Strategisch geplant

 Manuel Pestalozzi
27. April 2017
Zeltlager im Niemandsland als «neue Heimat». Die Umsieldung von Haushalten erfolgte im Algerienkrieg nach militärstrategischen Grundsätzen. Die Ausstellung an der ETH zeigt das unter anderem in Dokumentarfilmen. Bild: Manuel Pestalozzi
Besiedlungen erfolgen manchmal unter Zwang und auf Befehl. Die Resultate sind nicht nachhaltig. Dies zeigt aktuell eine Ausstellung des Instituts gta der Architekturabteilung der ETH Zürich auf dem Hönggerberg.
Die Ausstellung «Discreet Violence. Architecture and the French War in Algeria» weist auf die sogenannten Regroupements hin, welche die französische Armee während der algerischen Revolution von 1954 bis 1962 durchführte. Über zwei Millionen Menschen wurden damals zwangsumgesiedelt, grosse «verbotene Zonen» durften nicht mehr bewohnt werden. Ziel dieser Operationen war es, der Gegenpartei keine Rückzugsräume zu bieten und die Bevölkerung nicht vom revolutionären Bazillus anstecken zu lassen.
 
In Fotos, Filmen und anhand historischer Dokumente erhalten die Besucherinnen und Besucher der kleinen Ausstellung einen Eindruck, wie sich eine militärische Umplatzierungsoperation darbietet. Dr. Samia Henni verfasste am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) der Architekturabteilung der ETH Zürich eine Dissertation zum Thema. Ihre Arbeit liegt der Ausstellung zugrunde. Es handelt sich um die Aufarbeitung eines dunklen Kapitels der jüngeren Geschichte, die Anknüpfungspunkte zur Gegenwart sind zahlreich, auch was die Verbreitung, Interpretation und Aufarbeitung von Fakten anbetrifft. 1959 verfasste der spätere französische Premierminister Michel Rocard nach einem Inspektionsbesuch einen geheimen Bericht über die häufig deplorablen Lebensbedingungen in den Lagern. Dieser sickerte an die Öffentlichkeit und löste einen Medienskandal aus. 2003 publizierte Rocard den Bericht, da er mit dem Irakkrieg die Gefahr heraufziehen sah, dass man erneut Siedlungsmassnahmen nach militärisch-strategischen Kriterien von Planern in Uniform durchführen lässt. Diese Befürchtung scheint sich aktuell immer stärker zu bewahrheiten, in vielen Regionen der Erde gerät die «zivile Planung» unter Druck, Menschen werden wie Schachfiguren verschoben – oft von nicht sehr guten Spielern, die nur kurzfristige strategische Ziele im Visier haben.
Planer in Uniform. Der französische Oberst Marcel Bigeard bespricht die militärische Strategie der «Regroupements», operativer Bereich der Saïda, Algerien, 1959. Bild: Marc Flament, ECPAD
Problem der objektiven Sichtweise
Die Dokumente der ETH-Ausstellung liegen auf Spiegeltischen, Bildschirme, die Filmdokumente abspielen, lehnen an den seitlichen Wänden, die grossflächig mit Zeitungsausschnitten tapeziert wurden. Der Bezug der Massnahmen zur öffentlichen Meinung spielte spätestens seit dem Rocard-Rapport eine wichtige Rolle. Und sie erschwerte die Arbeit der Historikerin. Zwar lag Dr. Henni eine Fülle an Fotos und Filmen vor, in bester Qualität, angefertigt von Profis. Aber diese standen im Dienste der Armee und zeigten meistens ein beschönigendes Bild, das unschöne Details und  insbesondere den Aspekt von Zwang und Gewalt ausklammerte. Deshalb griff das Ausstellungsteam zur Selbstzensur: Die Filme werden ohne Ton gezeigt und öffnen durch ihre Stummheit den Interpretationsspielraum. Dieser Sachverhalt verleitete Dr. Henni an der Vernissage zur Empfehlung an die Gäste, den Quellen stets, auch bei alltäglichen Planungs- und Architekturwettbewerben, mit gebührender kritischer Distanz gegenüberzutreten.
 
Strateginnen und Strategen denken häufig in knapp bemessenen Zeiträumen, sie wollen siegen oder erfolgreich abwehren. Was danach oder daneben geschieht, ist für sie zweitrangig. Deshalb taugen sie eher schlecht für die Siedlungsplanung, da die Kapazität oder der Wille zur Gesamtsicht eine Konzentration der Kräfte und die Fokussierung auf ein konkretes Ziel erschweren. Dies ist eine Erkenntnis, welche die Ausstellung vermittelt. Sie wirft zudem die Frage auf, welches die Folgen solch strategischer Planung sind, die nicht auf dem Konsens der Beteiligten beruhen. Wenn man auf die jüngere oder ältere Geschichte zurückblickt, stösst man auf interessante Beispiele, die allerdings keine klaren Antworten liefern. Insbesondere ist es – wie auch das Beispiel Algerien zeigt – oft schwer, zwischen einem Lager und einer Siedlung einen klaren Trennstrich zu ziehen.
Reducción Trinidad, Paraguay, unweit des Flusses Paranà. Bild: Wikimedia Commons
Reducciones
Strategische Siedlungen gibt es, seit es Menschen gibt. Oft zwingen sie jenen, die sich in ihnen niederlassen, einen neuen Lebensstil auf. Dies war gewiss der Fall in den «Reducciones», welche die Jesuiten im 17. und 18. Jahrhundert für das Volk der Guaraní und andere ethnische Gruppierungen gründeten. «Reducción» tönt militärisch, man denkt an Wohnsitzzwang und andere Einschränkungen. Gemäss es.wikipedia.org leitet sich der Begriff vom Lateinischen «reducere» ab, das in diesem Kontext überführen bedeute, nämlich das Überführen in den katholischen Glauben.
 
Die Jesuiten haben mitunter den Ruf, militärisch straff organisiert gewesen zu sein. Die Gründung der «Reducciones» am Oberlauf der Flüsse Paraná und Uruguay hatte denn neben der Evangelisation auch ein militärisch-strategisches Ziel; es galt, in diesem der spanischen Krone gehörenden Urwaldgebiet den Drang Portugals nach Westen zu stoppen. Besonders bedrohlich waren die Sklavenjäger aus São Paulo, Paulistas genannt. Die Guaranies liefen Gefahr, von ihnen gefangen genommen und als Plantagenarbeiter verkauft zu werden. Die Geschichte der «Reducciones» ist positiv behaftet: Die Einheimischen schätzten den gebotenen Schutz und die zivilisatorischen Angebote. Die traditionelle Harfenspielkunst Paraguays wird auf die «Reducciones» zurückgeführt.
 
1767 wies der König Spaniens die Jesuiten in seinem ganzen Reich aus. Die «Reducciones» wurden der Kolonialadministration oder anderen religiösen Orden überantwortet, welche ihr Fortbestehen aber nicht sichern konnten. Die meisten Anlagen, die in ihrem kompakten, kasernenartigen Layout stark an Lager erinnern, wurden vom Urwald überwuchert. Heute gelten verschiedene von ihnen als Touristenattraktionen, nicht zuletzt wegen den Steinmetzarbeiten der Guaranies.
Eines der Lager von Workutlag, Workuta, Russland. Im Hintergrund Schacht Nr. 1, Kapitalnaja. Die Aufnahme ist 1956 heimlich vom Haldengipfel des Schachts 9-10 aufgenommen. Legende und Bild: www.workuta.de
Archipele
Eine Eigenschaft des real existierenden Sozialismus ist die Aufhebung der Niederlassungsfreiheit; Menschen haben sich an jenen Orten niederzulassen, an die sie die politische Führung beordert hat. Die Sowjetunion setzte die Politik des Russischen Zarenreichs, die Besiedlung der Kolonien und entlegener Gebiete mittels Verbannung, fort. Das deutsche Wort «Lager», amtlich abgekürzt zu Lag, fand für An- und Umsiedlungen verschiedener Zielgruppen Anwendung: Klassenfeinde, Kriminelle, politisch Verdächtige, Kriegsgefangene oder ethnische Minderheiten wie Deutsche, Tataren, Tschetschenen oder Koreaner. Unter dem Vorwand, sie neu zu erziehen und zu verbessern, schickte man sie an meist abgelegene Orte, häufig um Rohstoffe ab- und die Verkehrsinfrastruktur auszubauen.
 
Die verfügbare Dokumentation diese Lager ist bis heute äusserst spärlich und besteht oft lediglich aus behelfsmässigen Skizzen ehemaliger Insassen. Die wenigen Fotos zeigen meistens eine willkürlich wirkende Ansammlung von schäbigen Baracken, die von grob gezimmerten Wachtürmen und Stacheldrahtverschlägen umgeben sind. Mit der Bezeichnung Archipel für diese Lager hat Alexander Solschenizyn den treffenden Ausdruck gefunden, der auch die Planungsstrategie anschaulich macht: Die Siedlungen bildeten eine Gruppierung von Inseln, die unterschiedlich ausgeformt waren. Die Zwischenräume bildeten entweder undefinierte Leerräume oder die Parallelwelt der meist ahnungslosen, «normalen» Sowjetzivilisation.
Aqmol, wenige Kilometer südwestlich von Astana, der neuen Hauptstadt Kasachstans. Die Ortschaft ging aus Lagern hervor. Die symmetrische Anlage in der oberen Bildmitte ist die Lagergedenkstätte «Alzhir». Bild: Google Earth
Die Volksrepublik China betrieb in den 1950er-Jahren eine Besiedlungspolitik nach russischem Vorbild, wie Bilder der entsprechenden Einrichtungen belegen, beispielsweise in der dünn besiedelten Nordwestprovinz Xinjiang. Ein Han-Chinese aus dem Bekanntenkreis des Verfassers erzählte ihm vom Schicksal seines Vates, einem Arzt aus einer südlichen Hafenstadt. Nach dem Dienst als «Freiwilliger» im Koreakrieg wurde er direkt nach Karamay geschickt, einem Ort in Xinjiang, bei dem der Staat mit Hilfe der Russen Öl förderte. Niente Familiennachzug. Nach der Kulturrevolution und Jahren ohne Schulunterricht hatte der Bekannte die Möglichkeit, in Karamay eine Ausbildung im Medizinalbereich zu machen. Seine Erzählungen würzte er mit bildstarken Details, beispielsweise gefrorenen Exkrementhaufen, welche am Ende des extrem strengen Winters die Gemeinschaftslatrinen bis zum Dach füllten. Karamay ist heute eine ansehnliche, doch gesichtslose Stadt mitten in der Wüste. Gemäss Wikipedia machen Han-Chinesen 76,6 % der Gesamtbevölkerung aus.
 
Selbst in der Gegenwart macht China, das bis heute keine absolute Niederlassungsfreiheit kennt, über Zwangsansiedlungen von sich reden. Seit 2006 finden in der Autonomen Region Tibet im grossen Stil Um- und Ansiedlungen statt, mit welchen man mitunter nomandisierende Viehzüchter-Gemeinschaften zur Sesshaftigkeit zwingen möchte. Offenbar wird diese Politik mit dem Anspruch verfolgt, eine «neue sozialistische Landschaft» zu gestalten. Wie in Xinjiang erkennt man auch in der Region Tibet bei diesen Anstrengungen eine starke ethnische Komponente, welche die Segregation zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen vermutlich intensiviert.
Schöne, neue Welt im Tibetischen Hochland. An- und Umsiedlungsprogramme gibt es in der Volksrepublik China bis heute. Bild: www.hrw.org
Dichte und Segregation
Denkt man an strategische Planungen der Neuzeit, so darf die Region Palästina nicht fehlen. Ungewöhnlich in diesem Fall ist die Willigkeit der jüdischen Siedlerfamilien, sich als Instrument einer Gesamtstrategie zur Verfügung zu stellen, ausserdem die Knappheit der räumlichen Ressourcen. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Beispielen gibt es in Palästina keine weiten, offenen Räume, stattdessen wird praktisch um jeden Quadratmeter verbissen gekämpft – man könnte schon fast von einem Siedlungs-Stellungskrieg reden. Erstaunlich war, dass die Räumung der Siedlungen im Gazastreifen im Jahr 2005 nach einem Entscheid der Regierung Israels ohne disruptive Proteste zügig über die Bühne ging. Die Loyalität der Israelischen Staatsbürger scheint sich, so lässt sich daraus schliessen, nicht über die spezifische «heimische Scholle» zu äussern. Sie gilt einem grösseren Plan, dem man sich freiwillig unterordnet.
 
Wenn man sich die genannten Beispiele vor Augen hält, kommt man zum Schluss: Die Auswirkungen von strategischen Planungen sind nicht nachhaltig. Wer gezwungen ist, auf unbestimmte Zeit in lagerähnlichen Siedlungen zu leben, in behelfsmässigen Unterkünften oder vorfabrizierten Baracken, wird seinem Wohnort wohl nie eine grosse Liebe entgegenbringen oder sich mit ihm identifizieren. Wird mit der Anordnung und der Struktur von Siedlungen auf eine Trennung von Bevölkerungsgruppen hingearbeitet, sind Konflikte vorprogrammiert. Ohne die Suche nach einem Konsens unter den Betroffenen und der Skizzierung einer langfristigen Entwicklungsperspektive werden diese «Fremdplanungen» nie über ihren ursprünglichen Status hinauswachsen können.
Jüdischer Siedler-Vorposten im Westjordanland, vor einer bestehenden Siedlung nördlich von Ramallah. Das planerisch Sinnvolle scheint von politisch-ideologischen Prioritäten in den Schatten gestellt zu werden. Bild: AFP/Thomas Coex, timeofisrael.com

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