Home-Office als Herausforderung

Susanna Koeberle
9. April 2020
Das gesamte Team von AllesWirdGut arbeitet zurzeit von zu Hause aus. (Foto © tschinkersten fotografie)

Auch die Mitarbeitenden von AllesWirdGut arbeiten seit dem Lockdown in Österreich von zu Hause aus. Wie das funktioniert, erklärt uns Herwig Spiegl.

Ich spreche zehn Tage nach dem Lockdown in Österreich mit Herwig Spiegl, einem der Partner von AllesWirdGut. Er gründete das international tätige Büro mit Standorten in Wien und München 1999 gemeinsam mit Andreas Marth, Friedrich Passler und Christian Waldner. Heute zählt es 80 Mitarbeiter*innen. 

 

Susanna Koeberle: Der Lockdown in Österreich liegt erst etwas mehr als eine Woche zurück. Wie fühlt sich das momentan an?

Herwig Spiegl: Die Ereignisse überschlagen sich ja täglich. Wer hätte gedacht, dass die vergangene Woche nur eine Woche war. Gefühlt würde man meinen, es handle sich um Wochen oder sogar Monate – so viel hat sich in dieser kurzen Zeit verändert für uns alle. Vor zwei Wochen (9. März 2020) begannen wir, uns mit dem Thema zu befassen und wir waren diesbezüglich geteilter Meinung. Wir haben dann aber sehr schnell gemerkt, dass wir die Option Home-Office zur Verfügung stellen müssen, als in Österreich angekündigt wurde, dass die Schulen zugehen. Viele Mitarbeitende von AllesWirdGut sind Eltern. Am Tag darauf (13. März) war das dann schon wieder überholt und es stand fest, dass wir das Home-Office für alle ermöglichen müssen. Etwas mühsam war, dass die Entscheidungen des Staates erst am Wochenende getroffen wurden, das hat teilweise unter den Mitarbeitenden zu berechtigten Ängsten geführt. Wir mussten dann am Montag ohne Testläufe das ganze Büro auf Home-Office umstellen.

Was waren da die Schwierigkeiten?


Unsere Tätigkeit ist mit grossen, schweren Computern verbunden. Schon der Transport war eine logistische Herausforderung, zumal nicht alle ein Auto haben. Viele kommen mit dem Fahrrad zur Arbeit. Das Team hat sich selber in kleineren Gruppen organisiert. Am Dienstag hatten alle ihr Gerät zu Hause.

Und die technischen Aspekte?


Dank einer super IT-Abteilung funktionierte das sehr gut, das Wichtigste war innerhalb von 24 Stunden erledigt. Das heisst allerdings noch lange nicht, dass man dann problemlos Home-Office machen kann, der Teufel steckt eben im Detail. Die Schwierigkeiten sind mannigfaltig.

Welche sind das?


Architektur ist ein Teamsport. Und er lebt von der Kommunikation. Die Videokonferenz ist für alle das Gebot der Stunde. Dementsprechend schlecht sind unsere Erfahrungen mit den unterschiedlichsten Anbietern, es kommt zeitweise zu Überlastungen. Wir haben den Teams offengelassen, wie sie miteinander kommunizieren wollen. Die Jungen sind da sehr wertvoll, da sie generell ein anderes Kommunikationsverhalten mit sich bringen. Zum Beispiel nutzen sie Plattformen, die sonst für das Gaming verwendet werden; sie sind sehr erfinderisch. Nun versuchen wir Erfahrungen auszutauschen.

Wie sehen diese neuen Formen der Mitarbeit aus?


Wir stehen noch am Anfang. Wir bemerken aber, dass es gut ist, bestimmte terminliche Strukturen aufrecht zu erhalten. Manchmal sitzt man aber einfach vor seinem Videokonferenz-Tool und braucht eine halbe Stunde, bis es mal funktioniert. Auch wenn es das tut, ist es kein vollwertiger Ersatz. Doch das sind nur die technischen Herausforderungen.

Die vier Gründer von AllesWirdGut (Foto © Michael Duerr)
Was sind die anderen?


Zum Beispiel sind die Wohnsituationen bei allen individuell. Oder die familiären Umstände sind ganz unterschiedlich. Selbst wenn man will, kann man manchmal kein Home-Office machen, das merke ich auch bei mir selber. Ich müsste mich aufs Klo setzen, um allein zu sein. Man kann auch von den Leuten nicht verlangen, dass sie ihre Arbeitszeiten in die Nacht verschieben. Wir sind aber darauf angewiesen, die grösstmögliche Leistungsfähigkeit aufrecht zu erhalten, weil wir offiziell von Auftraggeberseite keinerlei Reduktionen der Arbeit in Aussicht gestellt bekommen haben. Alle sagen: Es muss weiter gehen. Wir sind einerseits froh darüber, dass die Arbeit weiter geht, um das Team halten zu können. Gleichzeitig muss ich ganz ehrlich sagen, dass man sie nicht zu 100 Prozent aufrecht erhalten kann.

Wie ist es mit den Baustellen?


Da werden aktuell hochoffizielle Schreiben gewechselt. Zwei grosse Baufirmen in Österreich haben beschlossen, ihre Baustellen zu unterbrechen, auch ohne Regierungsbeschluss. Es gelten da Sonderverordnungen. Wir selber machen relativ wenig Baustellenbetreuung. Unsere klassischen Tätigkeiten sind nicht betroffen.

Wie sehen denn konkret die Planungssitzungen mit Videokonferenz aus? Vieles fällt ja weg. Man hat zum Beispiel keine Modelle mehr vor sich.


Es gibt die Möglichkeit, seinen Bildschirm mit den anderen zu teilen. Doch in der Realität ist das immer abhängig von der Qualität der Internetverbindung. Man muss sich auch bestimmte Verhaltensregeln angewöhnen, wie etwa die anderen aussprechen zu lassen. Man bemerkt dabei, wie sehr man das in letzter Zeit auch verlernt hat. 

Was fehlt, ist der Gesamtplan, man hat immer nur einen Ausschnitt vor sich. Das ist schlecht. Das ist die grösste Schwachstelle bei digitalen Tools. Einen Plan kann ich gross ausdrucken und auf den Tisch legen, dabei habe ich einen ganz anderen Eindruck vom gesamten Projekt. Wir müssen uns überlegen, wie man das am besten ersetzen kann. Sehr schwierig ist es, wenn der Plan nicht fertig ist. Wenn man einen Entwurf entwickelt, ist das physische Miteinander, bei dem man den anderen auch spürt, schnell und spontan Gedanken mitteilen kann oder kurz etwas skizziert, sehr wichtig. Wenn das fehlt, ist man sehr langsam. Ich habe das Gefühl, wir sind da wie kleine Kinder, die lernen müssen, was der beste Weg von A nach B ist. Ein bisschen haben wir das erproben können durch unsere zwei Standorte in Wien und München, aber es ging da mehr um Austausch von Informationen, weniger um ein aktives Miteinander, um das Feilen an einem Projekt.

Wie ist die allgemeine Befindlichkeit des Teams?


Das Coronasvirus belastet viele, auch wenn sie es nicht immer aussprechen. Wir wissen alle nicht, wie es weiter geht und können die Bedeutung dieser einmaligen Situation nicht abschätzen. Es ist manchmal schwierig, sich zu konzentrieren.

Wie funktioniert denn die Kommunikation im ganzen Team?


Mein Zugriff ist natürlich kleiner geworden und konzentriert sich auf jene Mitarbeitenden, mit denen ich an einem Projekt arbeite. Unsere hauseigene Kantine fehlt da stark. Diese Kantine haben wir ganz bewusst eingeführt, weil wir festgestellt haben, dass es für uns ganz entscheidend ist, dass alle miteinander plaudern können, auch jenseits eines Projekts. Es ist momentan nicht möglich, eine Grundstimmung, eine Grundatmosphäre zu spüren. Das fällt weg. 

Die Kantine als Kitt (Foto © tschinkersten fotografie)
An der Struktur der Teams habt ihr nichts geändert? Oder musstet ihr umdisponieren?


Noch nicht, an der Teamzusammensetzung hat sich nichts geändert. Da und dort ist die Zusammenstellung allerdings «Eltern-lastig» und wir werden sehen, inwieweit wir reagieren müssen. Vielleicht wird man da umschichten müssen. Ich erlebe eine grosse Solidarität im Team, auch wenn alle nervös sind. Das Miteinander funktioniert erstaunlich gut.

Gibt es auch Chancen in dieser Krise?


Davon gehe ich aus. Ich habe das in meinem Leben immer wieder feststellen können. In schwierigen Situationen kann auch Neues, Überraschendes und Gutes entstehen. Wir lesen ja alle im Moment sehr viel und befassen uns mit Meinungen und Zukunftsvisionen. Da gibt es viele negative, aber Gott sei Dank auch positive Sichtweisen. Ich sehe beispielsweise, dass man, anstatt zu fliegen für ein Meeting, vieles auch in Zukunft über eine Conferencing Software machen kann. Aber diese Infrastruktur ist teuer. Der Glaube daran, dass die Technik alles richten kann, muss meiner Meinung hinterfragt werden. 

Und wie sieht es mit der viel beschworenen Entschleunigung aus?


Ich würde mir schon wünschen, dass die unendliche Geschwindigkeit, mit der wir zuletzt durchs Leben gerauscht sind, zurückgeht. Aber das ist aktuell überhaupt nicht so, es ist eher das Gegenteil der Fall. Vielleicht stellen wir später fest, dass wir mit etwas Reduktion die gleichen oder sogar die besseren Resultate erreichen. 

Wird Home-Office neu beurteilt?


Für viele ist das sicher eine Möglichkeit, Dinge auszuprobieren, doch es ist nicht für alle gleich. Einige werden vielleicht feststellen, dass sie vieles besser von zu Hause aus machen können. Andererseits sehe ich, wie wichtig das physische Miteinander ist. Wir sind Wesen aus Fleisch und Blut und müssen uns manchmal auch berühren, das ist eine Form der Kommunikation, die es jetzt nur privat gibt. Das wird uns bald fehlen. Wir haben ja erst 10 Tage hinter uns. 

Und wenn das Ganze noch viel länger gehen sollte?


Wenn ich mir vorstelle, dass das noch ein paar Monate dauert, dann fühle ich mich persönlich schon deprimiert. Ich bin auch gespannt, wie lange eine Gesellschaft, die gewohnt ist, in Freiheit zu leben, das überhaupt ertragen kann. Oder wann die ersten aus diesem Gefängnis ausbrechen. 

Welche Konsequenzen könnte diese Situation für die architektonische Praxis oder allgemein für den öffentlichen Raum haben?


Wir bauen unsere Architektur eigentlich immer um den Raum dazwischen. Diesem Raum haben wir in allen erdenklichen Massstäben immer sehr grossen Wert beigemessen. Wir starten einen Entwurf immer mit dem, was vermeintlich beiläufig dazwischen entsteht. Das planen wir aktiv und bauen den Rest darum herum. Diese Bereiche sind für das Miteinander einer Gesellschaft essentiell. Wir erleben gerade, wie dieser Raum wegbricht, es gibt ihn eigentlich nicht mehr. Wenn das langfristig so bleiben würde, habe ich noch keine Antwort darauf. Ich glaube, dass das für eine Gesellschaft nur schädlich sein kann. Ich kann mir auch keinen digitalen Ersatz vorstellen, der leisten kann, was ein Ort oder ein Raum leistet, in dem Menschen aufeinander treffen. Das hat auch mit Reibung und Auseinandersetzung zu tun, doch dafür braucht es den Raum. Ich fürchte, ansonsten werden wir auf lange Sicht verkümmern. Das will ich mir gar nicht vorstellen müssen.

Wohn- und Geschäftsareal Seestadt Aspern, Wien (Foto © AllesWirdGut / Guiherme Silva da Rosa)
Eine dystopische Vorstellung…


Ja! Wir kennen ja alle noch den Film «Matrix». Das war damals für mich ein unglaublicher Film, weil er versucht hat zu zeigen, dass der Mensch den Raum gar nicht braucht, sondern nur die Illusion davon. Philosophen wie etwa Yuval Noah Harari stellen wahnsinnig spannende Gedankenexperimente an für die Zukunft. Es gibt auch Positionen, die hoffen, dass alles nicht gut, sondern besser wird.

Hoffen wir, dass euer Büroname euch weiterhin einen guten Zusammenhalt gibt.


Daran halten wir fest. Wir sind grundsätzlich ein optimistisch gestimmtes Team. Darauf müssen wir jetzt alle vertrauen. Alles ändert sich sehr schnell, man traut sich nicht, Prognosen zu machen. Schauen wir mal. 

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