Der Geist des Staatsarchivs

Susanna Koeberle
15. Januar 2020
Die Arbeit «Le Ghost» von Tobias Rehberger stellt Fragen. (Foto: Andrea Helbling, arazebra, courtesy Kunstsammlung Kanton Zürich)

Der Konzeptkünstler Tobias Rehberger hat im Staatsarchiv des Kantons Zürich eine bunte Deckeninstallation realisiert, die Bezug nimmt auf die zwei bereits bestehenden Kunst-am-Bau-Arbeiten am Ort. Damit erhält auch der Erweiterungsbau 3 «seine» Kunst.

Kunst am Bau hat im Kanton Zürich Tradition. Rund 500 (!) Kunstwerke wurden bereits realisiert. Und jedes Jahr werden drei bis vier neue Arbeiten in Auftrag gegeben, die eigens für ein bestimmtes Bauwerk geschaffen werden und damit konkret auf die gebaute Umgebung oder einen Bau reagieren. Der Dialog zwischen Kunst und Architektur schafft einen Mehrwert, der zur Identität eines Ortes beiträgt. Das ist auch bei der Ende 2019 eingeweihten Arbeit des Künstlers Tobias Rehberger der Fall. Die farbenfrohe Deckeninstallation setzt sich ab von der gradlinigen Architektur (architektik) und wird quasi zum pulsierenden Herz des Baus. 

Das Kunstwerk des Konzeptkünstlers besteht aus 111 mundgeblasenen Glaslampen, durch die das Licht in unregelmässigen Abständen wellenartig verläuft. Die verschiedenfarbigen (26 Farbtöne) Glasobjekte werden wie von Geisterhand «belebt», Rehberger spricht in diesem Zusammenhang von einem «leuchtenden Geist, der lautlos durch die Installation schwebt». Dieser performative Gestus ist eines der Merkmale, das dieses mehrteilige «Objekt» abgrenzt von einer «normalen» Leuchte. Rehberger sucht diese Gratwanderung zwischen Design und Kunst allerdings bewusst. Für ihn gilt die gängige Definition, dass Kunst im Gegensatz zu Design eben «nutzlos» sei, gerade nicht. «Kunst hat immer eine Funktion», findet der Künstler. Auch wenn diese darin bestehe, ein «Glücklichmacher hinter dem Sofa zu sein», wie Sabine Schaschl (Direktorin des Museums Haus Konstruktiv) an der Einweihung den (anwesenden) Künstler zitierte.

Wessen Geist geht um? (Foto: Andrea Helbling, arazebra, courtesy Kunstsammlung Kanton Zürich)

Mit seinen an Design angelehnten Arbeiten richtet Rehberger das Augenmerk auf das Machen, auf den Herstellungsprozess selber und schafft damit paradoxerweise wieder eine Brücke zwischen den wesensverwandten Disziplinen. Jedes Objekt wird einmal gefertigt, egal ob dies in der Fabrik geschieht oder in mühseliger Handarbeit. Vielleicht kann auch die chromatische Bezugnahme auf die beiden bereits bestehenden Arbeiten von Richard Paul Lohse («Farbkomplementäre Reihe», 1982) und Katharina Grosse  (die Wandmalerei «Ohne Titel», 2006) als augenzwinkernde Bemerkung zu Fragen des Stils verstanden werden (Stichwort Bild, das zum Sofa passen sollte ...). Rehberger will verunsichern, ihn interessiert nicht die eindeutige Unterscheidung zwischen Kunst und Design, sondern die Frage der Verschiebung. Und das wiederum ist die Aufgabe von Kunst.

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