BIM ist Realität und kein Heilsversprechen

 Jenny Keller
6. Juni 2018
Grafik: SIA
Im Hinblick auf die Tagung «BIM im Praxis-Check», die der SIA veranstaltet, haben wir mit David Leuthold gesprochen. Der Partner bei pool Architekten ist im Ausschuss der SIA-Berufsgruppe Architektur und steht BIM «kritisch konstruktiv» gegenüber, wie er sagt.
Noch immer ranken sich Mysterien um die drei Buchstaben BIM. Was ist «Building Information Modelling»? Und was nicht?
BIM ist Realität und wird auf uns zukommen, ob man will oder nicht. Wir werden unsere Planungsprozesse überdenken und anpassen müssen. Man darf aber nicht an BIM als ein Heilsversprechen glauben, das alles verbessert, was heute nicht gut funktioniert.
 
Architekturproduktion ist nach wie vor im Wesentlichen eine gedankliche Arbeit, bei der wir uns die Frage stellen müssen, mit welchen Mitteln wir am besten zum Ziel kommen, seien das Skizzen, Zeichnungen, Modelle oder eben digitale Modelle. BIM ist ein weiteres Werkzeug, das uns zur Verfügung steht. In unserem Büro sind wir daran, es in unsere Arbeitsprozesse zu integrieren.
 
Bedeutet BIM, dass man zusammen in der Cloud entwirft, statt jeder alleine an seinem Computer?
Ob es das Entwerfen dahingehend verändert, kann ich im Moment nicht sagen. Für uns ist es ein Arbeitsinstrument, um zu koordinieren und zu kommunizieren, weniger um zu entwickeln.
 
Der SIA sagt, dass er die Rahmenbedingungen mit seinem Merkblatt «SIA 2051 BIM» nun geregelt habe. Was sind das für Rahmenbedingungen und weshalb muss man die regeln?
Grundsätzlich gibt es in der ganzen Unsicherheit nun etwas, an das man sich halten kann. Im Merkblatt steht beispielsweise, dass es eine Honorierung braucht für die Arbeiten mit BIM. Aber nicht in welcher Höhe. Es ist vermerkt, dass BIM-Leistungen, die Dritte anfordern, nicht in der Grundleistung enthalten sind. Wir Architekten müssen schauen, dass wir nicht mehr liefern bei gleichem Honorar. Aber auch die Fragen von Recht und Verantwortlichkeiten werden geregelt: Wem gehört ein solches Modell, wer hat welche Pflichten und Rechte? Welche Haftungsfragen bestehen und wie steht es um die Urheberrechte?
 
Das sind nun eher «hard facts», gibt es auch einen philosophischen Unter- oder Überbau in diesem Merkblatt?
Die Philosophie lautet wohl: Wende BIM dort an, wo es Sinn macht und lasse es dort bleiben, wo es nicht gebraucht wird. Kein BIM geht aber definitiv nicht mehr.
 
Wirklich? Wie und wann wird denn ein solches Modell gebraucht?
Wir arbeiten schon seit Jahren mit verknüpften Raumstempeln, was auch ein Teil von BIM ist. Wir erstellen beispielsweise verknüpfte Tür-Listen, in denen die Eigenschaften aller Türen eines Projekts abgelegt sind. Das machen wir übrigens seit 10 Jahren. Und eigentlich handelt es sich dabei konkret um eine gute Excel-Tabelle, die mit einer anderen guten Excel-Tabelle verknüpft ist. Nun stellt sich die Frage, wie tief man in der 3-D-Darstellung gehen soll und muss. Dabei geht es immer auch um die Komplexität eines Projekts.
 
Was muss ich nun tun als Architekturbüro im Hinsicht auf BIM? Brauche ich neue Mitarbeitende? Muss ich mich weiterbilden? Brauche ich neue Computerprogramme?
Ja, genau das alles. Aber man kann nicht jemanden, der nicht affin ist für dieses Thema, dazu zwingen. Gleichzeitig ist aber auch klar, dass es irgendwann jeder können muss. Wir schicken Leute an Weiterbildungen und befördern sie zu BIM-Managern. Ich bin davon überzeugt, dass die Architekten die Steuerungsfäden im Griff haben müssen, um zu entscheiden wie die Prozesse laufen und was auf BIM-Ebene geschieht. 
 
BIM im Wettbewerb, ist das sinnvoll oder nicht?
Ein Wettbewerb wird in den wenigsten Fällen aufgrund eines guten BIM-Modells entschieden. Es ist einfacher, ein BIM-Modell über ein gutes Projekt zu stülpen als aus einem guten BIM-Modell gute Architektur zu machen. Das ist wohl eindeutig.
 
Von wem kann man lernen?
Das Faciliy-Management ist ein treibender Akteur. Dort will man ganz früh im Prozess wissen, welche Massnahmen für den Unterhalt eines Gebäudes notwendig sind, damit die Life-Cycle-Kosten berechnet werden können. Das muss aber phasengerecht abstrahiert werden.
 
Viel interessanter sind Unternehmer wie Holzbau-Firmen, die darin federführend sind: Der Architekt entwirft ein Projekt, der Holzbauingenieur dimensioniert und detailliert es nach diesen Ideen und gibt es dann weiter an den Holzbauunternehmer, der mit demselben Modell dann produziert. Wenn das eine Kette gibt, ist das sinnvoll. Neben allen Vorteilen birgt dies aber auch Risiken: Wir verlieren zum Beispiel die Hoheit über das Modell.
 
Wie stehen Sie also zu BIM?
Ich bin kritisch konstruktiv. BIM bietet Chancen, die wir nutzen wollen und müssen, aber man muss nicht blindlings glauben, BIM sei die grosse Rettung. Seit fünf Jahren hat das Kind nun einen Namen, aber gemacht wird es eigentlich seit zehn oder zwanzig Jahren.

Tagung: «BIM im Praxis-Check
Datum: 14. Juni 2018
Ort: Brugg, Fachhochschule Nordwestschweiz Campus Brugg-Windisch,
Gebäude 3, Haller-Pavillon, Klosterzelgstrasse 2, Windisch, Raum Aula (3.-111)
Kosten: Mitglieder SIA, Bauen digital Schweiz und SWKI CHF 300 inkl. MWST
Nicht-Mitglieder CHF 500 inkl. MWST
Weitere Informationen und Anmeldung: www.sia.ch

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