Wohninseln

Susanna Koeberle
7. April 2020
Eine Insel zum Arbeiten oder Entspannen. (Foto: Andreas Graber Photography)

Der Architekt Joseph Smolenicky gestaltet Möbelobjekte, die als Raum im Raum funktionieren. Er nennt diese Entwürfe «United Objects». 

Ein Möbel und ein Haus zu entwerfen, sind nicht zwei grundverschiedene Tätigkeiten. Zwischen Architektur und Design besteht eine Verwandtschaft. Und weil der Trend zu weniger Wohnraum mittlerweile auch bei uns Realität ist, könnte man Wohnungen als grosse Möbel und Möbel als kleine Wohnräume verstehen. Der Architekt Joseph Smolenicky hatte schon immer ein Faible für Innenräume und sieht in der «Hyperspezialisierung» der heutigen Architektengeneration auch eine Schwachstelle, wie er bei unserem Besuch in seinem Atelier sagt. Das Thema Design und Innenarchitektur spielte schon bei seinem ersten Entwurf eine wichtige Rolle: Der Coiffeursalon «Zelo» lebt durch das Element Farbe als Gestaltungsmittel. Auch so kann eine besondere Raumwirkung entstehen. Gerade in der Schweiz ist das Verwenden von Farbe in der Architektur bis heute eine Seltenheit. 

Der Sessel von der Seite (Foto: Andreas Graber Photography)

Das Interesse für Design blieb, auch wenn dem vielbeschäftigten Architekten die Zeit fehlte, sich eingehender damit zu befassen. Mit seinem Projekt «United Objects» schlägt Smolenicky ein neues Kapitel in seiner beruflichen Karriere auf. Er begann, am Computer architektonische Möbelobjekte zu entwerfen, es folgten 3D-Modelle. Schliesslich liess er zwei Sesselvariationen von einem Schreiner umsetzen. Die Entwürfe von «United Objects» orientieren sich nicht primär an Funktionalität. Sie vereinen unterschiedliche Funktionen und Form zu einer visuellen Botschaft, zu einem ästhetischen Erlebnis. «Wir brauchen Faszination», sagt der Architekt. Inspiriert war er durch ein Renaissance-Bild, auf dem ein Gelehrter auf einer hölzernen, podestartigen  Miniarchitektur zu sehen ist. So könnten auch Wohnungen der Zukunft aussehen, glaubt Smolenicky. 

Das Objekt aus gebogenem Sperrholz wurde sieben Mal lackiert. (Foto: Andreas Graber Photography)

Für seine Möbelskulpturen war die Ästhetik von Booten prägend. Auch dort spielt Raumökonomie eine wichtige Rolle. Das rötlich lackierte, gebogene Holz erinnert an Kojen. Den Rundungen des Sessels «AA1» kann das Auge wie in einer Endlosschlaufe folgen, betont wird diese fliessende Dynamik durch eine weiss lackierte Kante. Von der Seite betrachtet hat das Objekt eine stark skulpturale Ausstrahlung; diese Wirkung wird zusätzlich durch den Sockel aus Marmor betont. Auch das Modell «United Objects III» ist leicht erhöht. Wer auf der weissen Lederpolsterung Platz nimmt, fühlt sich wie auf einer Insel. Eine integrierte Leuchte sowie eine kleine Ablage laden zum entspannten Arbeiten ein – oder zum Ausspannen mit Drink oder Kaffee. Beide Stücke wurden von der Schreinerei Baltensperger Raumgestaltung in aufwendiger Handarbeit gefertigt. Die passgenaue Ausführung ist gerade bei einem solchen Objekt zentral für die Wirkung. Das Entwerfen von Design bedeutet für Smolenicky eine gestalterische Freiheit und Offenheit, die in der Architektur nicht immer realisierbar ist. Diese Offenheit ist auch den Objekten eigen, die Assoziationen als Betrachter*in sind jedenfalls mannigfaltig. Ihr hybrider Charakter entspricht der Komplexität unserer Lebenswelt.

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