Die Stadt der Zeit

Ulf Meyer
10. Oktober 2019
Foto © Swatch

Shigeru Ban hat den neuen Hauptsitz der Firma Swatch in Biel gestaltet. Geprägt wird der Bau von einer enormen Holzkonstruktion. Technisch wie konstruktiv war die schwungvolle Hülle eine grosse Herausforderung, die der Architekt und sein Team erfolgreich gemeistert haben.

Dass japanische Architektur und Schweizer Bauherren gut zusammenpassen, zeigt sich beispielhaft anhand mehrerer erfreulicher Gebäude in beiden Ländern: Während Kengo Kuma zuletzt in Lausanne japanische Eleganz in die Schweiz exportiert hat, hatte sein schon früher zu Ruhm gekommener Kollege Shigeru Ban 2007 mit dem Nicolas G. Hayek Center für die Swatch-Gruppe an Tokios teuerster Einkaufsstrasse, der Ginza, bewiesen, wie geschickt er es versteht, die diversen Marken des Uhren-Imperiums in zeitgenössische Architektur zu übersetzen. Im Jahr 2011 dann setzte sich Ban am Architekturwettbewerb für den Neubau des Swatch-Hauptgebäudes in Biel durch. Dieser wurde nun eingeweiht. Die ungewöhnliche und städtebaulich auch etwas grobschlächtige Schlangenform des Neubaus folgt dem L-förmigen Grundstück. Ban nimmt für sich in Anspruch, eine Form «zu finden, anstatt sie zu kreieren» und das grosse Tonnendach «aus Material, Ort, Funktion und Anforderungen des Bauherrn» entwickelt zu haben. Er vergleicht seinen Entwurf gerne mit einer Uhr: Die Gestaltung des Gehäuses sei frei, aber die Mechanik im Inneren fix. 

Foto © Swatch
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Aufwendige Holzkonstruktion

Während Ban in Europa seit dem japanischen Weltausstellungs-Pavillon in Hannover und zuletzt mit dem Centre Pompidou in Metz als Architekt der interessanten Tragwerke aus Holz oder Pappe gilt, sind die meisten seiner Bauten in Japan gleissend weisse Stahlkonstruktionen wie das Nicolas G. Hayek Center. Beim Neubau von Biel zeigt sich Ban von ersterer Seite: Um Bestandsgebäude und Umgebung in den neuen Hauptsitz integrieren zu können, hat er eine Holzkonstruktion von 240 Metern Länge und 35 Metern Breite ersonnen. Das Tragwerk erinnert dabei an die berühmte Multihalle im deutschen Mannheim, die Frei Otto, mit dem Ban gerne zusammengearbeitet hat, gestaltet und konstruiert hatte. In Biel bildet eine rautenförmige Gitterkonstruktion aus Schweizer Fichte 2'800 Waben, die auf drei Arten unterschiedlich gefüllt wurden: Es gibt opake, transluzente und transparente Elemente. Die meisten Waben sind opak, geschlossen mit einer lichtundurchlässigen Folie. Einige Elemente lassen sich im Brandfall zur Entrauchung öffnen, andere tragen 442 gekrümmte Photovoltaikzellen. Die transluzenten Füllungen sind pneumatische Kissen und in der Mitte zur Wärmedämmung mit Polycarbonat-Platten versehen. Die transparenten Elemente schliesslich bestehen aus vier Glasscheiben, zwischen die weisse Rollos eingelassen sind. Diese Elemente werden dauerhaft belüftet, damit sich kein Kondensat bildet. Diese aufwendige Konstruktion ist ein Tribut an die strengen thermischen Vorgaben hierzulande und die bisweilen kalten Winter in Mitteleuropa, auf welche die zeitgenössische japanische Architektur, die mit ephemerer Eleganz besticht, nicht vorbereitet ist.

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Eine Leistung war es, die 4'600 Holzbauelemente präzise geometrisch zu definieren, mit der CNC-Fräse zuzuschneiden und dann passgenau zu montieren. Schrauben, Nägel und Leim sind in der japanischen Zimmermannstradition nämlich verpönt. 

Die Etagen darunter indes sind ein gewöhnlicher Beton-Skelettbau, in dessen Geschossdecken ein Heiz- und Kühlsystem integriert ist. Da die Holzgitterschale aber nicht wie im fernöstlichen Tempelbau ohne Haustechnik auskommt, sondern als Bürofassade dient, mussten alle Leitungen integriert werden. Um unter dem gewölbten Dach mit 11'000 Quadratmetern Fläche angenehme Arbeitsbedingungen zu schaffen, hat Ban 124 perforierte Kreuze in die Decke integriert, welche die Raumakustik in den Büros verbessern. Balkone bieten schöne Blicke über die Stadt Biel und ihr Umland. Allerdings könnten sich die zahlreichen Durchstosspunkte dabei mittelfristig noch – ebenso wie beim Centre Pompidou in Metz – als bautechnisch problematisch und anfällig für Schäden entpuppen. Die runden Balkon-Öffnungen stören zudem die Geometrie des Diagrids. 

Foto © Swatch
Aufgeregte Arbeitswelten

Die Swatch-Mitarbeiter*innen sind über die Stockwerke hinweg visuell und akustisch miteinander verbunden. Zusätzlich zur Cafeteria im Erdgeschoss gibt es mehrere Pausenräume. «Alkoven» genannte Kabinen für bis zu sechs Menschen bieten bei Bedarf akustische Privatsphäre. Die Innenraumgestaltung wirkt aufgeregt und über Gebühr farbig; sie konkurriert mit der starken Geometrie des Daches. 

Eine Fussgängerbrücke im dritten Stock verbindet den Neubau über eine Strasse hinweg mit der «Cité du Temps» nebenan. Diese aufgeständerte «Stadt der Zeit» dient der Konzern-Marke Omega und beherbergt ein ellipsenförmiges Konferenzzentrum für bis zu 400 Personen. Bans geschwungenes Dach steigt Richtung Eingang und Übergang zur Cité an. Das Swatch-Foyer hat eine hohe, gefaltete Glaswand. Unterhalb dieser Verglasung schliessen sich Shutter-artige Tore an, wie Ban sie liebt. Zwei gläserne Aufzüge führen in die oberen Stockwerke wie im Nicolas G. Hayek Center. 

Foto © Swatch
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Um Nachhaltigkeit bemüht

Anders als dort spielten in Biel auch ökologische Erwägungen eine Rolle im Entwurfsprozess: Grundwasser dient der Beheizung und Kühlung über Geothermie. Das Haus bietet Velospots mit E-Ladestationen und Bauteilaktivierung. Zwei ehemalige Öltanks auf dem Areal wurden zu Wasserspeichern umfunktioniert. In der Tiefgarage finden sich etwa ebenso viele Auto- wie Velostellplätze. Die 1'770 m2 grossen PV-Paneele sollen pro Jahr rund 212 MWh Strom produzieren. Es wurde berechnet, dass die Menge von 2'000 Kubikmetern Fichte, die in Biel verbaut wurde, in zwei Stunden in Schweizer Wäldern wieder nachwächst. 

Schon der erste Bau von Shigeru Ban in der Schweiz, das Tamedia-Gebäude in Zürich, hatte eindrucksvoll vorgemacht, wie wirkungsvoll Holz als tragendes Baumaterial selbst im modernen Bürohausbau eingesetzt werden kann. Mit dem neuen Hauptsitz der Marke Swatch in Biel zeigt sich, zu welchen technischen und ästhetischen Höhenflügen es genutzt werden kann.

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