Abtauchen mit den Giedions

Manuel Pestalozzi
14. März 2019
Buchcover mit 1979 postum fotografiertem Arbeitszimmer im Doldertal. Foto: O. Brunner

Die Welt von Sigfried Giedion (1888–1968) und Carola Giedion-Welcker (1893–1979) mag aus heutiger Sicht zwar eine versunkene sein, aber ein umfangreiches Buch macht jetzt ein Ab- und Eintauchen in sie möglich. Es lohnt sich.

Sigfried Giedion, Maschinenbau-Ingenieur und Kunsthistoriker, ist Architekt*innen primär bekannt als Autor von «Space, Time and Architecture» (zu Deutsch: «Raum, Zeit, Architektur»). Er betrieb in dem über lange Zeit als Standardwerk geltenden Buch eine Art «anwaltschaftliche Geschichtsschreibung», in der er beherzt für die Architektur der Moderne eintrat. Er bettete sie gewissermassen als logisches historisches Ereignis in die Entwicklung der Kunst und der Zivilisation ganz allgemein ein. 1919 heiratete er seine Studienkollegin, die Kunsthistorikerin Carola Welcker. 1925 gründete das Paar einen Haushalt in Sigfried Giedions Elternhaus im Doldertal in Zürich. Bis zu ihrem Tod diente die neoklassizistische Villa trotz häufiger und ausgedehnter Reisetätigkeit der Giedions als ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt für die internationale Architektur- und Kunstszene.

Die umtriebigen Eheleute publizierten über die Jahrzehnte diverse Bücher und zahlreiche Artikel. Verfügbar ist auch eine «intellektuelle Biographie» von Sigfried Giedion, verfasst von Sokratis Georgiadis und erschienen in den späten 1980er-Jahren im Verlag des Institut für Geschichte und Theorie der Architektur der ETH Zürich (Institut gta). Das nun vorliegende Werk aber ist nicht «mehr vom gleichen». Es schlägt in seiner Machart einen neuen Weg ein – salopp gesagt bietet es im Format 220 x 330 mm auf 420 Seiten mit zahlreichen Fotos eine anmutig und anregend arrangierte Homestory aus dem Doldertal. «Die Welt der Giedions» lautet der Titel – und das ist alles andere als ein leeres Versprechen.

Sigfried Giedion und Carola Giedion-Welcker in den 1930er-Jahren unterwegs in den Bergen. Fotograf unbekannt. Bild: gta Archiv / ETH Zürich
Schatztruhe

Auf den ersten Blick ist das Buch ohne Autor*in. Die je nach Kapitel mit unterschiedlichen Farben hinterlegten Seiten zeigen Originalschriftstücke, insbesondere Korrespondenzen, Kunstwerke aus der Sammlung des Paars und in Grossdruck wiedergegebene Briefausschnitte. Ausserdem sind viele Schnappschüsse, die von einem extensiven Namedropping begleitet werden, zu sehen. So mancher von Rang und Namen aus der Szene von damals ist auf Besichtigungstouren, beim Essen, Feiern, Ausruhen, aber auch bei Spiel und Sport zu bewundern. Licht, Luft und Sonne – das war nicht nur ein Slogan, den Siegfried Giedion in seinem pamphletartigen Werk «Befreites Wohnen» weltberühmt machte, sondern das Paar und seine Freund*innen lebten den neuen, modernen Lebensstil auch – und leben ihn auf diesen Seiten nochmals vor.

Wer aus diesem Buch zu uns spricht, sind somit nicht Interpret*innen des Vermächtnisses des Paars, sondern die Giedions selbst. Sie haben durch einen umfangreichen Nachlass dafür gesorgt, dass dies überhaupt möglich wird. Verwahrt ist er heute im Institut gta, im Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft SIK-ISEA, im Romanischen Seminar der Universität Zürich und bei der James Joyce- Stiftung in der Limmatstadt. Rund 16‘000 Briefe, 10‘000 Fotos und Negative, umfangreiche Notizen und Arbeitsmaterialien sowie eine grosse Bibliothek stehen der Forschung zur Verfügung. Die diskret agierenden Heinzelweibchen und -männchen, welche «Die Welt der Giedions» kompilierten, konnten also aus dem Vollen schöpfen. Die Fundstücke begeisterten das Gestaltungsteam zu einer ästhetischen Höchstleistung. Zu gerne würde man wissen, was die auch an der Grafikkunst interessierten Giedions von diesem Druckerzeugnis halten würden.

Das Leben in Etappen

Das Buch ist sorgfältig chronologisch und in Abschnitte gegliedert. Es startet mit der Münchner Bohème 1918, führt auf die Belle-Île in der Bretagne, zu «privaten Rückzugsorten», in Richtung «Mobiles Büro Ascona», nach Massachusetts und immer wieder ins Doldertal, das einerseits als Experimentierfeld (und als Bauplatz der beiden Mehrfamilienhäuser von Alfred und Emil Roth sowie Marcel Breuer), andererseits als Mittelpunkt der Forschungs- und Förderungstätigkeit in Erscheinung tritt. Zwischengeschaltet sind Kapitel, in denen erwähnten Auszügen aus Korrespondenzen Platz finden. Zum besseren Verständnis wurden sie mit Fussnoten versehen.

Eine besondere Note gibt der «Welt der Giedions» die Serie von Fotos, die 1979 – kurz nach dem Tod von Carola Giedion-Welcker – von der Villa im Doldertal gemacht wurden. Diese sind nicht etwa am Schluss des Buches untergebracht, sondern mittendrin, als Einleitung des Experimentierfeld-Kapitels. Diese Wimmelbilder, die so gar nicht dem «befreiten Wohnen» entsprechen, lassen sich lange betrachten und machen nachdenklich. Sie zeigen den Haushalt eines kunstverständigen Gelehrtenpaars nach dem Gebrauch: teils Museum, teils Bibliothek, alterungstauglich und überlebensfähig. Mitunter denkt man an eine gemütliche, intime Höhle mit Sammlergut und fragt sich, ob die dem Paar so teure Architektur der Moderne dafür je einen angemessenen Rahmen hervorgebracht hat. Einen interessanten Kontrast – und eine mögliche Antwort – bilden ein paar Seiten weiter zwei Fotos aus den Doldertal-Mehrfamilienhäusern, eines von Hans Finsler aus dem ursprünglichen Werbekatalog aus den 1930er-Jahren, eines vom selben Standort von Hannes Henz von 2017.

Blick ins Doldertal im März 2019, mit der Villa links und den beiden Mehrfamilienhäusern am rechten Bildrand. Bild: Manuel Pestalozzi
Wissenschaft für den Coffeetable?

Als Buch stellt «Die Welt der Giedions» einen interessanten, neuartigen Mischtyp her. Einerseits handelt es sich um eine seriöse wissenschaftliche Publikation mit ausgedehnten Quelleninformationen, einem grossen Personenregister und Hinweisen auf weiterführende Literatur. Andererseits ist es aber auch ein Bilder- und Geschichtenbuch, das recht locker drauflos plappert und auch einem breiteren Publikum Unterhaltung und gleichzeitig Einsichten bieten kann. Ja, der Band macht sich gut auf einem Coffeetable und lädt dazu ein, ihn in die Hand zu nehmen und aufzuklappen.

Die Leser*innen begegnen einer umfassenden Gesamtschau auf zwei Menschen, ihr Umfeld und die wechselvollen Jahrzehnte, die sie gemeinsam wachsam durchlebten und mitgestalteten. Obwohl das Buch thematisch wie auch geographisch weit ausgreift, ist es dank der guten Gliederung und Gestaltung von einem roten Faden durchzogen. Dies ermöglicht tatsächlich einzutauchen in eine Welt, die vergangen ist und neu zum Leben erweckt wird. Die Tätigkeit von Carola Giedion-Welcker und Sigfried Giedion wirkt sich bis heute auf die Kunst- und Architekturwelt aus. Es tut gut, etwas besser zu ahnen oder sogar zu wissen, woher das alles kommt und worauf es fundiert ist.

DIE WELT DER GIEDIONS

DIE WELT DER GIEDIONS
Herausgegeben von Almut Grunewald
Mit Beiträgen von Roger Fayet, Almut Grunewald, Mario Lüscher, Bruno Maurer, Arthur Rüegg und Bettina Zimmermann sowie einem Vorwort von Monica Giedion

220 x 330 mm
420 Seiten
198 Illustrationen
Hardcover
ISBN 9783858816108
Scheidegger & Spiess
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Praktisch gleichzeitig mit der «Welt der Giedions» erschien bei den Lars Müller Publishers eine Faksimile-Ausgabe von Sigfried Giedions «Befreites Wohnen», das erstmals im Jahr 1929 publiziert wurde. Sie wurde ergänzt durch ein wissenschaftliches Essay von Reto Geiser. Wie der Verlag schreibt, war das Buch damals «als didaktischer Bildband für Laien gedacht». Heute sei es ein Schlüssel zum Verständnis der Kernthemen der Internationalen Kongresse Moderner Architektur (CIAM), deren Mitbegründer und Sekretär Giedion war.

Sigfried Giedion: Befreites Wohnen

Sigfried Giedion: Befreites Wohnen
Herausgegeben von Reto Geiser

125 × 190 mm
100 Seiten
86 Illustrationen
Hardcover
ISBN 9783037785812
Lars Müller Publishers
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