Minarette in der Neuen Welt

 Manuel Pestalozzi
15. März 2018
Irem Temple, Wilkes Barre, Pennsylvania. Bild: wnep.com
Bauten sind Botschaften. Wer sie liest, weiss nachher mehr. Aber ob man sie richtig versteht? Eine Internetreise in die Provinz von Pennsylvania fördert Erstaunliches zutage.
Man frage den Autor nicht, was ihn dazu veranlasst hat, an seinem Computer in einem Anflug von Surflust und Fernweh Wilkes Barre in Pennsylvania anzusteuern. Die Hauptstadt des Luzerne County am Susquehanna River, rund 170 Kilometer nordwestlich von New York gelegen, hat nie für internationale Schlagzeilen gesorgt. 1769 gegründet, erlebte sie eine Boomperiode, nachdem Kohlevorhaben entdeckt worden waren. Der Boom ist längst vorbei, die Bevölkerungszahl, die in den 1930er- und 1940er-Jahren 86‘000 Personen überstieg, sinkt aktuell gemächlich der 40‘000-Grenze entgegen. Donald Trump hatte 2016 hier einen Kampagnen-Auftritt, die Wählerinnen und Wähler im Luzerne County hätten ihm zum Sieg in Pennsylvania verholfen, meint der lokale Fernsehsender wnep.com.
 
Wilkes Barre ist kaum der Ort, an dem man an bester Downtownlage erwarten würde, dass Minarette, spitz wie Bleistifte, in den Himmel stechen. Doch genau dies ist der Fall. Vier sind es, und sie umstellen einen zentralen Kuppelraum, wie es von Moscheen bekannt ist, die von der byzantinischen Sakralarchitektur inspiriert sind. Noch mehr staunt man, wenn man in Erfahrung bringt, dass die Bürgerinnen und Bürger sammeln, um dieses historische Bauwerk, das offensichtlich schon bessere Tage gesehen hat, instand zu setzen. Gibt es hier eine alt eingesessene muslimische Gemeinschaft? Oder ist es ein verkleideter Industriebau und die Bauform einfach eine extravagante Zierde, wie bei der Zigarettenfabrik Yenidze in Dresden? Wer sich mit den USA befasst, weiss: Das Land ist immer für Überraschungen gut. Gelegenheiten, alteuropäische Vorurteile zu revidieren, gibt es in rauen Mengen.
Kirche, Schrein und der repräsentative Schleusentor-Durchbruch der neuen Uferbefestigung am Susquehanna liegen auf einer Achse. Bild: Google Earth
Keine Moschee, ein Schrein
Das Gebäude ist weder eine Moschee, auch wenn es viele Leute in Wilkes Barre ohne Hintergedanken so nannten, noch eine vollkommene Travestie. Es handelt sich um den Irem Temple, ein Versammlungsgebäude der Gemeinschaft der so genannten Shriner, das 1908 eingeweiht wurde. Es ist nicht nach Mekka orientiert, der nördliche, von einem Tonnengewölbe gedeckte Anbau, der von einem grossen Bühnenturm abgeschlossen wird, macht auf den zweiten Blick deutlich, dass hier nicht den Regeln des Korans nachgelebt wird. Irem ist übrigens türkisch und heisst himmlischer Garten.
 
Die Geschichte des Irem Temple ist gut dokumentiert. Eine Lokalzeitung erfuhr von einem Mitbürger, wie das Gebäude genutzt wurde. Sein Vater und ein Grossonkel waren «Potentates» des Schreins in Wilkes Barre, das ist das höchste Amt einer solchen Gemeinschaft. Es wurden neben rituellen und sozialen Anlässen der Gemeinschaft Tanz- und Ferienpartys durchgeführt, in den 1930er-Jahren erhielt der Bau eine professionelle Bühnenanlage mit Garderoben und beherbergte regelmässig profane Grossveranstaltungen. Die jüdischen Gemeinschaften mieteten die «Moschee» an Yom Kippur und Rosh Hashanah. Die aktuellen Sanierungsbemühungen möchten den stillgelegten, unter Denkmalschutz gestellten Bau als Veranstaltungsort reaktivieren, wobei man die historische Substanz mit den maurischen Interieurs ihn ihren Ursprungszustand zurückführen möchten. Viel Herzblut scheint zu fliessen: «Wir dürfen uns glücklich schätzen, dass unsere Vorfahren diese Bauwerk errichteten», zitiert die Lokalzheitung den Shriner-Nachfahren, «der Irem Temple macht aus Wilkes Barre Wilkes Barre. Es gibt uns etwas Einmalige, dass es nirgends sonst in der Welt gibt.»
Algeria Shrine Temple, Helena, Montana. Die Garage für die Feuerwehrautos wurde 1939 stilgerecht angebaut. Bild: Robstutz, Wikimedia Commons
Erkennungsmerkmal
Nun stellt sich den interessierten Beobachterinnen und Beobachtern natürlich die Frage, was es mit dem Hang zu orientalischen Stilanleihen oder der Religion des Islam hier auf sich hat. Ist es eine reine Kostümierung? Oder sind die Shriner dem Morgenland besonders zugetan? Die Antwort ist komplex und vielleicht etwas verwirrend, da sich das geistliche und das weltliche Universum in den USA auf eine besondere Art überlappen. Das hat auch auf die Architektur ihren Einfluss, in der das Sakrale nicht immer leicht vom Profanen zu trennen ist.
 
Hinter den Shriners steht die Shriners International Company. Sie beschreibt sich gemäss en.wikipedia.org als «Bruderschaft, begründet auf Spass, Geselligkeit und den masonischen Prinzipien brüderlicher Liebe, Unterstützung und Wahrheit». Die Organisation ging somit aus der Tradition der Freimaurerlogen hervor, sie ist in den USA bekannt als Betreiberin von Kinderspitälern. Ihre Mitglieder tragen bei Versammlungen rote Feze.
 
Die Verbindung zum arabischen Kulturraum ist auf den Logenbruder William J. Florence (1831–1891) zurückzuführen, einem zu seiner Zeit international bekannten Schauspieler und Theaterautor aus New York. Auf Tournee in Marseille soll er von einem arabischen Diplomat zu einer Feier eingeladen worden sein, die als «etwas in der Art einer aufwendigen musikalischen Komödie» beschrieben wird. Am Ende wurden die Teilnehmenden Mitglied eines Geheimbundes. Es folgten weitere ähnliche Anlässe in Algier und Kairo, bei denen Florence eifrig skizzierte und Notizen machte. Zurück in Amerika, gründete er 1870 zusammen mit elf Mitgliedern eine solche Gemeinschaft, welche sich in der Architektur und in der rituellen Kleidung an die Erfahrungen von Florence anlehnten.
The Tripoli Shrine Temple, Milwaukee, Wisconsin. Bild: Sulfur, Wikimedia Commons
Die Bruderschaft sieht sich gemäss Wikipedia-Eintrag nicht verbunden mit der arabischen Kultur oder dem Islam. Die Bezüge zum Orient werden heute ausdrücklich als nicht religiöse Äusserlichkeiten bezeichnet, Riten folgen jenen der Freimaurerlogen. Die Gemeinschaftsanlagen der Shriners werden nicht mehr wie einst als Schrein oder Tempel bezeichnet, sie tragen die etwas ungelenke Bezeichnung «Shrine Center». Wenn nur das architektonische Vermächtnis nicht wäre …
 
Tatsache ist, dass sich die Gemeinschaft islamische Accessoires als Erkennungsmerkmal aussuchte. Dies kann eigentlich als nichts Anderes als eine Respektbezeugung betrachtet werden. Besonders gilt dies natürlich für die Shriner-Architektur, bei der arabische, maurische, persische oder osmanische Motive mit viel Detailliebe und mit beträchtlichem finanziellem Aufwand kopiert wurden. Die Gebäude sind dauerhaft, sie stehen in Ortszentren und man wird ihnen nicht gerecht, wenn man sie im Sinne von Robert Venturi als Ducks oder decorated Sheds klassifiziert. Gerade das Beispiel in Wilkes Barre zeigt, dass diese Bauten mit allem, was sie repräsentieren, Teil des gebauten Erbes geworden sind.
The Shrine Auditorium - Al Malaikah Temple, Los Angeles, Kalifornien. Bild: Stephanie Kemna, Wikimedia Commons
Pragmatik als Tugend
Wie dieser Artikel zeigt, sind viele Bauten der Shriner im Internet präsent. Es ist offensichtlich, dass sie wie auch immer gelagerte «Heimatgefühle» auslösen. Deshalb hofft man, dass ihnen eine angemessene Pflege zuteil wird. Dies ist aus mehreren Gründen angebracht. Einerseits können solche Bauten die Wertschätzung der in den USA oft serbelnden Downtowns stärken. Sie dokumentieren eine vergangene Zeit, als noch solide und für eine vermeintliche Ewigkeit gebaut wurde. Andererseits haben diese Gebäude das Potenzial, die interkulturelle Verständigung zu fördern. Sie stehen nicht im Disneyland oder auf dem Ballenberg sondern haben einen direkten Bezug zu einem urbanen Gefüge. Die Baukultur aus muslimischen Ländern kann hier einen Beitrag leisten, das lassen diese Werke erkennen, auch wenn sie eklektizistische Kopien sind. Sie geban zwar nicht Originale wieder, immerhin rufen sie aber die Originalität einer fremden Kultur in Erinnerung.
 
Immer wieder erstaunlich ist die Pragmatik, welche man in den USA in der Art, Dinge anzupacken, wahrnehmen kann. Gerade im Mehrzweck-Charakter der Shreiner-Architektur tritt sie deutlich zutage. Diese Gebäude sind offenbar als Treffpunkt für alle gedacht – so lange die Kasse stimmt. Zwar kann man die Vorherrschaft des schnöden Mammons beklagen, hier besteht jedoch die Chance, dass die vielseitige Nutzbarkeit der Räume unter den Minaretten die Überlebenschancen erhöht.
 
Der Acca Temple Shrine in Richmond, Virginia wurde 1940 von der Stadt aufgekauft und in eine Polizeischule umgebaut. Heute beherbergt es das Altria Theater. Bild: Mentes, Wikimedia Commons

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