Über Bilder, blaues Licht und blöde Posts

Jenny Keller
24. Januar 2019
Mehr Bild denn Beleuchtung. Installation «Alien Blue Light» von Pamela Rosenkranz im Kreuzgang des Fraumünster. Bild: jk

Anfang Jahr bietet Zeit und Raum für ein paar grundsätzliche Überlegungen, Farbe und Licht – zwei architektonisch wichtige Komponenten – stehen dabei im Fokus.

Anfang Jahr, der Arbeitstrott schleicht sich erst langsam an, die guten Vorsätze sind noch präsent, das Erstaunen über die Vergabe des diesjährigen Wakkerpreises hält an, und manchmal scheint sogar ein wenig Sonne durch die Nebeldecke: Zeit und Raum also für ein paar Überlegungen, die später im Jahr bloss Notizen auf einem Zettel auf einem Stapel auf dem Schreibtisch wären – und der Stapel im Mai, dann nämlich, wenn der architektonische Kalender seinen ersten Höhepunkt erreicht, zu Altpapier wird.
 
Im Zürcher Fraumünster feierte am Vorabend der dunkelsten Nacht des vergangenen Jahres, bekanntlich der Wintersonnenwende vom 20. auf den 21. Dezember, die Installation «Alien Blue Night» Eröffnung. Die Künstlerin Pamela Rosenkranz installiert darin blaue Lichtquellen im Kreuzgang, was nicht dazu dient, den Aufenthalt für Junkies unattraktiv zu gestalten, wie es in Hauseingängen drei Kreise weiter westlich üblich ist. Das blaue Licht sei die zeitgenössische Farbe par Excellence, man denke an Computerbildschirme, in diese wir, seien sie mobil oder stationär, ständig starren. Somit markiere die temporäre Lichtinstallation von Pamela Rosenkranz den «viel diskutierten Übergang vom Humanismus zum Post-Humanismus». So steht es zumindest im Begleittext zur Ausstellung, die Teil der Feier zu «500 Jahre Zürcher Reformation» ist. Räumlich hat das blaue Licht keine grosse Wirkung. Es hält sich erstaunlich zurück, verhält sich mehr wie der benachbarte Freskenzyklus von Paul Bodmer – und ist somit mehr Bild als Beleuchtung. Zwei in Plastik-Folien eingepackte Steinskulpturen gehören ebenfalls zur Installation, wobei nicht ganz klar wird, weshalb die Sandstein-Stelen eingepackt sind – Erzählen sie uns Geschichte? Müssen sie an einen geschützten Ort gebracht werden, um vor dem reformatorischen Bildersturm sicher zu sein?
 
Die Kuratorinnen Alexandra Blättler und Sabine Rusterholz Petko haben Pamela Rosenkranz mit der Bespielung des Fraumünster-Kreuzgangs beauftragt und sie ist diesem Ort relativ frei begegnet, auch wenn hier die letzte Äbtissin Katharina von Zimmern eine historische Handlung vollführt hat, indem sie das Kloster aufgelöst und die Güter «friedvoll» den reformatorisch gesinnten Stadtherren übergeben hat. Was wiederum eine Klammer in meinem Kopf öffnet und zwar mit folgendem Inhalt: Hätte ein Mann sich auch friedvoll von den Gütern des Klosters getrennt, oder doch das eine oder andere für seinen persönlichen Nutzen abgezweigt? Hat die Äbtissin das auch getan? Immerhin wirkte sie danach weiter als Kunstmäzenin und Bauherrin, weiss Wikipedia. Frau von Zimmern verdanken wir zwei spätgotische, reich dekorierte Zimmer, die momentan im Zuge der dritten Renovationsetappe im Schweizerischen Landesmuseum restauriert werden. Aber auch die Stiftung einer Glocke für das Fraumünster mit «humanistischer Inschrift». Ist es wegen dieses Eintrags im Online-Lexikon, dass wir in den blau hinterleuchteten Rundbogenfenstern und der ehemaligen Eingangstür zur Kirche den Übergang vom Humanismus zum Posthumanismus sehen sollen? Versteht man Humanismus im Geiste der Renaissance, bedeutet er doch, viel zu knapp zusammengefasst, dass mit aufgeklärtem Wissen und Respekt vor den Mitmenschen die bestmögliche Entfaltung des Menschen ermöglicht werden soll. Ist demnach der Posthumanismus, wie wir ihn hier versinnbildlicht sehen sollen, die Überwindung des Menschen hin zur Hegemonie der Maschine? Oder hat man mit dem Satz einfach ein wenig zu hoch gegriffen? Einfacher als darüber nachzudenken ist es natürlich in den Kreuzgang zu gehen, ein Foto zu schiessen und diese mit dem Hashtag #alienbluelight auf Instagram hochzuladen.
 

Pamela Rosenkranz, Alien Blue Light, Fraumünster-Kreuzgang, 500 Jahre Zürcher Reformation 2018/2019. Bild: zvg

Apropos: Letzte Woche im blauen Schein meines Smartphones erschien mir erdenklich oft der rote Blutmond. Live habe ich ihn nicht gesehen. Ich weiss auch nicht, ob ich diese Mondfinsternis von Zürich aus hätte sehen können. Dieser Blutmond eben erinnerte mich schmerzlich daran, dass ich mich schon wieder in einer Filterblase befinde, der ich mit der Kündigung meines Facebook-Profils – was gar nicht so einfach ist – entweichen wollte. Nun ist das Ganze einfach zu Instagram übergeschwappt, wo ich scheinbar vielen Esoterikerinnen (ja, oft weiblich) folge oder von solchen verfolgt werde, Algorithmus sei dank. Da wird dem Blutmond oder dem indischen Guru gehuldigt, die heilsversprechende Visionboard-Methode angepriesen, mit der man jedes Ziel– beruflich, privat – erreichen kann. Ein paar Schnipsel aus einer Illustrierten ausschneiden und sie auf ein Stück Pappe kleben, mit positiven Gedanken und dümmlichen Schlagworten versehen und schon wird man erfolgreich, glücklich, you name it. Law of attraction heisst die Methode, die keine wissenschaftliche Grundlage hat, aber immer mehr Anhänger. New-New-Age statt Posthumanismus also? Antworten finden sich nicht auf Wikipedia, aber vielleicht im blauen Licht im Fraumünster-Kreuzgang. Noch bis zum 21. März 2019.


Alien Blue Night im Kreuzgang des Fraumünster, Zürich
Bis 21. März 2019
 
Öffentliche Führungen mit den Kuratorinnen: 7. Februar 2019, 12 Uhr und 7. März 2019, 18 Uhr, Fraumünster-Kreuzgang

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