Der Bau des Jahres 2011 heute

 Manuel Pestalozzi
25. Mai 2017
Am Stichtag 30. April, einem sonnigen Sonntag, war das Stadtmuseum geöffnet. Die aufgestellten und angelehnten Schilder weisen darauf hin. Bilder: Manuel Pestalozzi
Ja, er hat ihn bestanden, den ersten Test der Zeit. Der Ausbau des Stadtmuseums Rapperswil-Jona von :mlzd zeigt die erwartete Patina und verschmilzt immer mehr mit dem Bestand. Der Swiss-Architects-Redaktor hat nachgeguckt.
 
Vielleicht ist es eine Unsitte: Fertig gestellte Bauwerke oder Sanierungen werden meistens in einem jungfräulichen Zustand publiziert. Keine Gebrauchsspuren sind zu sehen, oft fehlen noch das Mobiliar und der übrige Inhalt. Die Architektur ist «sich selbst» – fast könnte man meinen, es sei zu diesem Zweck gebaut worden. Auf der Grundlage eines derartigen, eigentlich unvollständigen Eindrucks erkoren die Freundinnen und Freunde von Swiss-Architects Ende 2011 das Stadtmuseum von :mlzd, Biel, zum Bau des Jahres. Mit 25 Prozent aller Stimmen stach das Projekt in der beliebten Rubrik «Bau der Woche» seine 50 Jahrgangs-Konkurrenten aus.
 
Alle, die nicht Rapperswil-Insider waren, orientierten sich bei der Wahl ihrer Präferenz an den Plänen und den Fotos von Dominique Marc Wehrli. Die Aufnahmen zeigten «Janus», den Verbindungstrakt zwischen den dem alten Wehrturm und dem einstigen Stadtpalais, innen als leeres Raumkontinuum, das trotz der Dominanz weisser Oberflächen entfernt an Piranesis «Carceri» erinnert. Aussen wirkte die gefaltete und rhythmisch gelochte, bronzefarben glänzende Fassade als die eleganteste, präziseste Bruchlandung, die einem UFO je gelungen ist, ein Anti-Bilbao-Wunderwerk der Sonderklasse. Die sich in die Baulücke zurückziehende, von Boden bis First reichende Metallhaut wirkte surreal, ein bisschen wie ein Edelstein in seiner Fassung. Was man auf den Bildern sah, war gefrorene Zeit, eine Momentaufnahme. Dass sich diese Erscheinung wandeln würde, war geplant. Und der Wandel verläuft nach Plan.
Das Spannungsfeld zwischen Eigenständigkeit und Angleichung altert unbeschwert mit.
Was ändert sich?
«Der anfängliche Glanz wird durch die bereits einsetzende Oxidation der Oberfläche zurückgehen, die Haut wird sich mehr und mehr den dunkelbraunen Dachflächen der Umgebung angleichen. Wir wollten eine Fassade erstellen, die würdevoll altert. Und dies wiederum ist eine Qualität, die den Neubau mit den Gebäuden der Altstadt verbindet.» So äusserte sich Andreas Frank von :mlzd 2011 zur stadtseitigen Fassade aus Verbundplatten, deren Aussenseiten mit Baubronze (einer Kupfer-Zink-Legierung) belegt sind. Wie der Besuch im Frühling 2017 zeigt, verhält sich die skulpturale Gebäudehülle so, wie es die Architekten beabsichtigt und prophezeit hatten. Die Patina nimmt der Struktur etwas von ihrer Schärfe, man könnte fast sagen, sie versöhnt sie mit ihrer Umgebung, auch wenn ihre Fremdkörperhaftigkeit nie aufdringlich war.

Eindrücklich ist die Regelmässigkeit des Patinierungsvorganges, obwohl die Flächen durch Faltungen unterschiedlich exponiert sind. Und es fällt auf, dass die Anschlüsse der Fassade an die Nachbarbauten nach wie vor als klare Trennlinien verlaufen und keinerlei Verunreinigungen aufweisen. Das Regenwasser wird hinter den Perforierungen und Fugen abgeführt, selbst im Sockelbereich zeigt die Metallhaut ein ebenmässiges Bild. All dies ist natürlich kein Zufall. Es weist auf wohl überlegte Details hin. Und auf ein sorgfältig erarbeitetes Unterhaltskonzept, das auch umgesetzt wird. «Jährlich wird die Fassade von der Firma Tuchschmid, welche die Metallfassade produzierte und montierte, mit einem grossem Kran gewartet», bestätigt Mark Wüst, Leiter des Stadtmuseums, diesbezügliche Vermutungen, «gleichzeitig nimmt sie Reinigungsarbeiten an den beiden Glasfenstern hinter den Metallelementen und am Glasdach vor, die sonst nicht zugänglich sind.» Nach den Reinigungen erhalten diese Glasflächen im Laufe der Monate wieder eine «natürliche Beschichtung», die mit dem Standort und der Zweckbestimmung des historischen Museums im Einklang stehen.
Die Anschlüsse der Fassade an die Bestandesbauten sind nach wie vor messerscharf und blitzsauber.
Das Haus als Weg
«Janus», der eigenständige Zwischenbau, ist primär ein Erschliessungsbau. Über ihn erreicht man die historischen Ausstellungsräume in den beiden Nachbarbauten, die allerdings auch eigene interne Treppenverbindungen besitzen und das Piranesi-Gefühl dadurch noch befeuern. Ein möglicher Schwachpunkt für den Gebrauch ist möglicherweise der Eingang. Dieser verschwindet vollkommen in der Fassade, wenn das Museum geschlossen ist. In der übrigen Zeit, in der man das Fassadenelement unmittelbar neben der Bruchsteinfassade des Turms hochklappt, trifft man auf eine etwas versteckte Einstiegsluke. Vor ihr werden dann Schilder aufgestellt, die explizit auf das Museum hinweisen und die Reinheit des Entwurfs etwas stören. Kann es sein, dass Leute gelegentlich suchend herumirrten? Der über Stufen führende Zugang wird ausserdem begleitet von Geländern, die beim Shooting von Dominique Marc Wehrli noch fehlten. Manchmal braucht der Mensch Halt.
 
Wenn man beim Durchschreiten des Museums nochmals die Fotos von 2011 als Vergleichsbasis beiziehen möchte, kann es durchaus sein, dass die Erwartungen an die Raumwirkung übertroffen werden und man sich darauf besinnt, dass die Aussagekraft von Bildern beschränkt ist. Scheinen die Sonnenstrahlen durch die Löcher der Sandwichpaneele, so ergeben sich auf den fugenlosen Wand- und Bodenflächen anmutige Muster; man fühlt sich in einem grossen Dachboden oder, wenn man Piranesi ein letztes Mal bemühen möchte, in einer unterirdischen Kaverne. Die Ausstattung des Verbindungsbaus ist von weiser Zurückhaltung. In der Eingangsebene steht das Stadtmodell, in der obersten eine Plakatausstellung. Es ist primär ein Bewegungsraum, in dem man auf keine Hindernisse trifft.
 
Die Fassade projiziert Muster ins Innere des Zwischenbaus.
Gemeinschaftswerk
Architektinnen und Architekten sind an der Erzeugung eines Werks beteiligt. In der Regel lösen sie sich anschliessend von ihm. Wie es nachher altert und gegebenenfalls reift, liegt in der Verantwortung anderer. Architekt Andreas Frank erinnert sich heute gerne zurück an das Projekt. «Es ist unter einem guten Stern gestanden, die Zusammenarbeit aller Beteiligten war etwas Besonderes», meint er. Und natürlich freut sich das Entwurfsteam, das der Glanz so gewichen ist, wie von ihm prognostiziert. Das ist ganz im Sinn von :mlzd. «Die Attraktivität des Museum wird mehr und mehr von der Qualität des Inneren beziehungsweise des Inhalts übernommen. Die vielen Veranstaltungen und wechselnden Ausstellungen machen das Haus zu einem lebendigen «Player» der regionalen Kulturlandschaft. Dies bestärkt unseren Glauben an das «Programm», für das Architektur einen bestmöglichen Rahmen bieten sollte. Architektur dient jedoch nicht als Selbstzweck.»
 
Wie bereits angetönt, ist der Alterungsprozess auch eine Frage des angemessenen Unterhalts. So fällt dem Besucher natürlich sofort auf, dass im Museum neben der jährlichen Fassadenreinigung auch fleissig abgestaubt wird und dies den positiven Gesamteindruck stärkt. Auf der äusseren Seite des Zwischenbaus wurden die Fensternischen der erhaltenen ursprünglichen, wohl rund anderthalb Meter starken Fassade mitsamt den letzten Wandbeschichtungen und Heizkörpern als beleuchtete Vitrinen in Szene gesetzt. Die Wirkung ist faszinierend, weil sich vor die Aussicht ein konserviertes historisches Intérieur-Fragment schiebt, das in seinem laufend gepflegten Zustand eine fortwährend frisch bleibende alte Geschichte erzählt.
Der Notausgang des Foyers führt auf der stadtabgewandten Seite des Zwischenbaus auf eine kleine Terrasse über der Seebucht. Offenbar ist sie dem Löwenzahn vorbehalten. Theoretisch liessen sich hier kleine Freiluftevents durchführen.

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