erfolgreich beworben haben. Zudem befinden sich im Haus am Fluss neben der Dorfkirche neu ein Veranstaltungssaal und ein Bistro, dazu eine Bibliothek und Büros. Das Muzeum Susch bietet sehr viel, das künftig noch mehr Kunstinteressierte in die Region locken könnte. Und dem bedarf es auch, steckt doch die einst so erfolgreiche Tourismusbranche im Tal wie im ganzen Kanton tief in der Misere. Seit dem Rekordjahr 2008 sind die Übernachtungszahlen deutlich zurückgegangen. Statt immer neuer Bespassungsangebote wie Seilgärten, spektakulären Aussichtsplattformen, langen Hängebrücken und Liftanlagen, die teuer sind und die Natur in Mitleidenschaft ziehen, könnten Kunst und Architektur ein nachhaltiger Ausweg sein.

Zukunftsaufgabe

Wie schon voriges Jahr wurde mit dem Muzeum Susch ein Umbau zum «Bau des Jahres» gewählt. Beide Projekte sind präzise und liebevoll ausgearbeitet, auch wenn Andreas Pizza bei der Umgestaltung eines 300-jährigen Bauernhauses in einem anderen Massstab und mit anderen Rahmenbedingungen arbeitete. Alte Bauten fit für die Zukunft zu machen, hat hierzulande weiter Konjunktur. Und Schweizer Architekt*innen beweisen dabei fortgesetzt ein besonders feines Gespür für die richtige Balance zwischen kraftvollen Interventionen und Rücksichtnahme auf den Bestand. Auch traditionelle Handwerkstechniken und regionale Wertschöpfung sind aktuell wie nie: Beim Muzeum Susch verbauten Handwerker aus der Gegend regionale Materialien. Das Holz stammt aus Engadiner Wäldern, der Sand im Putz aus dem jungen Inn; bei den Arbeiten abgetragenes Gestein wurde dem Beton zugeschlagen. Auf der Baustelle waren Zimmerleute, Schreiner und Schlosser aus der Region am Werk.

Situationsplan
Grundriss Untergeschoss
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss Obergeschoss
Querschnitt
Längsschnitt
Gelungene Verdichtung

Auf Rang zwei haben Sie zwei Wohn- und Gewerbehäuser von Züst Gübeli Gambetti im ehemaligen Surber-Areal in Zürich gewählt. Zunächst mag das überraschen, denn viele Kritiker störten sich bisher an den Gebäuden, die eine Lücke im Blockrand füllen: Manche nannten ihre Architektur rückwärtsgewandt, anderen war die Farbgestaltung von Thomas Rutherfoord zu laut. Doch vor Ort zeigen sich die Stärken der Anlage rasch: Auf der Gasse, die zwischen die Häuser geschoben ist, tummeln sich viele Bewohner*innen und Passant*innen, die Aufenthaltsqualität ist hoch. Das Projekt ist ein interessantes und in der Tradition der europäischen Stadt verwurzeltes Beispiel zum Thema Nachverdichtung. 

Foto: Roger Frei
Foto: Damian Poffet
Im Pinienwald

Auf Rang drei schliesslich folgen MET Architects aus Basel. Schon im letzten Jahr war das Team erfolgreich: Mit dem Umbau der Schule St. Johann in Basel belegte es Rang zwei. Diesmal überzeugten die Architekten mit einem Wochenendhaus in Deir El Harf im Libanon. Es steht auf einem pittoresken, mit schönen Pinien bewachsenen Grundstück, das an der Westflanke des Libanongebirges liegt. Die Wohn- und Schlafräume sind um zwei Kerne angeordnet, die im Wesentlichen Bad und Küche aufnehmen. Die Fassade rundherum ist verglast, sodass die Grenze zwischen Wohn- und Aussenraum verschwimmt – keine neue Idee zwar, doch sehr eindrücklich.

Wir gratulieren Chasper Schmidlin und Lukas Voellmy sowie allen Nachplatzierten herzlich. Ein grosses Dankeschön geht an Sie, für Ihre Wahlbeteiligung auf Rekordniveau. Die Abstimmung blieb bis zum Ende spannend und ein Kopf-an-Kopf-Rennen. 

Sie möchten bereits Kandidaten für den «Bau des Jahres 2020» ins Rennen schicken? Dann schlagen Sie uns diese als «Bau der Woche» vor. Nach der Publikation in unserem eMagazin stehen sie im Januar 2021 zur Wahl.

Foto: Ieva Saudargaité
Foto: Ieva Saudargaité

In Österreich setzte sich an der Wahl zum «Bau des Jahres» die Wohnüberbauung «Schöne Aussichten» durch. Gestaltet hat die Anlage in Wien das Büro ASAP Hoog Pitro Sammer.

Unsere Leser*innen in Deutschland wählten die adidas World of Sports ARENA im bayerischen Herzogenaurach von Behnisch Architekten zum Sieger.

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