Das Erbe von Ray Kappe lebt weiter

Susanna Koeberle
27. Februar 2020
Neben ihrer Arbeit als Architektin und Dozentin ist Ludovica Molo Direktorin des Instituts i2a und Präsidentin des BSA. (Foto: Robin Bervini)

Die heutige Direktorin des i2a und BSA-Präsidentin Ludovica Molo lernte Ray Kappe (1927–2019) in den 1990er-Jahren persönlich kennen und war seine Assistentin während seines letzten Unterrichtssemesters in Europa, das teilweise auch am SCI-Arc in Vico Morcote stattfand. Susanna Koeberle sprach mit ihr über Kappe und die Entwicklung des Instituts.

Ray Kappe wurde 1927 in Minneapolis in einer jüdisch-rumänischen Familie geboren. Er studierte Architektur in Berkeley und eröffnete 1954 sein eigenes Studio. Sein Interesse für das Unterrichten entwickelte sich in den frühen 1960er-Jahren, als er im Architekturprogramm der Universität von Südkalifornien lehrte. Im Jahr 1968 wurde er zum Gründungsvorsitzenden des Architekturprogramms an der «California State Polytechnic University» in Pomona gewählt und half bei der Gründung der «School of Environmental Design» mit. 1972 gründete Kappe zusammen mit Thom Mayne, Jim Stafford, Glen Small, Ahde Lahti, Bill Simonian und seiner Frau Shelly Kappe in Santa Monica die Schule, die später zum SCI-Arc (Southern California Institute of Architecture) wurde. Schon bald expandierte das Institut in die Schweiz. Der Ableger in Vico Morcote im Tessin wurde später unabhängig und benannte sich in i2a um. Heute ist das Institut in Lugano ansässig.

Wie kam es eigentlich zur Gründung von SCI-Arc? Was zeichnete diese Schule aus?


Das Projekt SCI-Arc entstand aus einem «Post-68er-Geist» heraus, aus einem Bruch mit dem Bekannten. Zusammen mit Gleichgesinnten verliess Kappe die Schule in Pomona und gründete in einem alten Schuppen im Industriegebiet von Santa Monica eine neue. Die ersten zehn Jahre war Ray Kappe Direktor der Schule. Das Konzept war extrem experimentell und gründete stark auf der Praxis. Die Studierenden lebten auch auf dem Campus. 

Und wie kam das Tessin ins Spiel?


Der Basler Architekt Martin Wagner war der erste europäische Student an der SCI-Arc, er machte dort einen Master und war auch Assistent von Ray Kappe und Thom Mayne (Morphosis). Schon im Jahr 1978 plante man einen europäischen Sitz. Dass diese Idee 1979 im Tessin umgesetzt wurde (zuerst in Carona und 1983 schliesslich in einer Villa in Vico Morcote), hängt mit Martin Wagner zusammen. Dieser arbeitete nach seiner Rückkehr aus Kalifornien unter anderem bei Dolf Schnebli im Tessin und gründete 1983 sein eigenes Büro in Carona. Das Programm von SCI-Arc im Tessin fand zunächst als Summer School statt. SCI-Arc hatte auch international einen guten Namen, es kamen Studierende aus aller Welt. 

Ray Kappe hinterlässt auch in der Schweiz sein Erbe. (Foto: Steve Shaw)
Wer unterrichtete denn in Vico Morcote?


Es gibt eine lange Liste von Leuten, die in Vico gelehrt und auch gewohnt haben. In einer alten Ausgabe von werk, bauen + wohnen wurde sogar ein Artikel über das Bett veröffentlicht, in dem so viele bekannte Architekt*innen geschlafen hatten. Das Besondere war aber, dass die Schule auch für das lokale, interessierte Publikum offen war. Zudem unterrichteten damals noch junge Tessiner Architekt*innen in Vico. Dazu gehören etwa Mario Botta, Aurelio Galfetti, Luigi Snozzi oder Flora Ruchat. Einige haben dort sogar zu lehren gelernt! Ich treffe heute noch Menschen, die mir sagen, wie stark Vico Morcote sie beeinflusst habe. 

Wie ging es weiter?


Immer mehr Studierende kamen aus den USA nach Vico, die Schule machte sich einen Namen, denn es lehrten bekannte Architek*innen dort. 1992 erhielt der Sitz erstmals finanzielle Unterstützung durch den Kanton Tessin. 1998 kam Lebbeus Woods nach Vico, die Arbeiten der Studierende wurden anschliessend in Wien ausgestellt. Kurz danach beschloss die Mutterschule in Kalifornien das Programm in Vico zu schliessen. Martin Wagner bekam das Angebot von Lebbeus Woods, ein unabhängiges Programm mit dem RIEA (Research Institute of Experimental Design) zu initiieren. Deswegen benannte man das Institut in i2a (International Institute of Architecture) um. Dieses ziemlich in sich geschlossene Programm dauerte allerdings nur zwei Semester. 

Im Jahr 2000 begann die Zusammenarbeit mit Lars Lerup und der Rice University. Ganz nebenbei: Die Bibliothek, die wir jetzt in Lugano haben, stammt von ihm. Er entwarf sie damals eigens für das Institut in Vico Morcote. Man lud auch andere internationale Schulen nach Vico Morcote ein. Dank dem damaligen Direktor Eric Moss kam 2002 erneut ein Austausch mit dem SCI-Arc in Gang. Das Programm hiess «SCI-Arc at i2a». Nach der Wirtschaftskrise 2008 verkaufte das SCI-Arc, das sich mittlerweile in Downtown L.A. befand, die Villa in Vico Morcote, das Institut i2a musste ab dann dem neuen Besitzer eine Miete zahlen.

Diskutieren über Architektur am Sitz von SCI-Arc in Vico Morcote (Foto: Archiv i2a)
Wann begannen Sie selber in Vico zu unterrichten?


Das war 2003 nach meiner Zeit an der Accademia von Mendrisio. Nach einem ersten Workshop schlug ich ein Dreijahresprogramm vor, das sich auf den Fluss Cassarate in Lugano konzentrieren sollte. 2006 übernahm ich die Koordination der Programme.

Sie sprachen vorhin von einer intensiven Zeit mit Ray Kappe. Wann war das und wie spielte sich das ab?


Nachdem ich Ray und Shelley Kappe in Kalifornien kennengelernt hatte, vertraute er mir seinen Wunsch an, ein letztes Semester in Vico zu unterrichten. Er war damals schon fast siebzig. Offiziell war er zwar immer noch im Vorstand, aber er hatte sich sonst zurückgezogen. Die Kappes kamen also 1996 nach Europa und wir reisten gemeinsam durch verschiedene Länder und besichtigten Bauten. Das Ganze war ziemlich abenteuerlich, denn er gab den Studierenden Anweisungen wie: «Ok, wir treffen uns in vier Tagen in Berlin vor dem Haus X. Bis dann». Ich hatte eher eine Schweizer Mentalität und war darum bemüht, alles für die Studierenden zu organisieren. Das war noch, bevor es Handys gab. Diese Reise prägte meinen Background und schuf auch eine enge Beziehung zu Ray und Shelley Kappe. Ich stellte ein vielseitiges Programm zusammen, das war schon sehr aufwendig.

Die Villa in Vico Morcote (Foto: Archiv i2a)
Wann übernahmen Sie die Direktion des i2a und welche Prägung gaben Sie dem Institut?


Das war 2011. Doch schon 2006 beschloss ich, das Programm wieder für ein breiteres Publikum im Tessin zu öffnen. Da ich lange an der Accademia gearbeitet hatte, wusste ich genau, was dort fehlte. Ich stellte die Ausstellungsserie «positions in space» auf die Beine. Das war eine Möglichkeit, wieder mit dem lokalen Territorium in Beziehung zu treten. Ich wollte ein Forum für die zivile Gesellschaft, ein Ort der Verbreitung von Baukultur schaffen. 2014 schlossen wir den Sitz in Vico Morcote und zogen 2015 in die Villa Saroli nach Lugano. 

Was ist für Sie persönlich die Hinterlassenschaft von Ray Kappe?


Für mich hatte Ray Kappe damals vor allem eine Welt geschaffen: in seinem Haus, in seiner Schule in Los Angeles und auch in Vico. Es war eine Welt, die – vielleicht typisch für diese Jahre – aus Austausch, Begegnung, der offenen Diskussion über Architektur und das Leben bestand; ohne Hierarchien oder Dogmen. Während unserer Reise durch Europa betrachteten wir unterschiedliche Bauten mit Neugierde, Staunen, Offenheit und letztlich einfach nur mit der Liebe zur Architektur. Später lernte ich Kappe besser kennen. Er kam immer wieder nach Vico und wir sprachen viel. Er vertraute mir Schritt für Schritt die Aufgabe – die Mission – an, Vico am Leben zu erhalten und wieder aufblühen zu lassen. Dem Ort, dem er so tief verbunden war, einen Sinn zu geben, der zu den ursprünglichen Themen der Architektur, zu ihrem Wesen zurückkehren würde.

Der heutige Sitz des Instituts i2a befindet sich im Erdgeschoss der Villa Saroli in Lugano. (Foto: Marcelo Villada Ortiz)

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