Der Preis der Pragmatik

 Juho Nyberg,  Jenny Keller,  Manuel Pestalozzi,  Susanna Koeberle
8. Februar 2018
Mit dem Bild des Lycée Français de Zurich haben Züst Gübeli Gambetti gut kommuniziert. Bild: Roger Frei
Das Lycée Français de Zurich in Dübendorf von Züst Gübeli Gambetti wurde zum Bau des Jahres 2017 gewählt. Eine Reflexion.
Erneut haben wir die Leserschaft von Swiss-Architects über den Bau des Jahres abstimmen lassen. 50 ganz unterschiedliche Objekte in der Schweiz (und eines in England) haben wir als Bau der Woche auf Swiss-Architects 2017 vorgestellt. Im neuen Jahr baten wir unsere Leserschaft, diese Auswahl zu überprüfen und den Bau des Jahres 2017 zu küren. Das Lycée Français de Zurich von Züst Gübeli Gambetti Architektur und Städtebau erhielt dabei am meisten Stimmen, dicht gefolgt vom Ausbau des Bahnhofes Zürich Oerlikon von 10:8 Architekten.
 
Viele Nutzer + gute PR = viele Stimmen
Wieso nun gerade das Lycée Français gewonnen hat, können wir nicht abschliessend beantworten. Denn bei der Abstimmung werden ja – sind wir ehrlich – Äpfel mit Birnen mit Haselnüssen verglichen, eine gewisse Subjektivität wohnt also jedem Urteil inne. Wir wollen beim Bau der Woche auch ausdrücklich unterschiedliche Bauaufgaben präsentieren, denn diese bilden die gebaute Realität in der Schweiz ab. Würden wir nur Museen, oder Einfamilienhäuser zeigen, wären die am Ende zwar einfacher zu vergleichen, widerspiegelten aber keineswegs den architektonischen Alltag.
 
Erst einmal muss ein Gebäude überhaupt Bau der Woche werden, bevor es in die Auswahl für den Bau des Jahres gelangt. Und auch wenn wir uns mit offenen Augen und Ohren durch die architektonische Landschaft der Schweiz bewegen, sehen wir nie alles. Auf der anderen Seite entdecken wir Dinge und Projekte, die wir unbedingt unserer Leserschaft präsentieren wollen, stossen aber bei den Autoren mit unserer Bitte um Unterlagen auf taube Ohren – so ist leider schon manche Anfrage im luftleeren Raum verhallt. Die Rubrik Bau der Woche erfreut sich aber nach wie vor reger Beliebtheit, und so manches Architekturbüro hat sie als PR-Kanal für sich entdeckt. Wir können uns nicht über mangelnde Anfragen und Einsendungen beklagen.
Das Lüftungskonzept maximiert die lichte Raumhöhe in den Klassenzimmern. Die Versorgung erfolgt über vertikale Stränge in den langen Korridoren und nicht über eine abgehängte Decke in den Schulzimmern. Bild: Roger Frei
Anerkennend stellen wir zum Siegerprojekt fest: Das Lycée Français wurde gut kommuniziert. Uns wäre wohl nicht das pragmatische Gebäude in Dübendorf in den Sinn gekommen; auch wenn wir das Zwicky-Areal in der nahen Nachbarschaft alle schon besucht haben. Die Architekten sind sich der relativen Unauffälligkeit ihres Schulhauses auch bewusst und meinten zu ihrem Erfolg: «Wir freuen uns riesig, dass unser «Design-to-Cost»-Bau aus 50 starken Projekten zum Bau des Jahres 2017 gewählt wurde. Das ist wohl der schönste Beweis, dass sich Nutzerbeteiligung am Entwurfsprozess auszahlt.» Ein eng gesteckter Kostenrahmen und die vielfältigen Nutzungen waren laut dem Architekten Michel Gübeli die entscheidenden Herausforderungen für das Projekt gewesen. Die Schule beinhaltet einen Kindergarten, eine Primar- und Sekundarschule, ein Gymnasium, eine Doppelturnhalle, eine Einstellhalle und Gastronomieräumlichkeiten. In einem engen Austausch mit Totalunternehmer, Elternkomittee, Rektorat und den Kindern und Lehrern habe ein partizipativer Entwurfsprozess zu einem Ergebnis geführt, mit dem sich nun alle identifizieren können, sagt er im Interview «Viel Schule für wenig Geld», in dem das Schulhaus als Bau der Woche im letzten Herbst vorgestellt worden ist.

Vielleicht wurde deshalb auch so engagiert für das Bauwerk abgestimmt, weil viele (zufriedene) Nutzer automatisch viele Stimmen bedeuten? Empirisch ist diese Vermutung beinahe bewiesen, denn auch auf den Schwesternplattformen German-Architects und American-Architects wurden Schulen zum Bau des Jahres gewählt. Die Maria-Ward-Schulen in Bamberg von Peck Daam Architekten erhielten in Deutschland die meisten Stimmen. Und in den USA belegte das von Leers Weinzapfel Associates entworfene John W. Olver Design Building, University of Massachusetts Amherst, den ersten Platz.
Das Farbkonzept wurde mit dem Elternkomitee erarbeitet. Bleu, Jaune (Blanc wäre wohl zu farblos), Rouge und die Mischformen der «Trikolore von Dübendorf» sollen unterschiedliche Stimmungen evozieren.
Ceci n’est pas une architecture parlante
Können wir uns auch mit dem Objekt identifizieren? Ja natürlich, wir haben es schliesslich als Bau der Woche präseniert. Zudem ist es sehr positiv, dass ein öffentliches Gebäude die Abstimmung zum Bau des Jahres gewinnt – auch wenn es sich um eine Privatschule handelt. Das Farbkonzept, das zusammen mit dem Elternkomitee entworfen worden ist und den Schülerinnen und Schülern positive Grundstimmungen wie Harmonie, Freude und Wohlbefinden vermitteln soll, fällt auf. Aber insgesamt haben wir es mit einem neutralen Gebäude in einem globalen Umfeld zu tun. Mit wenig Mitteln entstand ein Schulhaus als rationale Anlage, das Raumprogramm wurde relativ sec aufeinandergestapelt. Ein langgezogener fünfgeschossiger Hauptbautrakt kennzeichnet das Ensemble und zwei niedrigere Anbauten, der eine ist Lufthof über der Turnhalle, der andere beherbergt den Kindergarten, flankieren einen eingezäunten Spielhof mit einem elastischen Sportbelag. Weitere Aussenräume befinden sich auf dem Dach des Mensatrakts und über dem Eingangsbereich der Turnhalle. Kleine «Erfindungen» zeichnen den Entwurf aus: So verhilft das Lüftungskonzept zu mehr Raumhöhe, weil die Verteilung über vertikale Elemente in den langen Korridoren geschieht und nicht über eine abgehängte Decke in den Schulzimmern. Insgesamt wurde aber eine hohe Flexibilität angestrebt, um das Gebäude auch für künftige Anpassungen fit zu machen. Es gibt diverse «Leerstellen», die die Nutzer ausfüllen können – oder von neuen Nutzungen ausgefüllt werden können.
 
 
Das Lycée Français ist kein Edelstein, es wurden Prioritäten gesetzt, wie es sonst bei preisgekrönten Objekten nicht üblich ist. Die Kosten waren eng, wie die Architekten, die den Auftrag vom Totalunternehmer Losinger-Marazzi erhalten haben, betonen. Doch wie günstig war es wirklich? Losinger Marazzi kommuniziert Baukosten pro Schüler, und die sind schwer zu vergleichen. Man muss in fünf oder 10 Jahren überprüfen, wie das Lycée Français gealtert ist (s. günstige Bauweise), ob nun mehr oder weniger als die aktuellen 1000 Schüler hier zur Schule gehen – und ob die Nutzerinnen und Nutzer sich wirklich mit ihrem Schulhaus identifizieren.
Auch der Gingko hält sich ans Farbkonzept. Zumindest im Herbst. Bild: Roger Frei

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