Fiberglas-Revival

 Jenny Keller
16. November 2018
Aus dem Film «Kaleidoscope Jazz Chair» (1960): Charles und Ray Eames auf ihren Fiberglas-Stühlen. Bild: © Eames Office LLC
Seit den 1950er-Jahren beliebt: Der Eames Chair von Vitra. Vor dem Oktober dieses Jahres gab es die Modelle aus Fiberglas nur «vintage». Das ist nun Geschichte.
Der Eames Side Chair von Vitra gehört zum guten Ton – er fehlt in keiner Arztpraxis und an keinem Esstisch. Er ist in Renderings so omnipräsent wie im helvetischen Heim designbewusster Menschen. Es gibt aber Unterschiede, und die manifestieren sich im Material: Wer etwas von der Geschichte des Stuhls von Charles und Ray Eames versteht, hat einen aus Fiberglas, wer einfach auf den Trendzug aufgesprungen ist, hat den aus Polypropylen. Letzterer wirkt etwas abweisend, weniger lebendig, ihm fehlt die Patina – die Fiberglas-Stühle waren (bis vor kurzem) «vintage» – und das Bewegte des mit Fiberglas verstärkten Polyesters. 

​Herman Miller präsentierte 1950 die ersten in Serie produzierten Armchairs in Fiberglas. Vitra produzierte die Fiberglass Chairs ab 1957 für Europa und den Mittleren Osten. Ursprünglich als erschwingliche Massenprodukte gedacht und als solche in Wohnungen und Privathäusern, Büros und Konferenzräumen, Kantinen, Hörsälen und Stadien etabliert, wurden die Stühle aus Fiberglas über die Jahre von technischen Fortschritten und billigeren Materialien überholt. Deshalb stellte Vitra die Produktion der Fiberglasschalen zu Beginn der 1990er-Jahre ein, um rund zehn Jahre später die Fertigung des Eames Chair wiederaufzunehmen – nun mit Sitzschalen in günstigeren und offenbar ökologischeren Polypropylen. Das Geschäft um die gebrauchten Originale begann zu boomen.
Neuer alter Eames Side Chair aus Fiberglas. Bild: Vitra
Nun wird die Unterscheidung zwischen Kenner und Laien wieder schwieriger, denn Vitra hat seit Oktober den Bestseller wieder in Fiberglas im Sortiment. Ein neues Herstellungsverfahren mache das möglich, erfährt man vom Hersteller. Die neuen Fiberglas-Schalen gibt es in sechs der frühen originalen, abgetönten Farben – inklusive des etwas schwierigen Oranges – mit unterschiedlichen Untergestellen. Preislich hat das neue alte Material beim Käufer einen Nachteil: Ein side chair aus Polypropylen mit Untergestell aus Ahorn kostet 425 Franken während das Pendant in Fiberglas 765 Franken kostet – und etwas teurer ist als ein Angebot online, wo ein Set mit vier gebrauchten Stühlen 2'727 Franken kostet. Dem Designkonzept der Eames «the best, for the most, for the least» wird also nicht ganz gerecht. Aber: Neben den Eames Fiberglass Chairs sind die Eames Plastic Chairs mit Polypropylen-Schalen weiterhin erhältlich. 

Mehr zur Geschichte des Stuhls gibt es bei Vitra.

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